Nadim Vardag bei FOX, Wien

Ort
Kunstszene
Künstler
Nadim Vardag, Neue Ordnung, 2019, Ausstellungsansicht, FOX, Wien

Fox

Marxergasse 16, 1030 Wien
Österreich

KünstlerIn: Nadim Vardag

Titel: Neue Ordnung

Datum: 14. September bis 4. Oktober 2019

Fotografie: Courtesy the artist

Ausstellungstext:

:D

Wenn auf Alte Muster, die letztjährige Ausstellung von Nadim Vardag in der Georg Kargl Box, nun eine Schau mit dem Titel Neue Ordnung folgt, ist es beinahe unmöglich der Versuchung zu widerstehen, dies als eine Form der ‚Titelpolitik’ zu interpretieren. Kein Wunder, gehören doch Titel – und all die anderen, sozusagen rituellen, Begleiter von Ausstellungen wie Einladungs-karten, Poster oder Pressetexte samt der demonstrativen Nennung von Künstlernamen – zum festen Inventar dessen, was Alexander Alberro anhand der konzeptuellen Projekte der Künstler um Seth Siegelaub Ende der 1960er Jahre im Nachhinein als politics of publicity beschrieben hat. Nicht, dass es damit sein Bewenden gehabt hätte. Im Gegenteil hat sich die Situation heute dahingehend sogar noch verschärft, indem die einst instrumentellen politics of publicity unter aufmerksamkeitsökonomischem Druck insgesamt an die Stelle der Kunst, vom sekundären Rang auf den ersten Platz gerückt und somit substanziell geworden sind. Die Kunst als System wurde damit zur visuellen Kommunikation, Kunstwerke manifestieren sich als Grafikdesign und social media-Kanäle flankieren diesen Zustand als eine neue Form individuellen Expressionismus’.

Nadim Vardag weiß über solche Zusammenhänge natürlich Bescheid. Umso perfider allerdings, dass ich bisher keinen Weg gefunden habe, seinem veröffentlichungspolitischen Manöver nicht auf den Leim zu gehen. Dass ich die beiden Titel Alte Muster und Neue Ordnung entsprechend also im Sinne einer Entwicklungslogik lese, bei der aufs ‚Alte’ bekanntlich meist das ‚Neue’ folgt – wobei Neues in der aktuellen Ära des vielbeschworen Disruptiven nicht zwangsläufig Fortschritt sondern geradezu annoyingly oft Regression bedeutet: bei Start-ups und in der Kunst. Und auch der Schritt vom ‚Muster’ zur ‚Ordnung’ macht mich nicht glücklicher, auch wenn dieser Schritt eine wesentlich vielversprechendere Form der Entwicklung als die von ‚alt’ nach ‚neu’ birgt. Musik ist nämlich dann drin, wenn sich ein kategorialer Lagenwechsel anzeigt. Selbst wenn wir uns in einem semantisch immer noch einigermaßen kohärenten Feld aufhalten, mögen Muster zwar, um als solche identifiziert werden zu können, Ordnungen folgen aber nicht jede Ordnung lässt automatisch auf ihr Muster durchblicken. Doch wer, außer Profilern, blickt da noch durch?

Die aktuelle Ausstellung im FOX bringt (nicht ganz so) Altes – druckgrafische Arbeiten mit dem Motiv des ‚Knotens’, gewebe- oder eben knotenartigen Strukturen, die in ähnlicher, älterer Form schon in der Box zu sehen waren – mit neuen Arbeiten zusammen, die – wie es sogenannte ungegenständliche Kunst gerne ist – sich nicht entscheiden mögen, ob sie nun lieber ‚Bild’ oder ‚Objekt’ sind und jedenfalls aus Material gemacht wurden, das üblicherweise Bilder von ihrer Umgebung abzugrenzen hilft: Rahmenleisten nämlich. Das ist in line mit früheren Arbeiten Vardags, die ins Zentrum des künstlerischen Geschehens geholt haben, was üblicherweise eher an dessen Peripherie und da an der Außenkante zur Kunst liegt: Verpackungskisten etwa, Stell- und Hängevorrichtungen, die uns gezeigt haben, was alles immer schon den Blick mitkonditioniert hat, wenn der oder die Sehende denkt, gerade Kunst gespottet zu haben. Nachdem Disruption, wie gezeigt, allerdings nicht automatisch Progression bedeutet, kann das als Akt und Verweis sehr wohl immer noch lustig sein, speziell, wenn man das prekäre Verhältnis von Muster und Ordnung nicht aus dem Auge verliert.

- Hans-Jürgen Hafner