Marinas Meisterklasse oder Ertanz dir deinen Beuys!

Marina Abramović: Vor Wien kommt Beuys

Marina Abramović, 7 Easy Pieces, Performing Joseph Beuys, How to Explain Pictures to a Dead Hare (1965), Solomon R. Guggenheim Museum, New York, 2005, Foto: Attilio Maranzano, © Courtesy of the Marina Abramović Archives

Wo Abramović draufsteht, muss die Künstlerin nicht unbedingt drinnen sein. Wenn, wie in diesem Fall, in kleinen Dosen. Und das ist gut so: Bei der facettenreichen wie inspirierenden Präsentation mit dem sperrigen Titel „Marina Abramović & MAI im Dialog mit Joseph Beuys“ sind es vor allem 13 internationale Künstler:innen des Instituts, die diese Show zu einem unverwechselbaren Erlebnis machen. Und Beuys, natürlich.


 

Sie hat es via Zoom vorab angekündigt. Sie werde nicht zur Eröffnung der Ausstellung ins Museum Schloss Moyland kommen, denn sie wolle vermeiden, dass alle Premierengäste hauptsächlich ein Gespräch mit ihr suchen. Eine Vermutung, die mit hoher Wahrscheinlichkeit so auch passiert wäre. Noch dazu, wenn in Betracht gezogen wird, dass Weltstar Marina Abramović in diesen Tagen zusätzlich mit dem Praemium Imperiale ausgezeichnet wurde. Der Preis wird gemeinhin als der Nobelpreis der Kunst bezeichnet. Sie werde sich die Ausstellung ganz privat einmal ansehen, ohne viel Aufsehen, kündigte sie am Ende des Gesprächs an. Die Dekanin besucht ihre Meisterklasse, sozusagen.

Ein Schloß voller Kunst

Aber zurück ins beschaulich-romantische Schloss Moyland. Das Museum beherbergt nicht nur eine der größten Sammlungen von Arbeiten Joseph Beuys, der in dieser Region aufgewachsen ist, sondern auch sein Archiv mit Briefen, Texten, Urkunden und Ausstellungskonzepten. Die seit 2022 amtierende Direktorin Antje-Britt Mählmann möchte das Museum einem breiteren Publikum öffnen, und mit dieser Ausstellung ist ihr der erste große Wurf gelungen.

Ausgehend davon, dass Abramović während einer Performance-Serie 2005 im New Yorker Guggenheim Museum Beuys’ Aktion „Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt“ re-enacted hat, werden in einer informativen Präsentation die Parallelitäten im Kunstschaffen der beiden Künstler aufgezeigt. Jedoch auch die Widersprüche. Wenn Abramović zum Beispiel dezidiert der Feststellung von Beuys entgegnet, dass „nicht jeder Mensch ein Künstler sein kann“. In dieser Ansicht könnte auch die Gründung des Marina Abramović Instituts liegen. Seit 2012 werden in diesem nomadischen Institut – es gibt kein fixes Hauptquartier – Künstler:innen aus allen Kunstsparten wie Tanz, Malerei, Fotografie für Performances geschult und trainiert. Wenn man die langandauernden Performances der Gründerin kennt, ist es verständlich, dass das Training des Durchhaltevermögens weit oben am Stundenplan steht.

Besuch bei Marina Abramović in New York City im Rahmen der Reise der Ministerin für Kultur und Wissenschaft des Landes NRW, Frau Ina Brandes, vom 26. bis 29.3.2023, Foto: MKW/Tobias Everke

Besuch bei Marina Abramović in New York City im Rahmen der Reise der Ministerin für Kultur und Wissenschaft des Landes NRW, Frau Ina Brandes, vom 26. bis 29.3.2023, Foto: MKW/Tobias Everke

Moyland-Direktorin Mählmann hat das grundlegende Konzept für die Ausstellung „Marina Abramović & MAI im Dialog mit Joseph Beuys“ entwickelt und gemeinsam mit Serge le Borgne, dem Leiter von MAI, und dem Choreografen und Kurator Billy Zhao realisiert: Das Konzept sah vor, dass sich 13 internationale Künstler:innen im März 2025 vorerst zu einer einmonatigen Residency im Kunstlabor „ArToll“ in Bedburg-Hau und im Museum zusammenfinden, um sich mit dem Leben und Werk von Joseph Beuys intensiv, tiefgehend sowie künstlerisch auseinanderzusetzen. Aus dieser Auseinandersetzung entstanden 13 individuelle Performances und Installationen, die nicht nur das Oeuvre, sondern auch die Biografie des ikonischen Künstlers neu lesbar machten. „Jeder, jede hatte bestimmte Fragestellungen an oder Schlüsselbegriffe zu Joseph Beuys – häufig hat sich sein Bild dann geändert“, erläutert Mählmann die Prozesse im Gespräch mit PARNASS. „Wenn etwa persönliche Briefe oder Interviews gelesen wurden.“

