Klimt unter dem Mikroskop

Ein ungewohnter Blick auf Klimt zwischen Goldgrund und Zellstruktur. Das Wiener Josephinum, historisches Portal zur Medizinischen Universität Wien und Heimstätte der berühmten anatomischen Wachsmodelle, widmet sich in einer aktuellen Sonderausstellung einer bisher wenig beleuchteten Facette der Wiener Moderne: der tiefgreifenden Verbindung zwischen Gustav Klimt und der Medizin. Unter dem Titel „Bilder zum Fluss des Lebens“ spürt Kurator Tobias G. Natter jener intellektuellen Atmosphäre nach, in der medizinische Innovation und bildende Kunst um 1900 in einen einzigartigen Dialog traten.
Wie sehr das kreative Milieu in Wien um 1900 mit Wissenschaft und Medizin verknüpft war, macht die neue Sonderschau „Gustav Klimt und die Medizin. Bilder zum Fluss des Lebens“ gut nachvollziehbar anschaulich – kurzweilig einerseits, tiefgreifend wissenschaftlich andererseits. Klimt hatte enge Verbindungen zu angesehenen Persönlichkeiten der Medizin wie dem Gründer der ersten weltweiten HNO-Klinik Adam Politzer, für den er Ohrentafeln malte. Ein Klimt-Sammler war auch der Inhaber der größten privaten Krankenanstalt Wiens, Anton Loew.
Kunst & Medizin: eine Freundschaft
Es gibt mehrere Hauptwerke Klimts, an denen ein Konnex zur Naturwissenschaft hergestellt werden kann. Im Zentrum der aktuellen Beschäftigung steht allerdings „Die Medizin“, das verschollene, vermutlich verbrannte Fakultätsbild. „Die Medizin, ein Hauptwerk Klimts, verkörpert nicht nur die Kunst der Jahrhundertwende auf eindrucksvolle Weise, sondern auch wichtige erkenntnistheoretische Strömungen des 19. Jahrhunderts, wie Zelltheorie, Evolution, therapeutischer Nihilismus oder Darwinismus“, erklärt Markus Müller, Rektor der MedUni Wien.
Die Klimt-Affäre rund um die Fakultätsbilder liest sich im Nachgang wie ein Mix aus Glosse und Drama. Um 1900 entfachten die drei Darstellungen von Philosophie, Jurisprudenz und Medizin eine Art „ästhetischen Bürgerkrieg“. „Wir kämpfen nicht gegen die nackte und nicht gegen die freie Kunst, sondern gegen die hässliche Kunst“, formulierten elf Professoren der Universität Wien gegen Klimts „Philosophie“.

Ausstellungsansicht "Gustav Klimt und die Medizin", Josephinum Wien, 2026, Foto © Josephinum / Daniel Hinterramskogler
An der „Medizin“ störte die pessimistische Grundhaltung. Die Darstellung des Menschen als ausgeliefertes Glied einer Kette entsprach nicht dem Fortschrittsglauben der Auftraggeber. Man hatte erhofft zu zeigen, wie Prävention und Behandlung die Menschen aus der Misere holen. Vielmehr zeigte Klimt, wie sich ausnahmslos jede:r in einen unaufhaltbaren Kreislauf einfügt.
Nach einem Hin und Her zog Klimt die Gemälde schließlich zurück und erstattete – mit mäzenatischer Unterstützung – das Künstlerhonorar. Das Original, das nie die Decke der Universität zierte, verbrannte 1945 in Schloss Immendorf. In jüngerer Zeit erhielt es verstärkte Aufmerksamkeit durch eine aufwendigen KI-Rekonstruktion des Belvedere und Google Arts & Culture. Inzwischen ist das monumentale Werk „Medizin“ als großformatige Reproduktion am MedUni-Campus AKH wieder präsent und erfährt durch die Sonderschau im Josephinum neue Kontextualisierung.
Vom Salon in den Hörsaal
Die Ausstellung im historischen Hörsaal des Josephinums macht deutlich, dass Klimts Schaffen kein isoliertes ästhetisches Phänomen war, sondern tief in den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen seiner Zeit wurzelte.
In den Salons der Zeit gelang der interdisziplinäre Austausch auf natürliche und unaufgeregte Weise. Man sprach über die Errungenschaften der Gegenwart und nahm sie mit geteilter Neugierde wahr. Berta Zuckerkandls Ehemann Emil war Professor für Anatomie an der Universität Wien. Ein Austausch zwischen Emil Zuckerkandl und Gustav Klimt ist belegt. Nicht nur ließ sich Klimt theoretisch über Anatomie unterrichten, er soll auch eifrig im Seziersaal gezeichnet und begeistert naturwissenschaftliche Lehrbücher studiert haben.
Klimt war derart entflammt von dem, was er beim Sezieren beobachtete, dass er eine Vortragsreihe über Biologie und Anatomie für Künstler organisierte, wie Christiane Druml schreibt. Berta Zuckerkandl notierte, dass Klimts Palette von diesen Eindrücken der Sinne bereichert und beeinflusst worden sei.

