"Confabulations" im WIELS Brussels

Marie Zolamians endlose Erinnerungswelt

Marie Zolamian, Paniers à salade, 2024. Courtesy of the artist, © Marie Zolamian

Abstrakte Fabelwesen, harmonische Landschaften, die an den Garten Eden erinnern, Keramik-Schnecken und meterlange Wandmalereien – die belgisch-libanesische Künstlerin Marie Zolamian lädt uns aktuell in das WIELS Centre for Contemporary Art nach Brüssel ein und zeigt uns in einer von Sofia Dati kuratierten Solo-Show ihre märchenhaft-transformative Welt.


Marie Zolamian, 1975 in Beirut geboren und im belgischen Liège nahe Brüssel lebend, führt ihre künstlerische Praxis bereits seit Jahrzehnten aus. Ihre Professur an der Académie Royale des Beaux-Arts de Liège, Preisauszeichnungen und regelmäßige Ausstellungen mit internationalem Umfang beweisen: Zolamian ist eine erfahrene Künstlerin, die das Medium Malerei ganz bewusst zu nutzen weiß. Mag ihre Bildsprache auf den ersten Blick also naiv und fast kindlich wirken, entpuppt sich bei näherem Hinschauen eine Bildwelt, die von einer gezielten Enttechnisierung und einem fast dokumentarischen Geschichtenerzählen lebt.

Zolamians gelebte Neugier und ihr unheimlicher Respekt vor Lebewesen, der Natur und der Welt allgemein durchdringen ihr gesamtes Schaffen. Durch die Linse einer Sammlerin nimmt sie unsere Welt auf, von globalen Geschehnissen bis zu den detailliertesten Moment-Aufnahmen. Vor ihren Reisen durch neue Länder ("chosen exiles", wie sie sie nennt) recherchiert sie deren Geschichten um zu erkunden, wie sie sich damit in Verbindung setzen kann und bündelt während der Aufenthalte kleine Momente in Form von Bild-, Schrift- und Tonaufnahmen. 

Marie Zolamian, Ensuquer, 2024. Courtesy of the artist, © Marie Zolamian, Foto: Roberto Ruiz

Marie Zolamian, Ensuquer, 2024. Courtesy of the artist, © Marie Zolamian, Foto: Roberto Ruiz

Die dokumentierten Erfahrungen sickern ein und werden Teil eines Sammelsuriums an Informationen und Erinnerungen – eine Art innere Kartographie, die sich folglich in Zolamians künstlerischer Arbeit rekonstruiert und wie ein roter, unterliegender Faden durch sie hindurchzieht.
Beim Malen selbst begibt sich die Künstlerin in einen intuitiven Zustand, in dem dieses innere Sammelsurium auf unvorhergesehene Weise verstoffwechselt wird. "Manchmal bin ich selbst darüber überrascht, wie sehr ich die Dinge in meiner Arbeit wiedergebe", so Zolamian über diesen ungeplanten Automatismus. Anstatt bewusste Entscheidungen zu treffen, vertraut sie der Führung des Pinsels und lässt in einer Art Dialog das Handwerk selbst die Handlung ausführen, während die gesammelten Informationen organisch hochkommen und sich Schicht für Schicht auf der Leinwand ablegen.

Die Malerei macht ihren Job sehr gut.

Marie Zolamian

Die so entstehenden Arbeiten erzählen von Lebenszyklen, dem Willkommenheißen und Gastgeben – Rituale, die für die Künstlerin fundamental sind –, Codes, Symbolen und Fragmenten der eigenen Imagination. Dies wird auch in der Ausstellung im WIELS sichtbar, in der uns wundersame Wesen und Fabeln genauso wie Kulissen des Alltäglichen und zutiefst menschliche Momente wie etwa ein Sterbebett begegnen. 

Das "Willkommen" wird bei Zolamian zu einer Art Mantra, einer Zeremonie, die jedem Lebewesen und jeder Realitätsform entgegengebracht wird und schon beim Anfertigen der Leinwände in der sogenannten Marouflage-Technik beginnt. Bei diesem langatmigen Prozess wird der Leinwandstoff mit Leim auf Holzträger geklebt. So bereitet die Künstlerin die Leinwände für ihre Kreaturen und Landschaften vor, wie man ein Heim für willkommene Gäste vorbereiten würde, mit Hingabe und Sorgfalt, mit Interesse und Wertschätzung.