Varianz des Performativen

Das Phänomen Beuys ist meist nicht auf den ersten Blick dechiffrierbar. Es ist einem Großteil dieser Performances zu verdanken, dass durch deren Beschäftigung und Präsentation überraschende, nuancierte Blickwinkel zu Beuys’ Schaffen und Leben deutlich wurden. Wie bei Cristina Cott Negoescus „Roulette“, die unter anderem auf den Beuys’schen Monolog „Wirtschaftsprinzip“ mit einer Installation repliziert, die den Kreislauf von Produktion und Zerstörung – inklusive Pillenproduktion – vermittelt. Oder die fesselnde Performance des ghanaischen Künstlers Martin Toloku, der mit Seilen, die an Teilen seines Körpers befestigt sind, zu sieben Türen verbunden ist, die sich öffnen und schließen. Die performative Installation vermittelt unmittelbar die Schmerzen der Suche nach dem Selbst. Eine Assoziation zu Beuys’ „Schmerzraum“.

Die Tanz-Performance von Isaac Chong Wai spielt in einem gekippten Raum. Die Besucher:innen müssen sich vorerst zurechtfinden, wie und wo sich der Tänzer bewegt. Für Chong Wai waren die Abramovićschen Dauerperformances und Beuys’ Bewegungsstudien Ausgangsmaterial für seine furiose Interpretation.

Isaac Chong Wai, Choreographing Gravity: Tanzprobe, 2025, Performt von Ryota Maeda, Foto: Kirsten Becken, © VG Bild-Kunst, Bonn 2025

Isaac Chong Wai, Choreographing Gravity: Tanzprobe, 2025, Performt von Ryota Maeda, Foto: Kirsten Becken, © VG Bild-Kunst, Bonn 2025

Der türkische Maler Esrafil Yildirim erinnert mit seiner Performance „Camouflage“ an Beuys’ legendäre Aktion „I Like America and America Likes Me“ aus dem Jahr 1974, in der der Künstler mehrere Tage mit einem Kojoten in einem Galerieraum verbracht hat. Yildirim begab sich für seine Interpretation in den Schlossteich, um sich vorsichtig dem hiesigen Ökosystem anzunähern – sein Körper mit Wasserpflanzen bedeckt, ließ er sich eine Woche durch das Gewässer treiben.Wie bei Yildirims Installation wurden alle Performances über zwei Wochen von den beteiligten Künstler:innen täglich acht Stunden gezeigt.

Wie gelingt es Performance aufzubewahren?

Die Ausstellung gliedert sich in drei Teile: In den ersten Wochen konnten die Live-Performances beobachtet werden, in den darauffolgenden Wochen gibt es Videos, Diskussionen und Vorträge – bis zu den letzten Höhepunkten in den verbleibenden Tagen vor dem Ausstellungsende vom 24. bis 26. Oktober: „Da werden wir das ‚Festum Fluxorum 2.0‘ präsentieren, wo wir nochmal den ganzen Ort mit (Tango-)Tanz, improvisierten Performances und Konzerten aktivieren“, beschreibt Mählmann die Pläne für das große Finale.

Eşref Yıldırım, Camouflage, 2025, Foto: Kirsten Becken, © VG Bild-Kunst, Bonn 2025

Eşref Yıldırım, Camouflage, 2025, Foto: Kirsten Becken, © VG Bild-Kunst, Bonn 2025

„Die Ausstellung wird über ihre Dauer nie das gleiche Bild bieten – das macht sie spannend für den gesamten Zeitraum“, resümiert sie das engagierte Projekt. Zumal im Finale die Requisiten und Einbauten vor Publikum abgebaut, abgerissen und unsichtbar gemacht werden. Eine treffliche Analogie auf ein grundsätzliches Problem von Performances. Seit Jahrzehnten. Wie bleiben sie für nachfolgende Generationen als Dokumente künstlerischen Schaffens sicht- und erlebbar? Ohne, dass Künstler:innen im Zuge der Dokumentation mit dem Attribut Video-Künstler:in charakterisiert werden?

Performance ist mein Lebenswerk

Marina Abramović

„Das möchte ich in meinem Leben noch erreichen“, führt Marina Abramović im Zoom-Gespräch auf Frage von PARNASS aus, „dass Performances als bedeutender, essenzieller Teil zeitgenössischen Kunstgeschehens nicht nur anerkannt, sondern auch vermittelt, dokumentiert und einigermaßen finanziell gerecht abgefunden werden. Denn dabei handelt es sich um mein Lebenswerk!“, betont die Künstlerin energisch.

