Könnt ihr noch?

Eine Ausstellung über Kunst und Demokratie, in der es um die brisanten Fragen unserer Gegenwart geht.
Der Titel der Ausstellung zitiert einen Song der Tech-Rap-Formation Deichkind, der die Sprachbilder unserer beschleunigten Gesellschaft beschreibt. Er richtet an uns alle die Frage nach unserem Verhältnis zur Demokratie und bildete die Basis der diesjährigen Sommerausstellung auf Schloss Herrenchiemsee. Wie motiviert sind wir noch, die Demokratie zu verteidigen, angesichts der permanenten Bedrohungen und Unterhöhlungen der demokratischen Gesellschaften durch Populismus und Extremismus, durch Terror und Krieg?
Seit 2013 veranstalten die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen in den markanten, unvollendeten Rohbauräumen im Nordflügel des Schlosses die Ausstellungsreihe „Königsklasse“. Das für König Ludwig II. erbaute neobarocke Schloss bietet für das diesjährige Thema auch den perfekten inhaltlichen Rahmen: Hier fand im August 1948 der Verfassungskonvent statt, der die Grundlagen für die bundesdeutsche Verfassung schuf und in der Dauerausstellung „Der Wille zu Freiheit und Demokratie“ im sogenannten Alten Schloss dokumentiert ist, einer ehemaligen Klosteranlage aus dem 17. und 18. Jahrhundert.

Ausstellungsansicht "Könnt ihr noch?" – Kunst & Demokratie, Schloss Herrenchiemsee, Foto: Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Haydar Koyupinar
Die von Verena Hein und Oliver Kase kuratierte Schau ist in mehrere Kapitel gegliedert. Die Würde des Menschen, die im Artikel 1 des Grundgesetzes festgeschrieben wurde, ist dabei von zentraler Bedeutung.
Der Wert des Einzelnen geht einher mit den Grundrechten auf Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit oder Solidarität und auch die Freiheit der Kunst ist im Grundgesetz verankert.
– so Hein und Kase. Der Rundgang beginnt mit Joseph Beuys’ „Rose für direkte Demokratie“ von 1972/73. Sie steht für eine unmittelbare Teilhabe aller Menschen an der Politik. „Es besteht Einigkeit, dass wir für die Demokratie etwas tun müssen. Die einstmals hart erkämpften Werte, die es uns ermöglichen, ein selbstbestimmtes, freies Leben in dieser Staatsform führen zu können, sind oft vage und schwer zu fassen oder allzu selbstverständlich geworden“, schreibt Verena Hein treffend im Vorwort des Kataloges.

Ausstellungsansicht "Könnt ihr noch?" – Kunst & Demokratie, Schloss Herrenchiemsee, Foto: Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Haydar Koyupinar
Einen besonderen Fokus legt die Ausstellung gleich zu Beginn auf das Thema Kreativität. Sie ermöglicht es uns, freies Denken zu entwickeln und eine eigene Haltung zu formen, sind Hein und Kase überzeugt. Die Abfolge der Räume wurde bewusst so gestaltet, dass sich abstrakte und figurative Arbeiten abwechseln. Werke aus der Münchner Pinakothek der Moderne, um Leihgaben und Rauminstallationen ergänzt, ermöglichen eine Annäherung an die Werte der Demokratie aus unterschiedlichen Perspektiven. Die Bilder von Karl Schmidt-Rottluff oder Ernst Ludwig Kirchner stehen sinnbildlich für die tiefen Einschnitte während der NS-Zeit in Deutschland. Die Räume „Wunden und Brüche“ und auch „Schmerz und Erschütterung“ zeigen das Potenzial von Künstler:innen, in Zeiten größter Gefährdung Werke von besonderer Aussagekraft zu schaffen und dem Unaussprechlichen eine visuelle Form zu geben.
Eindrucksvoll sind die Rauminstallationen von Thomas Schütte und Sheila Hicks. Die textilen Objekte von Hicks werden zum Sinnbild für den „Faden der Demokratie“. Wie fragil die Demokratie ist und wie leicht das Gleichgewicht der Gesellschaft ins Schwanken gerät, veranschaulichen Inge Mahns „Balancierende Türme“ von 1989, die nur durch ein Seil zusammengehalten werden. Sie stehen darüber hinaus, ebenso wie die präsentierten Arbeiten von Rosemarie Trockel und Maria Lassnig, exemplarisch für feministische Sichtweisen.
Die Schau liefert eine Reihe von wichtigen Denkanstößen und wird – auch durch das Rahmenprogramm – zum Anlass für Gespräche und Diskussionen. Den Schlusspunkt setzt ein Siebdruck von Joseph Beuys mit dem Statement: „Demokratie ist lustig“. Er zeigt den Moment, in dem der Künstler von der Polizei zum Verlassen der Düsseldorfer Akademie aufgefordert wurde, nachdem er gegen die restriktiven Auswahlkriterien rebelliert hatte und alle Bewerber: innen für seine Klasse aufnehmen wollte. Ein Statement für zivilen Ungehorsam, die Entlarvung undemokratischer institutioneller Vorgaben – oder einfach ein Aufruf zur steten Wachsamkeit?

Sheila Hicks, Saffron Sentinel, 2017, Courtesy the artist © Sheila Hicks / VG Bild-Kunst, Bonn 2025, Foto: Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Haydar Koyupinar
