Der Hof wird brennen!

Im Portrait – Julius von Bismarck

Julius von Bismarck, Fire with Fire (Video Test), 2020, Courtesy: Julius von Bismarck; alexander levy, Berlin; Sies + Höke, Düsseldorf, © Julius von Bismarck, VG Bild-Kunst, Bonn 2025

Julius von Bismarck hat Blitze gezähmt und die Freiheitsstatue ausgepeitscht. Er hinterfragt den kolonialen Aspekt von Herbarien, hat ein Reiterstandbild seines Verwandten Otto von Bismarck zum Kinderspielzeug mit Einknickeffekt umfunktioniert und Tauben blau gefärbt. Das bisherige Schaffen des 1983 geborenen Künstlers ist umfangreich. Im Kunst Haus Wien zeigt er aktuell seine erste österreichische Einzelausstellung. Warum die nicht den Titel „Hundertfeuer“ tragen wird und er trotz Zensur auch in China ausstellt, erzählt er im PARNASS-Interview.


PARNASS: Was erwartet uns in der Ausstellung im Kunst Haus Wien?
JULIUS VON BISMARCK:
Es ist immer schön, eine Einladung für eine Sache zu bekommen, die thematisch spannend ist. Dann hat man einen Grund, sich Gedanken zu machen. Wir probieren, eine Themenausstellung zu machen, die die Überschneidung von Friedensreich Hundertwasser und meinem Arbeiten deutlich macht.

Ich mache Kunst, um Brücken zu schaffen.

Julius von Bismarck

P: Wie gut kennen Sie das Werk von Friedensreich Hundertwasser?
JVB:
Ich kannte Hundertwasser nur als Klischee. Erst als ich in Wien war, habe ich gemerkt, dass es thematisch ziemlich viele Überschneidungen zu meinen Arbeiten gibt.

Julius von Bismarck, © Foto: Katja Strempel

Julius von Bismarck, © Foto: Katja Strempel

P: In welche Richtung wird die Auseinandersetzung mit Hundertwasser gehen? Bunt wird es bei Ihnen wahrscheinlich nicht.
JVB:
Die Verbindung ist nicht visuell, klar. Eher konzeptuell. Visuell habe ich ein Problem, denn es ist schon so viel da. Mein Arbeitstitel für die Ausstellung war „Hundertfeuer“, sie heißt nun „Normale Katastrophe“. [...] Die Hybris des Menschen besteht doch darin, zu glauben, dass wir schon fast alles verstanden haben. Durch unsere Selbstüberschätzung schaden wir auch uns selbst. Damit beschäftigen sich viele meiner Arbeiten, und ich denke, Hundertwasser hatte dafür auch schon ein Gefühl. Er war ein früher radikaler Ökologe und als Architekt sehr visionär.

Viele wollten, dass jemand ihre vom Brand verschonten Pflanzen oder eine unversehrte Skulptur fotografiert. Sie brauchten jemanden, mit dem sie diesen Moment teilen konnten.

Julius von Bismarck

P: Wie ortsspezifisch sind Ihre Arbeiten?
JVB:
Es gibt eine ortsspezifische Installation. Der gesamte Innenhof des Kunst Haus Wien, die Bäume im Hof werden – optisch – brennen. Daran knüpft sich natürlich die Frage: Dürfen Bäume brennen? Sollte man Wald abbrennen lassen? Dafür gibt es hierzulande wenig Akzeptanz.

P: Der Arbeitstitel „Hundertfeuer“ war also nicht nur wegen des Gegensatzes zu Hundertwasser gewählt?
JVB:
Ich habe mich viel mit Waldbränden und generell mit Naturkatastrophen beschäftigt. Und dann stand Anfang des Jahres Los Angeles in Flammen. Ich wusste, ich will nicht sofort hin, denn ich wollte nicht dort sein, wenn Menschenleben in Gefahr sind. Aber ich bin dann doch geflogen und habe noch die letzten Flammen gesehen. Ich bin systematisch alle Straßen abgelaufen, habe jedes der 5.000 verbrannten Häuser gesehen und viele fotografiert. Sich vorzustellen, wie ein Foto später in einem Museumskontext aussieht, ist eine schwierige Aufgabe, wenn man gerade mit einem weinenden Menschen gesprochen und ihm geholfen hat, in Brandruinen seinen Verlobungsring zu suchen.

