„Turning Pages“ im MAK

Mehr als nur Papier: Wenn Bücher zu Kunstwerken werden

Ort
Kunstszene
MAK Ausstellungsansicht, 2025, TURNING PAGES. Künstler*innenbücher der Gegenwart, Zentraler Raum MAK Design Lab, © MAK/Christian Mendez

Das Buch als Kunstwerk und das Kunstwerk als Buch: Seit den 1960er-Jahren denken Künstler:innen das Medium Buch neu und nutzen es als Ausdruck kreativer Konzepte und Ideen. Bereits 2017 zeigte die Kunsthalle Wien die sehenswerte Zusammenstellung „Publishing as an Artistic Toolbox: 1989–2017“, nun legt das MAK eine kleine, feine Schau zu Ehren künstlerischer Publikationen nach.


„Turning Pages“ heißt es aktuell im Untergeschoss des MAK. Hier laden rund 300 Publikationen zum Blättern ein – nunja, leider nicht wortwörtlich, denn viele Seiten wurden voraufgeschlagen und präsentieren sich hinter Glas. Bücher sind sensible Zeitgenossen und können eben auch – dies macht die Schau mehr als deutlich – selbst Kunstwerk sein. „A book by an artist, not about art, but as art in itself“, so beschrieb die US-amerikanische Schriftstellerin Lucy R. Lippard 1977 das Künstler:innenbuch.

Seit Jahrzehnten ist das Buch ein Experimentierfeld, Erweiterung der klassischen künstlerischen Arbeit, Dokument und limitiertes Sammelstück. In ihren Bucharbeiten überführen Künstler:innen zeichnerische, malerische, fotografische oder filmische Strategien ebenso wie klangliche Elemente in das Format des Buches. Archivmaterial, fotografische Fundstücke, typografische Strukturen und Relikte druckgrafischer Verfahren werden zu eigenständigen Konzepten montiert, die das Buch als Ort verdichteter ästhetischer Erfahrung begreifen.

Nicole Wermers, Croissants & Architecture © the artist, 2016. Courtesy of Publication, Foto: MAK / Christian Mendez

Nicole Wermers, Croissants & Architecture © the artist, 2016. Courtesy of Publication, Foto: MAK / Christian Mendez

Die von Bärbel Vischer, Kustodin der MAK-Sammlung Gegenwartskunst, kuratierte Ausstellung verdeutlicht, wie vielfältig künstlerische Publikationen ausfallen können – in Format, Umfang und vermeintlichem „Zweck“. Plakative Kalender von Toni Schmale treffen auf Foto-Leporellos von Ed Ruscha und Lyrik von Corita Kent.

Es ist ein Wandeln durch Kunstgeschichten, nachvollziehbar an den Bücherrücken, das zahlreiche namhafte Protagonist:innen versammelt: In der von Architekt Robert Müller gestalteten Ausstellung entsteht mit Werken von unter anderem Alighiero Boetti, Marcel Broodthaers, Milena Büsch, Ernst Caramelle, Tony Cokes, Ramesch Daha, Heinrich Dunst, Cerith Wyn Evans, Hans-Peter Feldmann, Heinz Frank, Isa Genzken, Maria Lassnig, Dirk von Lowtzow, Olaf Nicolai, Claes Oldenburg, Yoko Ono, Florian Pumhösl, Andreas Reiter Raabe, Dieter Roth, Daniel Spoerri, Cy Twombly und Christopher Wool ein spannungsreiches Panorama.

MAK Ausstellungsansicht, 2025, TURNING PAGES. Künstler*innenbücher der Gegenwart, Zentraler Raum MAK Design Lab, © MAK/Christian Mendez

MAK Ausstellungsansicht, 2025, TURNING PAGES. Künstler*innenbücher der Gegenwart, Zentraler Raum MAK Design Lab, © MAK/Christian Mendez

In Zwischentönen thematisiert die Schau auch die komplexe Beziehung analog vs. digital. Zu sehen ist etwa „A House of Dust“ (1967) von Alison Knowles, eines der ersten computergenerierten Gedichte. Gerade in einer Gegenwart, die von digitalen Bildern und KI-generierten Visualitäten dominiert wird, erfährt das Künstler:innenbuch neue Relevanz: als haptische Denkform und experimentelle Bühne medienübergreifenden Arbeitens.

Auch Kunstzeitschriften finden Raum. In einer Vitrine wird etwa jene Ausgabe von ARTnews aus dem Jahr 1980 präsentiert, die unter der Schlagzeile „Where are the great men artists?“ ikonisch Künstlerinnen versammelt. Natürlich hätten wir uns als größtes Kunstmagazin Österreichs auch über einen PARNASS in den Vitrinen gefreut, schließlich wurden wir nur ein Jahr später, 1981, gegründet und feiern heuer stolze 45 Jahre.

Für bibliophile Kunstfans gibt es nicht nur Magazine, sondern auch eine eigenwillige Begleitpublikation zur Ausstellung. Gestaltet vom Atelier Dreibholz (Paulus M. Dreibholz & Angelika Mayr), spielt sie mit den vielfältigen Facetten des Buchobjekts und stellt ausschließlich Beiträge von Künstlerinnen vor – als Impuls, vor dem Hintergrund, dass Frauen in der Geschichte des Künstler:innenbuchs lange unterrepräsentiert waren.

Milena Büsch, Möbel und Lampen © the artist, saxpublishers, Wien, Foto: MAK / Christian Mendez

Milena Büsch, Möbel und Lampen © the artist, saxpublishers, Wien, Foto: MAK / Christian Mendez

 


TURNING PAGES
Künstler*innenbücher der Gegenwart


Zentraler Raum MAK Design Lab

bis 22.03.2026


MAK Ausstellungsansicht, 2025, TURNING PAGES. Künstler*innenbücher der Gegenwart, Zentraler Raum MAK Design Lab, © MAK/Christian Mendez

MAK Ausstellungsansicht, 2025, TURNING PAGES. Künstler*innenbücher der Gegenwart, Zentraler Raum MAK Design Lab, © MAK/Christian Mendez

 

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