Jannis Marwitz im Dortmunder Kunstverein, Dortmund

Jannis Marwitz, Narch till June / Närz bis April, 2019, Ausstellungsansicht, Dortmunder Kunstverein | Foto: Simon Vogel

Dortmunder Kunstverein

Park der Partnerstädte 2, 44137 Dortmund
Deutschland

KünstlerIn: Jannis Marwitz

Titel: Narch till June / Närz bis April

Datum: 23. November bis 9. Februar 2019

Fotografie: Courtesy Dortmunder Kunstverein | Photo: Simon Vogel

Notiz: Kuratiert von Oriane Durand

Ausstellungstext:

In der Ausstellung Narch Till June / Närz bis April präsentiert Jannis Marwitz (*1985 in Nürnberg, lebt und arbeitet in Brüssel), abgesehen von einer Arbeit aus dem Jahr 2016, ausschließlich 2019 entstandene Malereien und Zeichnungen.

Mit seiner Auswahl an figurativen Motiven spannt Marwitz einen Bogen über die Kunstgeschichte, ausgehend von antiken Reliefs über barocke Kompositionen bis hin zu digital animierten Bildern. Auf unterschiedlich großen Leinwänden malt er mit Öl und Tempera verschwenderische, szenisch prall gefüllte Bilder. Neben zwei Selbstbildnissen und einem Porträt der Künstlerin Christiane Blattmann wählt Marwitz Sujets, die von mythologischen Geschichten inspiriert zu sein scheinen. Die Werke erinnern allesamt an altmeisterliche Maltechniken; Körpern, Tieren, Landschaften und Objekten verleiht Marwitz beispielsweise klare Konturen. Man erkennt das Dargestellte auf den ersten Blick – doch der Schein trügt: Auf dem Bild Die Frösche sind die Flügel der Gans so seltsam geformt wie die Körper der herkulesartigen Figuren in Poacher und Poachers – handelt es sich um Muskeln, pulsierende Haut oder auf der Leinwand geschmolzene Farbe? Schwebt die männliche Figur, die an der Zunge in die Luft gehoben wird, hoch über dem Boden oder berührt der nicht sichtbare Fuß den Grund? Die Größenverhältnisse, die Farbwahl und die sich überlappenden Details sind Störfaktoren. Marwitz spielt mit den Proportionen, der Illusion und den Mitteln der Sprache: Was wirkt stimmig und was nicht, was realistisch und was nicht? Wie übersetzt das Auge das Dargestellte in unsere Erfahrungswelt und mit welcher Geschwindigkeit werden die Informationen verarbeitet?

Das Sehen oder besser gesagt der Blick ist ein wiederkehrendes Thema in den Arbeiten von Jannis Marwitz. Das Motiv taucht in der Ausstellung in fast jedem Bild auf und wird durch die Art der Hängung verstärkt - sie lässt die Bilder miteinander kommunizieren. So blicken die Figuren die Besucher*innen oder einander an, verweisen formal auf die nächste Darstellung, in der sich wiederrum ein Bildelement findet, das auch in einem anderen Gemälde auftaucht, wobei dieses wiederum farblich auf ein weiteres verweist und so weiter.

Marwitz‘ Arrangement im Raum überfordert den Blick des Betrachters nicht nur durch die starken wechselseitigen Bezüge (Form, Inhalt, Farbe), die Arbeiten erwecken auch den Anschein, als sei eine ganze Bilddatenbank auf der Leinwand untergebracht worden. Diese Dichte und Kompaktheit findet sich auch in seiner malerischen Geste und der Farbauswahl wieder: Die Intensität von Dunkelblau, Giftgrün und Rosa vermittelt ein düsteres, fast toxisches und zugleich sinnliches Gefühl.

Jenseits der malerischen Virtuosität ist das Besondere am Werk von Marwitz die scharfe und anspielungsreiche konzeptuelle Verbindung zwischen einer über Jahrhunderte reichenden Bildgeschichte sowie einer traditionellen Maltechnik mit dem weiterhin hochaktuellen Thema der Bildproduktion im digitalen Zeitalter. Er schafft mit seinen Malereien eine Art Allegorie auf Datenspeicher wie das Internet: einen Informationscontainer, einen Ort sowohl der Parallelität als auch der Hypertrophie.

Zwischen dieser Parallelität und Hypertrophie entfaltet Marwitz eine intensive Malerei, die übertreibt, ineinander verschmilzt, manchmal an Hässlichkeit grenzt und in den Augen schmerzt. Der Künstler scheut sich nicht: Wie Orpheus, der eine Höllenfahrt unternimmt, um seine Geliebte Eurydike zu retten, vertieft er sich in die Dunkelheit, um zu den Grenzen der Malerei vorzustoßen.

Narch Till June / Närz bis April ist die erste institutionelle Einzelausstellung von Jannis Marwitz in Deutschland.