Mode, Malerei und mehr

Kunsttrip: London zur Weihnachtszeit

Ausstellungsansicht "Marie Antoinette Style", 2025, © Victoria and Albert Museum, London

London im vorweihnachtlichen Taumel: Es klingelt und blinkt und leuchtet!  Wer eine Atempause braucht, wird in den tollen Ausstellungen der Metropole fündig, die für jeden Geschmack etwas zu bieten haben.


 

Für Traditionelle:

Victoria and Albert Museum – Marie Antoinette Style

Bis 22.03.2026 – unbedingt Timeslots reservieren!

Das “hottest ticket in town” ist fraglos der Blockbuster „Marie Antoinette Style“. Die Habsburgertochter, die als französische Königin 1793 am Schafott endete, sorgte schon zu Lebzeiten für Schlagzeilen. Daran schließt das V&A mit einer Schau an, die die Königin als Stilikone und ihren Einfluss auf Mode, Malerei und Innenarchitektur zeigt. Wer also Kleidung, Schmuck, das 18. Jahrhundert, Sofia Coppolas Film und/oder Manolo Blahniks Schuhe liebt, wird hier auf seine Kosten kommen. Die pastellfarbenen Ausstellungsstücke (silberdurchwirkte Roben, roséfarbene Toile-de-Jouy-Stoffe, zuckrige Porträts der Königin) wirken teilweise so süß wie die Pralinen in einer Schachtel Macarons. Geerdet wird die Schau jedoch durch die Präsentation verleumderischer Pamphlete über die zunehmend unbeliebte Königin – und des Beils, das (angeblich) Marie Antoinettes Kopf abtrennte. In den letzten zwei Räumen schlägt das V&A die Brücke in die Gegenwart mit Entwürfen zeitgenössischer Designer, die sich von Marie Antoinettes „Style“ inspirierten. What’s not to love!

Ausstellungsansicht "Marie Antoinette Style", 2025, © Victoria and Albert Museum, London

Ausstellungsansicht "Marie Antoinette Style", 2025, © Victoria and Albert Museum, London


Für die Coolen:

Barbican – Dirty Looks

bis 25.01.2026

Noch eine weitere Mode-Schau hat die Hauptstadt zu bieten, die Marie Antoinette meines Erachtens den Rang abläuft. „Dirty Looks“ entführt uns in die Welt des Drecks und zeigt anhand faszinierender Beispiele, wie „schmutzige“ Mode zu Kunst wird. Einerseits entstehen durch komplizierteste Behandlungen von Stoffen Kleider, die dem meerkristallenen „Salt Bridal Gown“ der Künstlerin Sigalit Landau zum Verwechseln ähneln (Robert Wun, The Snow Gown, Time). Oder eine schillernde Weste (Ayumi Kajimwara, Crocodile Tears Liqueur), die stark an die Arbeiten des Bildhauers El Anatsui erinnert. Aber mehr noch: Die Künstler reflektieren den Zustand unserer Gesellschaft (etwa Models, die sich in teuren Kleidern im Dreck wälzen, in einer Modeschau von Elena Velez) oder bemühen sich, Zukunftsperspektiven aufzuzeigen, indem sie aus weggeworfener Kleidung recycelte Stoffe für Haute-Couture-Kleider produzieren (Yuima Nakazato, INHERIT). Eine unglaubliche, poetische, lehrreiche und doch schmutzige Schau im besten Sinn!