Diesem Lebenswerk kann man bald auch in Wien nachfühlen. Ab 10. Oktober präsentiert die Albertina Modern die vom mittlerweile geschlossenen Bank Austria Kunstforum übernommene Soloschau der Jahrhundertkünstlerin Abramović.

Marina Abramović & MAI (Marina Abramović Institut) im Dialog mit Joseph Beuys

Museum Schloss Moylandbis 11.01.26

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Marina Abramović

Albertina Modern 10.10.25 bis 01.03.26

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Cristiana Cott Negoescu, Roulette, 2025, Foto: Kirsten Becken, © VG Bild-Kunst Bonn, 2025

Cristiana Cott Negoescu, Roulette, 2025, Foto: Kirsten Becken, © VG Bild-Kunst Bonn, 2025

Francesco Marzano, Pneuma – Wärmezeitmaschine, 2025, Foto: Kirsten Becken, © VG Bild-Kunst Bonn, 2025

Francesco Marzano, Pneuma – Wärmezeitmaschine, 2025, Foto: Kirsten Becken, © VG Bild-Kunst Bonn, 2025

Luisa Sancho Escanero, entwickelt mit Evan Macrae Williams und Yan Jun Chin, The Loop, 2025, Foto: Kirsten Becken, © VG Bild-Kunst Bonn, 2025

Luisa Sancho Escanero, entwickelt mit Evan Macrae Williams und Yan Jun Chin, The Loop, 2025, Foto: Kirsten Becken, © VG Bild-Kunst Bonn, 2025

Maria Stamenković, The Painted Heron, 2025, Foto: Kirsten Becken, © VG Bild-Kunst Bonn, 2025

Maria Stamenković, The Painted Heron, 2025, Foto: Kirsten Becken, © VG Bild-Kunst Bonn, 2025

Martin Toloku, Wounded-Soul, 2025, Foto: Kirsten Becken, © VG Bild-Kunst Bonn, 2025

Martin Toloku, Wounded-Soul, 2025, Foto: Kirsten Becken, © VG Bild-Kunst Bonn, 2025

Michelle Samba, I, Hereby, 2025, Foto: Kirsten Becken, © VG Bild-Kunst Bonn, 2025

Michelle Samba, I, Hereby, 2025, Foto: Kirsten Becken, © VG Bild-Kunst Bonn, 2025

Rubiane Maia, Coming from the Plants, 2025, Foto: Kirsten Becken, © VG Bild-Kunst Bonn, 2025

Rubiane Maia, Coming from the Plants, 2025, Foto: Kirsten Becken, © VG Bild-Kunst Bonn, 2025

Sandra Johnston, Bone-Battery//Flat-High, 2025, Foto: Kirsten Becken, © VG Bild-Kunst Bonn, 2025

Sandra Johnston, Bone-Battery//Flat-High, 2025, Foto: Kirsten Becken, © VG Bild-Kunst Bonn, 2025

Virginia Mastrogiannaki, TAVROS, 2025, Foto: Kirsten Becken, © VG Bild-Kunst Bonn, 2025

Virginia Mastrogiannaki, TAVROS, 2025, Foto: Kirsten Becken, © VG Bild-Kunst Bonn, 2025

Marina Abramović, Dunja Blazević with Joseph Beuys at SKC Belgrade, 1974, Foto: Nebojša Čanković, © Courtesy of the Marina Abramović Archives

Marina Abramović, Dunja Blazević with Joseph Beuys at SKC Belgrade, 1974, Foto: Nebojša Čanković, © Courtesy of the Marina Abramović Archives

Performance-Künstler:innen der Ausstellung, Joseph Beuys und Marina Abramović, Fotos: © Kirsten Becken/VG Bild-Kunst, Bonn 2025 / Porträt Beuys: © Ute Klophaus/Stiftung Museum Schloss Moyland/Leihgabe der Ernst von Siemens Kunststiftung / Porträt Abramović: © Dusan Reljin / Gestaltung: © Tobias Jacob und Torsten Illner, 2025

Performance-Künstler:innen der Ausstellung, Joseph Beuys und Marina Abramović, Fotos: © Kirsten Becken/VG Bild-Kunst, Bonn 2025 / Porträt Beuys: © Ute Klophaus/Stiftung Museum Schloss Moyland/Leihgabe der Ernst von Siemens Kunststiftung / Porträt Abramović: © Dusan Reljin / Gestaltung: © Tobias Jacob und Torsten Illner, 2025