Lassnig und Munch – ein unerwartetes Duo

Eine fulminante Doppelschau der beiden Pionier:innen innerer Welten Lassnig und Munch – was zunächst als verblüffende Paarung anmutet, entpuppt sich in der Hamburger Kunsthalle als meisterhafte Symbiose.
Maria Lassnig (1919–2014) und Edvard Munch (1863–1944) trennen auf den ersten Blick Generationen und unterschiedliche Kunstströmungen. Und doch teilen sie eine tiefgreifende und zentrale Gemeinsamkeit: Beide machten die radikale Erforschung des eigenen, inneren Erlebens zum Zentrum ihrer Kunst. Sie wandten sich von der rein äußeren, naturalistischen Darstellung der Welt ab und suchten stattdessen nach Wegen, das unsichtbare Innere in ihrer Kunst zu interpretieren.
Der Rundgang über zwei Etagen ist klug inszeniert – nicht als klassische Chronik, sondern wie ein fesselnder Roman mit Prolog, 13 Kapiteln und einem Epilog. Wie tief Lassnig dem norwegischen Künstler verbunden war, offenbart sich gleich zu Beginn. In ihrem Werk »Traditionskette« von 1983 reiht sich die österreichische Malerin selbstbewusst hinter Velázquez, van Gogh und eben Edvard Munch in den kunsthistorischen Kanon ein.
Weder Lassnig noch Munch scheuten davor zurück, sich abseits ästhetischer Normen zu zeigen – für beide zählte einzig die emotionale Wahrheit.

Ausstellungsansicht "Maria Lassnig und Edvard Munch. Malfluss = Lebensfluss", Hamburger Kunsthalle 2026, Maria Lassnig Stiftung / VG Bild-Kunst, Bonn 2026, Munch: Munchmuseet, Oslo, Foto: Fred Dott
Die Werke der Ausstellung zeigen eine Verwandtschaft, die weit über die verblüffend ähnliche Farbpalette hinausgeht. Zwar haben sich die Wege von Munch und Lassnig nie persönlich gekreuzt, doch künstlerisch wandelte Lassnig schon früh auf Munchs Spuren. Im Zentrum steht dabei vor allem das fragile Verhältnis von Körper und Psyche. Lassnig konzentrierte sich auf emotionale Körperzustände und prägte den Begriff der »Körperbewusstseinsmalerei«. Sie malte nicht das Spiegelbild, sondern das innere Fühlen – wo die Spannung saß, wo der Schmerz pochte, wie physische Präsenz erlebt wurde. Munch wiederum bannte die Abgründe der menschlichen Psyche auf die Leinwand. Seine Werke sind rauschhafte visuelle Manifestationen von Angst, Einsamkeit, Eifersucht und Verzweiflung – aber auch von Liebe.
Weder Munch noch Lassnig haben die Liebe idealisiert. Für beide war sie eine existenzielle Grenzerfahrung, die untrennbar mit Schmerz, Angst und extremer Verletzlichkeit verbunden war. Munch sah in der Liebe oft eine zerstörerische Kraft. In Werken wie »Vampir« thematisiert er sie als etwas, das den Menschen aussaugt, kontrolliert oder in tiefe Verzweiflung stürzt. Lassnig malte Liebe und Begehren mit einer radikalen, ungeschönten Ehrlichkeit. Sie zeigte die emotionale Nacktheit und den physischen Schmerz von Zurückweisung oder Einsamkeit. Weder Lassnig noch Munch scheuten davor zurück, sich abseits ästhetischer Normen zu zeigen – für beide zählte einzig die emotionale Wahrheit.
Diese radikale Ehrlichkeit zieht sich auch durch andere existenzielle Themen der Ausstellung wie Krankheit und Tod. Munch, gezeichnet von frühen familiären Schicksalsschlägen und eigener schwerer Krankheit, war tief von der Fragilität des Daseins durchdrungen. Eine existenzielle Schwere, die er mit Lassnig teilte. Obwohl die Beziehung zu ihrer Mutter zeitlebens angespannt war, stürzte ihr Tod die Künstlerin in eine tiefe Krise und entfesselte in ihr eine fast manische Angst davor, an Krebs zu erkranken. Wie tief diese Furcht saß, visualisiert sie in ihrem Werk »Krebsangst«. Darin stellt sich Lassnig gemeinsam mit einem symbolischen Flusskrebs vor einer grell leuchtenden Leinwand dar – gemalt in einer Farbe, die sie selbst überaus treffend als »Angstgrün« bezeichnete. Die unweigerliche Vergänglichkeit und der Verfall des eigenen Körpers bilden das dunkle, pulsierende Herzstück vieler ihrer Werke.
Der Titel der Ausstellung, »Malfluss = Lebensfluss« – einem Werk Lassnigs aus dem Jahr 1996 entlehnt, bringt diese formale und geistige Übereinstimmung vollendet auf den Punkt. Für Lassnig und Munch war die Kunst keine bloße Disziplin, sondern untrennbar mit ihrer Existenz verwoben. Die Schau demonstriert eindrucksvoll, wie unkonventionell, frei und experimentell beide in ihrem Malprozess vorgingen, um die Grenzen ihres jeweiligen Kanons zu sprengen. Die Schau wurde gemeinsam mit dem Kunsthaus Zürich konzipiert und wird dort von 2. Oktober 2026 bis 21. Februar 2027 zu sehen sein.
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Maria Lassnig und Edvard Munch.
Malfluss = Lebensfluss
bis 30.08.2026
Hamburger Kunsthalle

Ausstellungsansicht "Maria Lassnig und Edvard Munch. Malfluss = Lebensfluss", Hamburger Kunsthalle 2026, Maria Lassnig Stiftung / VG Bild-Kunst, Bonn 2026, Munch: Munchmuseet, Oslo, Foto: Fred Dott







