Michaelina Wautier – Selbstbewusste Malerin

Das Kunsthistorische Museum widmet seine Herbstausstellung 2025 Michaelina Wautier, einer bedeutenden, jedoch kaum bekannten Künstlerin des 17. Jahrhunderts.
„Die Themenvielfalt der Werke, die von Michaelina Wautier bekannt sind, ist beeindruckend, vor allem wenn man bedenkt, dass sie in einer Zeit gelebt hat, in der Künstlerinnen vorwiegend im Metier der Blumenstillleben tätig waren. Doch weiß man bemerkenswert wenig über die Künstlerin und ihr Werk“, erklärt Gerlinde Gruber, Kuratorin für Flämische Malerei am Kunsthistorischen Museum.
Die Ausstellung im KHM bietet erstmals die Gelegenheit, nahezu das gesamte bislang bekannte Œuvre der Künstlerin im Kontext ihrer Zeitgenossen wie Peter Paul Rubens oder Anthonis van Dyck zu sehen. Dass die große Herbstausstellung der Künstlerin gewidmet ist, ist an sich schon ein bemerkenswertes Statement und stellt ihr Werk ganz klar in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit. Generell war es höchste Zeit, im Kunsthistorischen Museum eine monografische Schau zu einer Künstlerin zu machen.
Wautier signierte viele ihrer Bilder sehr selbstbewusst und machte damit deutlich, dass sowohl die Ausführung als auch die Idee des Bildkonzeptes von ihre stammt.
Doch ein zweiter Aspekt macht diese Ausstellung so bemerkenswert: Sie gibt einen Einblick in die internationale kunsthistorische Forschungstätigkeit des Museums – und sie dokumentiert keinen finalen Status, sondern einen, wenngleich auch weit fortgeschrittenen, Zwischenstand.

Michaelina Wautier, Selbstporträt, um 1650, Öl auf Leinwand, 120 x 102 cm, Privatsammlung, Foto © Museum of Fine Arts, Boston
MICHAELINA WAUTIERS BILDER IM KUNSTHISTORISCHEN MUSEUM – EINE WECHSELVOLLE GESCHICHTE
Ein zentrales Werk der Schau ist der „Triumph des Bacchus“. Es ist das Hauptwerk der Künstlerin und hat, wie auch viele andere von Wautiers Bildern, eine wechselvolle Geschichte. Denn das Format des Gemäldes wurde verändert: 1732 wurde das Bild mit einer Zuschreibung an Cornelis Wautier (Cornelis Vaudrier) nach Prag transferiert und im Zuge der Renovierung der Prager Burg 1763 unter Maria Theresia an die Architektur des Tafelzimmers eingepasst. Es erhielt eine Anstückung, verlor aber rund 40 Zentimeter an Breite. 1890 kam das Gemälde wieder nach Wien, 1892 scheint es im Sammlungskatalog des habsburgischen Besitz als Cornelis Schut auf.
AUF JEDEN FALL KEINE MALERIN
Zuschreibungen, die fehlerhaft waren, Ungenauigkeiten in der Namensnennung zwischen Michaelina und ihrer Schwester Magdalena sowie mehrmalige Umhängungen der Sammlung erschwerten die Identifizierung ihrer Werke und führten dazu, dass die Künstlerin von der Bildfläche verschwand. Anfang des 20. Jahrhunderts erkannte Gustav Glück, Kunsthistoriker und damaliger Leiter der Gemäldegalerie am Kunsthistorischen Museum, zwar, dass der „Triumph des Bacchus“ kein Werk von Schut war, doch die Autorinnenschaft einer Künstlerin hielt er für unmöglich. Derartige Formate und auch die kraftvolle und detailgenau Darstellung von Aktfiguren waren für ihn schlicht nicht denkbar im Repertoire barocker Künstlerinnen. In der Folge wurde das Gemälde zunächst als Werk eines unbekannten Meisters gezeigt und dann ins Depot verbannt, zeichnet Gerlinde Gruber das weitere Schicksal des Bildes nach. Michaelina Wautier geriet vollkommen in Vergessenheit.
Erst 1967 wurde der „Triumph des Bacchus“ von dem Kunsthistoriker Günther Heinz wieder der Künstlerin zugeschrieben. Das Bild wurde restauriert und 1968 in der Sekundärgalerie präsentiert. Ein kurzer Auftritt, der allerdings 1991 wieder endete, als Wautiers monumentales Werk zurück ins Depot wanderte.
WAUTIER BETRITT WIEDER DIE BÜHNE DES KUNSTKANONS
Doch wer das Bild einmal gesehen hatte, war beeindruckt und wollte mehr über die Künstlerin wissen, denn der „Triumphzug des Bacchus“ überrascht in vieler Hinsicht:
Wautier fand für das Motiv aus der antiken Mythologie eine erstaunliche Bildkonzeption – sie malt den Gott des Weines mit einem sehr athletischen Körper und platziert ihn auf einem schlichten Karren, der von einem Faun geschoben wird. Und sie malt sich selbst als Mänade in die Szene, als halbnackte Frau am rechten Bildrand, die selbstbewusst den Blickkontakt mit den Betrachter:innen sucht. Kein Wunder also, dass man über die Künstlerin mehr erfahren möchte. Wie war es ihr möglich, derart genaue Aktstudien zu machen, wo hat sie ihr Handwerk gelernt und welche Auftraggeber hatte sie? Was bewegte sie dazu, ihre Bilder bewusst mit Michaelina, der lateinischen Form von Michelle, zu signieren?
Das erfahren Sie in unserer Ausgabe PARNASS 03/2025.

Michaelina Wautier, Der Triumph des Bacchus, 1655/59, Öl auf Leinwand, 271,5 x 355,5 cm, Kunsthistorisches Museum, Gemäldegalerie, © KHM-Museumsverband

Michaelina Wautier, Die fünf Sinne (Der Geruchssinn), 1650, Öl auf Leinwand, 69,5 x 61 cm, Rose-Marie and Eijk Van Otterloo Collection, Boston, Foto © 2025 Museum of Fine Arts, Boston

