Jojo Gronostay in Wien und Graz

Bereits seit einigen Jahren gelingt es dem in Wien lebenden Künstler Jojo Gronostay (*1987, Hamburg), Ästhetik und kritische Konzeptkunst kongenial zu vereinen. Seine Arbeiten sind multidimensional in Look and Feel, zugleich aber tiefgreifend in ihrer politischen Aussagekraft. Aktuell sind in zwei österreichischen Bundesländern Ausstellungen dieses Ausnahmekünstlers zu sehen.
Das Spannungsfeld zwischen Kunst und Mode beschäftigt Jojo Gronostay schon länger. 2021 war der Absolvent der Akademie der bildenden Künste Wien nicht nur einer der Empfänger des Preises der Kunsthalle Wien, sondern erhielt auch den Modepreis der Stadt Wien. Bereits 2017 gründete er das Label "Dead White Men’s Clothes" (DWMC) – benannt nach dem ghanaischen Ausdruck "Obroni wawu". So wird dort europäische Secondhand-Kleidung bezeichnet; verwundert von der Qualität der Spenden kamen viele Menschen zur Annahme, dass sie nur von Verstorbenen stammen könnten. Hinter dieser irritierenden Vorstellung verbirgt sich eine reale Tragik: Kleiderspenden aus dem Westen überschwemmen Orte wie den Kantamanto-Markt in Accra, Ghana, und werden dort zum Symbol eines entfesselten globalen Konsumregimes.
Gronostay begann, diese Kleidung in Ghana wieder aufzukaufen, um daraus unter dem DWMC-Label neue Modestücke zu fertigen, die er in Europa zu satirisch überhöhten Preisen anbietet. Was bedeuten Labelstatus und Preisschilder, wenn ihr Ursprung aus dem System der Entwertung stammt?

Ausstellungsansicht "Jojo Gronostay. The Elephants", Neue Galerie Graz, 2026, Foto: Universalmuseum Joanneum / J.J. Kucek
Tatsächlich sind es nicht nur gut erhaltene Designerstücke, die den Weg in den globalen Wiederverkauf finden. Häufig handelt es sich schlicht um Müll, Fast Fashion getarnt als "Spende", die tonnenweise Accra überflutet. Das Ausmaß ist so unkontrollierbar, dass Kleidungsstücke bei Regen auf Gehwegen rund um den Kantamanto-Markt verteilt werden, um Wasser, Schlamm und Schmutz aufzusaugen.
Eine neue Fotoserie von Jojo Gronostay kommentiert diesen Umstand: taktil wirkende Schwarz-Weiß-Fotografien, mit dem Handscanner beim Gehen über den Markt aufgenommen. Der Künstler gab der Serie den Titel "Landscapes". Olesia Shuvarikova beschreibt in ihrem Text zur aktuellen Ausstellung "Afterimage (Composites)" in der Galerie Hubert Winter: "Metaphorisch gesehen können diese Werke als spätkapitalistische Landschaft betrachtet werden, in der Überfluss zu Marktinkompatibilität und in der Folge zur Eliminierung führt."
Der Star beider Ausstellungen – in der Galerie Hubert Winter in Wien und in der Neuen Galerie Graz – ist jedoch unbestritten die Videoarbeit "The Elephants" (2025). In ihr entfaltet sich Gronostays vielschichtige Bildsprache in voller Tiefe. Es sind immer wieder auch die persönlichen Beziehungen und die alltägliche Nähe zu seinen Protagonist:innen, die das Werk so vielschichtig lesbar machen.
In "The Elephants" bewegen sich männliche Figuren auf Stelzen, gekleidet in DWMC-Unikate, geisterhaft durch neblige Landschaften. Sie tanzen am Meer, stellen sich dem Wind oder lassen sich von ihm mitreißen. Die Referenz an Salvador Dalís gleichnamiges Gemälde von 1948 ist offensichtlich: mächtige Körper auf zerbrechlichen Gliedmaßen, eine Ikonografie von Instabilität und Herrschaft. Stelzenläufer:innen gelten in Westafrika als Mittler:innen zwischen den Welten – und so balanciert auch diese Arbeit zwischen Wahrnehmung und Wahrheit, zwischen einem Dort und einem Da.

Ausstellungsansicht "Jojo Gronostay. The Elephants", Neue Galerie Graz, 2026, Foto: Universalmuseum Joanneum / J.J. Kucek
Metaphorisch gesehen können diese Werke als spätkapitalistische Landschaft betrachtet werden, in der Überfluss zu Marktinkompatibilität und in der Folge zur Eliminierung führt.
Während die Ausstellung in Graz den filmischen Zugang stärker betont, rahmt Hubert Winter die Videoarbeit mit monochromen Tafelbildern ein: vermeintlich brave, leicht bunte Oberflächen, die jedoch aus modischen Transfertexten, Logo-Fetzen und Siebdruckresten bestehen, verbunden durch originale Klebebänder des DWMC-Labels.
Es ist harte Konsumkritik in subtilen Gesten, die Gronostay in Foto, Video und Objekt vorlegt. Damit hat er sich bereits mehrfach bei Hubert Winter positioniert, ebenso wie in einer Soloshow im MAK Geymüllerschlössl und mit Beteiligungen im mumok. Es darf ruhig noch lauter um Gronostay werden. Er hätte es verdient. Seine Konzepte sind vielschichtig, seine Bildsprache stark – zugleich unangestrengt, ironisch und scharf. Am eindrücklichsten wirkt sie jedoch: in Schwarz und Weiß.

Jojo Gronostay in der Ausstellung "The Elephants", Neue Galerie Graz, 2026, Foto: Universalmuseum Joanneum / J.J. Kucek

Ausstellungsansicht "Jojo Gronostay. The Elephants", aus der Serie Landscapes, Neue Galerie Graz, 2026, Foto Universalmuseum Joanneum / J.J. Kucek

Ausstellungsansicht "Jojo Gronostay. Afterimage (Composites)", Galerie Hubert Winter, 2026, Foto: © Simon Veres
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