Was allen von Marie Zolamians Werken zugrunde liegt ist die Intention, Wunden, Schmerz und Gewalt durch Fantasie und Vorstellungskraft zu transformieren. Hier sei auch die Definition des Ausstellungstitels "Confabulations" erwähnt, zu Deutsch die Erfindung von Erinnerungen und falschen Begebenheiten, um von Traumata ausgelöste Gedächtnislücken zu füllen.

Ausstellungsansicht "Marie Zolamian. Confabulations", WIELS Brussels, 2026, Foto: Eline Willaert

Ausstellungsansicht "Marie Zolamian. Confabulations", WIELS Brussels, 2026, Foto: Eline Willaert

Neben den zahlreichen und großteils neuen Malereien, die zweifelsohne die Haupt-Akteure der Schau im WIELS sind, werden auch eine Video-Installation, eine Vielzahl an Zeichnungen, Keramik-Arbeiten, sowie Recherche-Objekte ausgestellt, die die Künstlerin in sogenannten "Travel Cases" präsentiert und anhand derer sich die Ursprünge und Hintergründe ihrer Werke nachvollziehen lassen. Hier wird auch deutlich, dass die Künstlerin etwa aus der armenischen, persischen oder indischen Kultur schöpft, sowie aus der Ikonographie und Miniatur-Kunst.

Gelangt man in den letzten Raum, wird man von der voluminösen, sich ständig verändernden Sound-Installation "Babel Bab" eingehüllt, ein Stimmen-Wirrwarr aus über Jahre und Länder hinweg gesammelten Audio-Aufnahmen, das betörend und bedrängend zugleich von oben herab tönt und eine Geräuschkulisse für die, wie in einem Kunstsalon dicht-gehängten Malereien bietet. Es ist fast, als kämen die Stimmen direkt von den Gemälden, die sich rege miteinander auszutauschen scheinen, oder wie Zolamian es beim gemeinsamen Ausstellungsrundgang mit PARNASS beschreibt: "wie Familienmitglieder, die zusammen kommen, nachdem sie sich lange Zeit nicht gesehen haben." 

"Confabulations" veranschaulicht die wundervolle Kreuzung aus utopischer Paradies-Ästhetik, Naiv-Malerei und Dokumentar-Ansatz, die es Maria Zolamian in ihrer künstlerischen Tätigkeit auf den Punkt zu bringen schafft. Ihre Arbeiten und die darin enthaltenen Erinnerungen sind ein Spiegel, der uns zeigt, dass sich Schmerz durch das Mittel der Vorstellungskraft wandeln und lösen lässt und wir jederzeit auf ein universales Netzwerk an Erinnerungen und Informationen zurückgreifen können, das uns kulturell und gesellschaftlich verbindet. Ein Muss für einen Besuch in Brüssel.


MARIE ZOLAMIAN. CONFABULATIONS

WIELS Brussels | 21.02. – 17.05.2026
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Ausstellungsansicht "Marie Zolamian. Confabulations", WIELS Brussels, 2026, Foto: Eline Willaert

Ausstellungsansicht "Marie Zolamian. Confabulations", WIELS Brussels, 2026, Foto: Eline Willaert

 

 

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Marie Zolamian, Pusillanime, 2023. Courtesy of the artist, © Marie Zolamian

Marie Zolamian, Pusillanime, 2023. Courtesy of the artist, © Marie Zolamian

Marie Zolamian, Hodophiles, 2025. Courtesy of the artist, © Marie Zolamian, Foto: Roberto Ruiz

Marie Zolamian, Hodophiles, 2025. Courtesy of the artist, © Marie Zolamian, Foto: Roberto Ruiz

Ausstellungsansicht "Marie Zolamian. Confabulations", WIELS Brussels, 2026, Foto: Eline Willaert

Ausstellungsansicht "Marie Zolamian. Confabulations", WIELS Brussels, 2026, Foto: Eline Willaert

Marie Zolamian, Paniers à salade, 2024. Courtesy of the artist, © Marie Zolamian

Marie Zolamian, Paniers à salade, 2024. Courtesy of the artist, © Marie Zolamian

Ausstellungsansicht "Marie Zolamian. Confabulations", WIELS Brussels, 2026, Foto: Eline Willaert

Ausstellungsansicht "Marie Zolamian. Confabulations", WIELS Brussels, 2026, Foto: Eline Willaert

Marie Zolamian in der Ausstellung „Confabulations“, WIELS Brussels, 2026, Foto: PARNASS

Marie Zolamian in der Ausstellung „Confabulations“, WIELS Brussels, 2026, Foto: PARNASS


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