Gustav Klimt, Fakultätsbild „Die Medizin“, 1901, Rekolorierung nach historischer Aufnahme (2021), © Österreichische Galerie Belvedere, Wien / Image by Google
Die Künstler hatten so Gelegenheit, den bildlichen Kosmos der Naturwissenschaften zu entdecken und etwa Gewebeproben unter dem Mikroskop zu sehen. Im Josephinum wird beispielhaft der Goldregen in Klimts „Danae“ mit einer mikroskopischen Darstellung einer Blastozyste in Zusammenhang gebracht.
Auch in anderen Werken lassen sich solche Analogien beobachten: Im „Kuss“ wurden etwa potenziell stilisierte Spermienformen im Halsbereich sowie zellartige Strukturen im Gewand der Frau identifiziert. In „Wasserschlangen I“ erkannte Tanja Buklijas im Hautmuster der großen Wasserschlange Parallelen zur mikroskopischen Ansicht von Epithelzellen. Markus Fellinger wiederum beschreibt das Auge des Fischkopfes als auffallend nahe am Aufbau einer Eizelle zwischen Follikelsprung und Fertilisation.
Die Erkenntnis, dass der Mensch Teil eines kontinuierlichen „Fluss des Lebens“ ist – eine Formulierung, die auf Nietzsche zurückgeht –, findet in Klimts Allegorien unmittelbaren Niederschlag.
Im Josephinum werden bis Sommer Zeichnungen, Studien und Werkaufnahmen Klimts gezeigt und in den Kontext der medizinhistorischen Sammlung eingebettet. Die Schau thematisiert auch die „Wiener Schule des therapeutischen Nihilismus“, bei der die Diagnostik im Vordergrund stand, während Heilung oft zweitrangig blieb – eine Haltung, die sich in Klimts teils düsteren Lebenszyklen widerspiegelt.
Vom Tod geprägt
Die enge Schwesternschaft von Natur und Kunst macht diese Ausstellung, aber vor allem ihre gelungene Publikation anschaulich. Im Katalog wandelt Stephan Doering auf den Spuren der damaligen Presse. Lust und Trieb fallen dabei immer wieder; Doering zeigt, wie um 1900 Freuds Theorien zum Unbewussten neue Diskussionsdimensionen zum Thema Sexualität eröffneten.
Klimt und seine Zeitgenossen, schreibt Doering, „wollten nicht mehr kanonisierte Schönheit, sondern tieferliegende Wahrheit darstellen“. Klimt porträtierte Lust unverhüllt – skandalöserweise auch jene von Frauen. Zugleich zeigt er die Schattenseiten eines emotionsgeladenen Lebens: Angst, Todessehnsucht, Verlust und Schmerz.
Dass Klimts Blick auf die Medizin nicht ungetrübt war, macht eine Kreidezeichnung in der Schau deutlich. Das Bildnis „Toter Säugling“, das seinen eigenen verstorbenen Sohn zeigt, ist eine Leihgabe aus Privatbesitz und zweifellos ein Höhepunkt der Ausstellung.

Ausstellungsansicht "Gustav Klimt und die Medizin", Josephinum Wien, 2026, Foto © PARNASS
Gustav Klimt und die Medizin –
Bilder zum Fluss des Lebens
bis 28. Juni 2026
Josephinum –
Medizinhistorisches Museum Wien
Währinger Straße 25, 1090 Wien

Ausstellungsansicht "Gustav Klimt und die Medizin", Josephinum Wien, 2026, Foto © Josephinum / Daniel Hinterramskogler

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