Elena Velez, Dirty Looks, Installation view, Barbican Art Gallery, 25 Sep 2025 – 25 Jan 2026 © David Parry Barbican Art Gallery

Elena Velez, Dirty Looks, Installation view, Barbican Art Gallery, 25 Sep 2025 – 25 Jan 2026 © David Parry Barbican Art Gallery


Für alle:

Royal Academy of Arts – Kerry James Marshall: The Histories

Bis 18.01.2026

In den über 250 Jahren seit ihrer Gründung stellte die Royal Academy of Arts hauptsächlich die Kunst alter weißer Männer aus – nun hängen dort die Werke Kerry James Marshalls, die den Alltag schwarzer Menschen in den USA zum Thema haben. Eine (ein)dringliche Stellungnahme, mit einem starken Beginn: In „The Academy“ posiert ein junger schwarzer Mann selbstbewusst in einem Maleratelier. Marshall geht es darum, eine Präsenz zu etablieren, die „eindeutig schwarz und wunderschön“ ist. Er benutzt dazu ein tiefes, dunkles Schwarz, das gerade bei seinen „Invisible Man“-Porträts berührt, in denen das Modell kaum vom Hintergrund zu unterscheiden ist. Die subtile Reflexion des Amerikaners über schwarze Ab- und Anwesenheit in der Gesellschaft und in der Kunstgeschichte fasziniert. Ein wichtiger Werkkörper also, der leider von den Hallen der Royal Academy fast erdrückt wird: Marshalls Kunst wird hier zum Statement und erhält ein Pathos, von dem ich nicht sicher bin, dass es der Künstler beabsichtigt hat.

Kerry James Marshall, Untitled (Policeman), 2015, The Museum of Modern Art, New York, 2016. © Kerry James Marshall. Photo: The Museum of Modern Art, New York/Scala, Florence

Kerry James Marshall, Untitled (Policeman), 2015, The Museum of Modern Art, New York, 2016. © Kerry James Marshall. Photo: The Museum of Modern Art, New York/Scala, Florence

 


Für Subversive:

Sprüth Magers – Seriously.

Bis 31.1.2026

„Seriously.“ zeigt Konzeptkunst, die genau das nicht sein will: seriös. Über 100 Werke aus Fotografie, Print und Film von den 1960er Jahren bis heute decken die Absurditäten unserer Welt auf. Eine große Freude, in der dichten Schau Birgit Jürgenssens subversive Fotografie „Hausfrau-Küchenschürze“ zu sehen, in der sie sich einen Backofen umhängt. Kekse backen, anyone?

 


Für Connaisseure:

Barbican Centre – Encounters: Giacometti x Mouna Hatoum

Bis 11.1.2026

Eine kleine, aber feine Schau, die den Einfluss des Schweizers Giacometti auf das Werk der Palästinenserin Mona Hatoum und dessen Weiterdenken thematisiert. Das zentrale Stück ist eine Installation, die beide Künstler einander so nah wie möglich zusammenführt: Hatoum transferiert Giacomettis Skulptur The Nose (1947), die einem schreienden Kopf ähnelt, in ihren Cube. Dieses in altertümlicher Technik gearbeitete schmiedeeiserne „Gefängnis“ umschließt die Skulptur vollständig – und verstärkt damit Tragik und Pathos von Giacomettis Werk.

 


Für Unkonventionelle:

Pace Gallery – Monument to the Unimportant

Bis 14.2.2016

Eine brillante, unterhaltsame Gruppenausstellung bietet die Pace Gallery mit „Monument to the Unimportant“, die Alltagsobjekten wie vollen Aschenbechern (Claes Oldenburg), Bügelbrettern (Urs Fischer), ausgezogenen Hosen (Elmgreen & Dragset) oder Unkraut (Tony Matelli) ein Denkmal setzt.

Robert Cumming, 67-Degree Body Arc Off Circle Center, 1975/2022, Digital pigment print, 148,7 x 185,4 cm (framed), Edition of 5 + 1 AP, © Robert Cumming

Robert Cumming, 67-Degree Body Arc Off Circle Center, 1975/2022, Digital pigment print, 148,7 x 185,4 cm (framed), Edition of 5 + 1 AP, © Robert Cumming

"The Nose" (1947) von Alberto Giacometti und "Cube" (2006), Mona Hatoum, Ausstellungsansicht "Encounters Giacometti x Mona Hatoum", Barbican Art Gallery, 2025 , © Jo Underhill

