Kennen Sie schon Éléonore False?

Unser Frankreich-Korrespondet erkennt in ihr eine Up&Coming Künstler:in, die man auch in Österreich nicht verpassen sollte: Éléonore False. Seit dem Frühjahr zeigt sie im FRAC SUD in Marseille ihr Können.
Schöpfen aus der Erosion der Bilder
Die Arbeit der 1987 geborenen französischen Künstlerin Éléonore False ist eine der Verwebungen. In den luftigen Räumen des Frac Sud entfaltet sie ihre Schleier neuer Bildwelten.
Weben, Kleben, Töpfern, Schreinern – Kunsthandwerk, die Lust am Machen ist bei Kunstschaffenden wie beim Publikum wieder da, zuletzt sichtbar am großen Zulauf zur Kunsthandwerksmesse „Révélations“ im Pariser Grand Palais vom 21. bis 25. Mai. Mit ihrer ersten umfangreichen Einzelausstellung in einem der bedeutenden unter Frankreichs regionalen Kunstfonds bestätigt Éléonore False diesen Trend. Wie die zwei Jahre jüngere Hélène Berthin ist False wichtige Figur der neuen französischen Savoir-Faire-Bewegung. Mit konzeptueller Schärfe wird gewoben, gewirkt – aber eben auch darüber hinaus gedacht. Vor ihrem Diplom an den Beaux-Arts de Paris im Jahr 2013 hat die in Paris lebende Künstlerin an der renommierten Kunstschule Olivier-de-Serre in Textildesign abgeschlossen. „Die Freude an der präzisen Arbeit mit Materialien hat mich nie verlassen,“ bestätigt sie in ihrer Ausstellung.

Ausstellungsansicht Éléonore False "Le Fil de chaîne", Frac Sud, 2025, © Éléonore False, ADAGP Paris 2025, Foto: Marc Domage / Frac Sud Cité de l'art contemporain, Marseille
Drei Jahre haben wir an dieser Ausstellung gearbeitet, fast alle Stücke sind eigens für den Ort entstanden.
MATERIELLE BEZÜGE
Das rechtwinkelige Verflechten von Kett- und Schussfäden ist seit rund 8000 Jahren eine Kulturtechnik der Menschheit, definiert das Mensch-Sein wie etymologisch vom Weben abgeleitete Texte, die Worten und Begriffe ineinanderflechten. Das fotografische Bild wurde lange als mediale Oberfläche verstanden, als Abbildung. Dann wurde klar, dass es nicht bloß Realität darstellt, sondern an dieser mitwebt.
Heute zirkulieren so viele Bilder in so großer digitaler Geschwindigkeit, dass sie ihr Gesicht verlieren. Eine Erosion, die der Kunst Material wird, wie einst römische Ruinen zum Häuserbau dienten. Schon Anfang des 20. Jahrhunderts wurden Bild-Abschnitte zu Collagen. Von Hannah Höch als eigenständige künstlerische Praxis entwickelt, aktuell durch Lorna Simpson, Barbara Breitenfellner oder Wangechi Mutu meisterhaft praktiziert, schafft die Collage zweierlei: sie macht Bilder als Material angreif- und veränderbar. Und sie erkundet deren Unbewusstes.
Auch darum geht es in Falses Ausstellung. „Drei Jahre haben wir an dieser Ausstellung gearbeitet, fast alle Stücke sind eigens für den Ort entstanden,“ sagt sie stolz, „eigentlich ist das Ganze eine große Collage von Arbeiten im Raum.“

Éléonore False, Poule, 2024, Courtesy Adagp, Paris, 2024, Foto: Nicolas Brasseur
Das bestätigt Muriel Enjalran, die seit 2020 den Frac Sud durch teils schwere politische Gewässer navigiert: „es gibt sogar ein Echo zu der an Origami erinnernden Fassade aus recyceltem Glas, die das Licht reflektiert,“ meint sie mit Verweis auf das 2013 von Kengo Kuma konzipierte Gebäude. Und macht mit diesem Verweis schon etwas, was die Ausstellung selbst beim Publikum auslösen kann: Verbindungen ziehen. Zum Beispiel die Skulpturen aus Lampenschirmen der Serie „Tulipes“. Gestapelt wie Nives Widauers Raketen-Collage auf dem Cover des Standard im September 2024, der soeben den European Newspaper Award erhielt, geben Falses Ansammlungen weniger Auskunft über Denkmal-Haufen, als über nostalgisches Innendekor und dessen industrielle Serialität. So wird, durchaus mit nostalgischem Augenaufschlag, die materielle Aura der Dinge aktiviert, die uns begleiten. Es ist, wie Walter Benjamin anschaulich in seiner „Berliner Kindheit“ formulierte, „als ob die Dinge ihr Gesicht wenden, sobald man sie nicht mehr ansieht.“
Man könnte sagen, dass Éléonore False entzündliche Prozesse im Bildbewusstsein fördert – allerdings nur, um sie sogleich zu heilen, durch Sichtbarkeit.
Das erste Werk, das beim Betreten der Räume ins Auge fällt, ist ein solches Wendebild. Für die Serie „Quilts – The Right Interfacing“ hat die Künstlerin Schneider-Anleitungs-Zeichnungen genommen. Auf diesen weißen Trägerstoff aufgebracht, hängt das Bild im Raum hinter einer geschwungenen Metallstruktur, zwischen die Fäden gespannt sind. So entsteht beim Vorbeigehen ein Moiré-Effekt. Die Zeichnung erhält Volumen, wird als Skulptur erfahrbar.

