Maximiliane Baumgartner im Neuen Essener Kunstverein

Maximiliane Baumgartner, Ich singe nicht für Bilder schöne Lieder, 2019, Ausstellungsansicht, Neuer Essener Kunstverein, Essen

Neuer Essener Kunstverein

Bernestrasse 3, 45127 Essen
Deutschland

Künstler: Maximiliane Baumgartner

Titel: Ich singe nicht für Bilder schöne Lieder

Datum:  15. Februar 2019 – 21. April 2019

Fotografie: All images copyright and courtesy of the artist and Philipp Kurzhals/Neuer Essener Kunstverein

Notiz: Curated by Moritz Scheper

Ausstellungstext:

Maximiliane Baumgartners Ausstellung im Neuen Essener Kunstverein, „Ich singe nicht für Bilder schöne Lieder“, thematisiert die Vermittlung von Malerei bereits im Titel. Die repräsentative Fassade des Kunstvereins migriert in die Serie von Malereien, die in Bezugnahme auf Jean Genets Theaterstück Der Balkon entstanden ist. Genets Stück liest sich als Gleichnis einer allumfassenden Sehnsucht nach Repräsentanz und Machterhalt, aber eben auch auf den trügerischen Aspekt von Bildern und ihren vermeintlichen Bedeutungen. 

Das Balkonmotiv wird in den Malereien als vielschichtiges metaphorisches Gleichnis für gegenwärtige politische Verhältnisse herangezogen, das je nach Kontext einen Übergangsraum, die Schwelle von Privatem und Öffentlichem, aber auch die exponierte Position von Repräsentanz symbolisieren kann. Gleichzeitig bildet der Balkon, und damit auch jedes Bild von ihm, für Baumgartner ein szenografisches Element, das einen Raum für die Vermittlung der eigenen Arbeit aufspannt.

In Baumgartners Arbeit verbinden sich so zwei Felder, die zumeist getrennt voneinander bleiben, obwohl sie eigentlich aufeinander angewiesen sind: Und zwar die künstlerische Setzung einerseits, sowie ihre ästhetische und inhaltliche Vermittlung andererseits. Pädagogische Reformer*innen finden sich darin ebenso wie reformistische Spielsettings oder Bezüge zu Architektur und dem öffentlichen Raum. Zudem bricht Baumgartner die Abgeschlossenheit einzelner Bilder über die speziellen Formate ihrer Bilder auf, die durch ihre Zuschnitte Anknüpfungspunkte an die Räume ihrer Präsentation suchen. Entsprechend werden einzelne Arbeiten dann auch statt Bilder szenische Elemente, die einen Raum zu den Bildern öffnen, den man vielleicht als Raum der Vermittlung beschreiben könnte. Ganz konkret geschieht dieser Schritt von der Fläche in den Raum mit der Fassadenfront des Kunstvereins, die Baumgartner in den Raum spielt.

Das Spektrum von Distanz und Involviertheit findet ebenfalls auf inhaltlicher Ebene statt. Drei Malereien beziehen sich auf die postdemokratische Entleerung der politischen Repräsentanz. Das deutsche Parlament, erkennbar an den blauen Sitzen, wird mit verschiedenen malerischen Mitteln in größtmöglicher Distanz vom Besucherbalkon gezeigt. In Genets Drama, das eher ein Denkansatz für diese Ausstellung bildet, geht es aber auch um die Macht von Bildern, was in der Ausstellung natürlich ebenfalls extrem präsent ist, man denke nur an das Bild der leeren Parlamentssitze, welches die AfD (in Wiederholung der NSDAP) ja produzieren will, überhaupt an das Parlament als Bild der repräsentativen Demokratie.

Dieser im Angesicht neu-rechter Strukturen leerzulaufende technokratische Apparat, der die parlamentarische Demokratie von innen gefährdet, wird in der Ausstellung verglichen mit der deutschen Fabel vom Esel, der lesen lernt. Dieses frühe Satire eines verknöcherten Technokratentums erzählt von einer Prüfungskommission, die sich von den Lesefähigkeiten eines Esels überzeugen lässt, nur weil dieser Iih-Aah sagen kann – Repräsentanten, die sich in ihrer Rolle genügen.

Der repräsentativen Distanz stellt Baumgartner ein verstecktes Selbstporträt "Wanderpoetinnen I" entgegen, das die Künstlerin in der Rolle des Poeten, Tänzer und Lebensreformers Gusto Gräser zeigt, der gerade seinen Hummeltanz aufführt. Das Bild geht zurück auf einen Tanz, den Baumgartner als Gräser verkleidet in dem Aktionsraum und kunstpädagogischen Projekt „Der Fahrende Raum“ mit Jugendlichen aufgeführt hat. Im Bild aktiviert sie zum einen diese heute etwas vergessene “Figur der Alternativbewegung“ sowie Mitbegründer der Künstlerkolonie Monte Verità, wobei sie vor allem einen sichtbaren Bruch mit einer eher männlich dominierten Tradition betont. Zudem appelliert das Bild gerade in Verbindung mit der ausgestellten Distanz zum Parlament daran, sich zu involvieren.