"The Nose" (1947) von Alberto Giacometti und "Cube" (2006), Mona Hatoum, Ausstellungsansicht "Encounters Giacometti x Mona Hatoum", Barbican Art Gallery, 2025 , © Jo Underhill

Ausstellungsansicht "Monument to the Unimportant", Pace Gallery, 2025, Foto: Alexandra Markl

Ausstellungsansicht "Monument to the Unimportant", Pace Gallery, 2025, Foto: Alexandra Markl

Ausstellungsansicht "Tala Madani. Daughter B.W.A.S.M.", Pilar Corrias, 2025, Foto: Alexandra Markl

Ausstellungsansicht "Tala Madani. Daughter B.W.A.S.M.", Pilar Corrias, 2025, Foto: Alexandra Markl

Nicolas Party, Trees, 2025, Ausstellungsansicht Hauser & Wirth London, Foto: Alexandra Markl

Nicolas Party, Trees, 2025, Ausstellungsansicht Hauser & Wirth London, Foto: Alexandra Markl


Für Bad Moms:

Pilar Corrias – Tala Madani

Bis 17.1.2026

Die Galerie zeigt die Weiterentwicklung von Tala Madanis „Shit Moms“ (2019 in der Wiener Secession 2019 ausgestellt) in der Schau „Daughter B.W.A.S.M.“. Die beschissene Mutter hat nun in einem KI generierten Roboter die perfekte Tochter gefunden „Born Without A Shit Mother“, so der Titel. Ziemlich abgefahren!

 


Für Naturliebhaber:

Hauser & Wirth – Nicolas Party

Bis 20.12.2025

Naturbelassener geht es bei Hauser & Wirth zu, wo die neuesten Werke des Schweizers Nicolas Party zu sehen sind. In seiner typisch naiven Malweise lässt er bunte Wälder wachsen, die in den von ihm entworfenen Ausstellungsräumen – dunkelblaue Wände und golden leuchtende Durchgänge – einen faszinierenden Sog entwickeln.


Für Zeitgenossen:

Saatchi Gallery – The Long Now: Saatchi Gallery at 40

Bis 01.03.2026

Überzeugend fügt sich „The Long Now“ in den White Cube der Saatchi Gallery: eine Retrospektive der letzten 40 Jahre auf die vom Sammler Charles Saatchi ins Leben gerufene Institution.Definitiv der Ort, um Künstler und Kunstströmungen zu entdecken! Etwa, was die Auseinandersetzung mit KI betrifft – ein dystopischer Film von Mat Collishaw zeigt, von dramatischen Kadenzen der Musik Arvo Pärts untermalt, eine Unterwasserwelt, in der Bosch-ähnliche Wesen durch aufgegebene Datenbanken gleiten. Spannend auch Chino Moya, der eine ideale Gesellschaft zeigt, die in einer fernen Zukunft von einem synthetischen Demiurgen generiert wurde – das klingt nicht nur schön-schrecklich, sondern ist es auch. Beeindruckend ist eine Kombination aus einem Haufen ausrangierter Autoreifen („Yard“ von Allan Kaprow) und Conrad Shawcross’ „Lotus Inverted“, der sich darüber zum Soundtrack von MYLO dreht. Und schon von weitem riecht man „20:50“ von Robert Wilson: schwarzes Industrieöl in einem Stahlbehälter, der einen ganzen Raum einnimmt. Man spiegelt sich und die Welt; ein Nachdenken über die Verwendung von Ressourcen und die Veränderung unserer Welt. Diesbezüglich nimmt Jenny Savilles überdimensionales Gemälde „Passage“ eine besondere Stellung ein: Das Bild eröffnet den Blick auf Geschlechterwechsel, indem es einen Akt zeigt, der sich jeder binären Klassifizierung entzieht. Am Punkt der Zeit!

 

 

 

Ausstellungansicht "The Long Now", Saatchi Gallery London, 2025, Foto: Alexandra Markl

Ausstellungansicht "The Long Now", Saatchi Gallery London, 2025, Foto: Alexandra Markl

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