Ausstellungsansicht Éléonore False "Le Fil de chaîne", Frac Sud, 2025, © Éléonore False, ADAGP Paris 2025, Foto: Marc Domage / Frac Sud Cité de l'art contemporain, Marseille
Das unerwartete erfahrbar machen
Das ist die Methode von Éléonore False: Verschiebung und Vergrößerung, Fragmentierung und Sequenzierung, Verdichtung und Verräumlichung. Hoch oben an der Wand hat sie unter Einbeziehung einer Lüftungsklappe eine Collage so angebracht, dass sie wie ein Foto aussieht. Es entsteht Unsicherheit, was eigentlich zu sehen ist. So in seiner Aufmerksamkeit gefangen, lässt man sich ein, auf die Bild-Gewebe der Éléonore False. Weiter hinten hängen drei Tapisserien aus der Serie „Chevelures“. Zu erkennen sind Haare, ein Ohr, Fragmente, die sie mit aufwändiger Digitaltechnik hat umsetzen lassen. „Die Teppiche hängen im Raum, damit man auch die Rückseite sieht, das ist mir wichtig,“ erklärt die Künstlerin.
Falses Fragmente laden zum Anknüpfen ein, dazu, nachzuspüren, wie unser Körper, je individuell, durchwoben ist von Bildern. Im eigenen Körperbild gibt es auch Verschiebungen – man denke nur daran, wie enorm plötzlich ein Finger wirkt, wenn das Nagelbett eingerissen ist. Entzündet pocht und wächst das Körperglied in unsere Wahrnehmung hinein. Man könnte nun sagen, dass Éléonore False solche entzündlichen Prozesse im Bildbewusstsein fördert – allerdings nur, um sie sogleich zu heilen, durch Sichtbarkeit. „Auch die Dinge haben ihre Haut, […] sie zu erwischen bedeutet, das aufzuspüren, was sich hinter dem Schein verbirgt, und es sichtbar zu machen“, schreibt Muriel Enjalran in ihrem Beitrag zu dem üppigen und aufwändig gemachten Katalog der Ausstellung.
Falses Ensembles und Serien, teils aus gefundenen Bildern, teils aus Fotokopien erstellt, sind keine Schocktherapie zerstückelter Bild-Körper, wie man sie bei dem amerikanischen „New Photography“-Künstler Daniel Gordon findet. Sie sind nicht zusammengeflickt wie Frankensteins einsames Monster, dessen Patchwork-Körper Mary Shelley bereits 7 Jahre vor Niépces erster Fotografie entwarf. False nutzt „elternlose“ Bilder zur Verbindung. Programmatisch dafür wirkt ein aufwändig geflochtener Stuhl, auf dem zwei Personen nah beieinandersitzen und sich unterhalten können. „Confidant“ oder „Tête-à-Tête“ nennt man solche Zweier-Möbel seit dem 19. Jahrhundert. In Marseille wird daraus eine Skulptur, Manifestation kunsthandwerklichen Könnens und zugleich augenzwinkernder Kommentar zum Effekt des allzu intimen Miteinanders: während man flüsternd miteinander Vertrauliches austauscht, schauen trotzdem alle zu. So knüpft Éléonore False weit über gezeigte Inhalte hinaus an jener „relationalen Ästhetik“ weiter, die für Frankreich schon Markenzeichen geworden ist.

Ausstellungsansicht Éléonore False "Le Fil de chaîne", Frac Sud, 2025, © Éléonore False, ADAGP Paris 2025, Foto: Marc Domage / Frac Sud Cité de l'art contemporain, Marseille
