Im Kampf KI vs. analog brilliert Miao Ying mit Hybridität

Miao Ying stellt die richtigen Fragen

Ausstellungsansicht "Miao Ying. Come, Sit, Stay", Belvedere 21, Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien

Wer hat die Zügel in der Hand? Jene, die Prompts verfassen, oder jene, die die KI programmieren – oder überhaupt die KI selbst? Wer hält die künstlerische Autor:innenschaft? Jene, die ausführen, oder jene, die aushecken? Und wer hat das letzte Wort? Miao Ying stellt in ihrer ersten Museumsausstellung in Europa kluge Fragen.


Wer sich Zeit für die Schau im Belvedere 21 nimmt, in der KI generierte Ästhetik auf analogen Ausdruck trifft, lernt nicht nur einiges über den Kreativkampf zwischen Original und Kopie, sondern auch über die kulturellen Unterschiede akademischer Kunstausbildungen in Europa und China. Miao Ying, 1985 in Shanghai geboren, hat zunächst gelernt, Malen nach Zahlen auf Spitzenniveau zu praktizieren, um sich dann wieder davon zu befreien und ihre eigene künstlerische Ausdruckskraft zu suchen. In einer Allianz mit der KI produziert sie Bildwelten, die von chinesischen Maler:innen nach Vorlage perfekt analog und emotionslos umgesetzt werden – um dann von Miao Ying mit hastigen Pinselstrichen vollendet und zum künstlerischen Original aufgewertet zu werden. Es ist ein komplexes System, doch genau hier will die Künstlerin den Finger in die Wunde legen.

I was trained to execute, not to be creative.

Miao Ying

Leere Arbeitsplätze verweisen im Ausstellungssetting darauf, wie die Allmacht der KI unsere Daseinsberechtigung als Arbeiter:innen aushebelt – auch vor der Kunstwelt, so die These, macht sie nicht halt. Man muss die KI zähmen wie einen Hund: „Come, Sit, Stay“ betitelt sie die Schau im Untergeschoss des Belvedere 21.

Miao Ying, Perfect Sameness Makes Difference, live simulation on PC (Still), 2026, © Miao Ying, Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder, Wien

Miao Ying, Perfect Sameness Makes Difference, live simulation on PC (Still), 2026, © Miao Ying, Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder, Wien

Ausstellungsansicht "Miao Ying. Come, Sit, Stay", Belvedere 21, Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien

Ausstellungsansicht "Miao Ying. Come, Sit, Stay", Belvedere 21, Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien

Ausstellungsansicht "Miao Ying. Come, Sit, Stay", Belvedere 21, Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien

Ausstellungsansicht "Miao Ying. Come, Sit, Stay", Belvedere 21, Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien

Miao Ying, Perfect Sameness Makes Difference, live simulation on PC (Still), 2026, © Miao Ying, Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder, Wien

Miao Ying, Perfect Sameness Makes Difference, live simulation on PC (Still), 2026, © Miao Ying, Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder, Wien

Miao Ying lebt und arbeitet in New York. Die Wiener Schau ist ihre erste große Personale in Europa – nach Präsenzen unter anderem im New Museum in New York und am M+ Museum in Kowloon. 2018/19 wurde sie mit der Porsche-Auszeichnung Young Chinese Artist of the Year geehrt, 2023 für den Sigg Prize des M+ Museums in Hongkong nominiert.

Ausgehend vom eigenen Erleben thematisiert die Künstlerin verschiedentliche Entwicklungen entlang der globalen Achsen. Als Digital Native hat sie die Öffnung Chinas zum Westen ebenso hautnah miterlebt wie die Digitalisierungsflut und die schrittweise Transformation eines zunächst offenen Internets in das durch die Great Firewall regulierte System von heute.

Wo werden von außen Grenzen gezogen? Das Ich und das Sein gebändigt? „I was trained to execute, not to be creative“, referenziert sie ihre eigene Kunstausbildung im Interview mit PARNASS. „I had to unlearn my training", beschreibt sie die persönliche Entledigung der Zügel. Am Hundetraining erkennt Miao Ying viele metaphorische Potenziale – so spricht sie im Gespräch mit PARNASS über das Verb „fetch“: „We fetch data, and we throw a dog toy for them to fetch it and take it back.“

Und hinter allem die tagesaktuelle Frage: Wie geht KI mit ihrem Training um? Erst im Juli Woche wurden Schlagzeilen laut, weil ein KI-Modell von OpenAI im Training offenbar „ausbrach“ und eigenständig Aktivitäten auf der KI-Plattform Hugging Face unternahm. „Unser Wunsch nach Kontrolle ist kein neues Phänomen“, betont Kurator Sergey Harutoonian – ginge es jetzt darum, Maschinen und KI zu kontrollieren, so sei dies in der Tierzucht ein Jahrtausende alter Umstand.

Um all diese Ebenen der Schau aufzufächern, lohnt es sich, das umfangreiche in der Ausstellung bereitgestellte Textbeiwerk zu lesen. Werk und Vermittlung gemeinsam gelingt dann das, was man sich von einer guten Ausstellung wünscht: ein Denkanstoß.

Miao Ying, Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien

Miao Ying, Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien

 


Miao Ying.
Come, Sit, Stay

bis 04. Oktober 2026
Belvedere 21, Wien

Mehr Informationen

Ausstellungsansicht "Miao Ying. Come, Sit, Stay", Belvedere 21, Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien

Ausstellungsansicht "Miao Ying. Come, Sit, Stay", Belvedere 21, Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien

PARNASS 03/2026

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