P: Was ist auf den Fotos zu sehen?
JVB:
Viele Häuser, die nicht mehr da sind. [...] Die Spuren erzählen die Geschichte der Menschen. Es ist eine Datenanalyse, ein Röntgenblick durch die US-amerikanische Gesellschaft, für den ich nie die Haustüren überschritten habe. Ich hatte das Gefühl, ich dürfe die Privatsphäre nicht verletzen, auch wenn das Haus nicht mehr existierte. So entstand eine Serie von zehn bis 20 Fotos, die in Wien erstmals zu sehen sein wird.

Julius von Bismarck, Fire with Fire (Yellow Carr), 2019, Courtesy: Julius von Bismarck; alexander levy, Berlin;  Sies + Höke, Düsseldorf, © Julius von Bismarck, Foto: Simon Vogel, VG Bild-Kunst, Bonn 2025

Julius von Bismarck, Fire with Fire (Yellow Carr), 2019, Courtesy: Julius von Bismarck; alexander levy, Berlin;  Sies + Höke, Düsseldorf, © Julius von Bismarck, Foto: Simon Vogel, VG Bild-Kunst, Bonn 2025

Ich frage immer danach, wie es der Mensch schafft, sich in der Natur, deren Wandlung hin zu vermehrten Naturkatastrophen er selber mitverantwortet hat, neu einzuordnen. Vielleicht muss der Mensch lernen, mit sich verändernden Landschaften umzugehen, mit Grenzen, die sich verschieben.

Julius von Bismarck
Julius von Bismarck, Punishment, 2011, Courtesy: Julius von Bismarck; alexander levy, Berlin;  Sies + Höke, Düsseldorf, © Julius von Bismarck, VG Bild-Kunst, Bonn 2025

Julius von Bismarck, Punishment, 2011, Courtesy: Julius von Bismarck; alexander levy, Berlin;  Sies + Höke, Düsseldorf, © Julius von Bismarck, VG Bild-Kunst, Bonn 2025

Zensur ist eher eine Inspiration als eine Hürde.

Julius von Bismarck

P: Sie stellen demnächst in China aus, obwohl es in diesem Land Zensur gibt – das stört Sie nicht?
JVB:
 Man kann sehr wohl in einem Land mit Zensur gute Kunst machen. Ich bin der Meinung: Die Kunst ist immer stärker. Ich mache Kunst, um Brücken zu schaffen. Und die schaffe ich nur, wenn ich die lokalen Gegebenheiten respektiere. Ich kann doch nicht sagen, ich ignoriere dieses oder jenes Land, weil ich finde – aus meiner deutschen Perspektive –, dass sie dort etwas falsch machen. Das ist total überheblich. Es ist das Gegenteil von dem, was ich machen will. Ich will weg von dieser deutschen überheblichen Perspektive, die aus der deutschen Kolonialperspektive kommt. Die Westeuropäer:innen denken, sie wissen besser, wie Menschen anderswo zusammenleben sollen als die betroffenen Menschen selber. Es gibt Künstler, die sagen, sie stellen nicht in Saudi-Arabien aus, weil die Frauen dort keine Rechte haben. Ich bin in Saudi-Arabien aufgewachsen und weiß, dass sie dort darüber lachen, wie wir miteinander leben. Wer ist der oberste Richter, der sagt, welche Gesellschaftsform die richtige ist?

Weiter lesen Sie im PARNASS 03/2025.

Talking to Thunder, documentary footage, Venezuela, 2016, © Julius von Bismarck, VG Bild-Kunst, Bonn 2025

Talking to Thunder, documentary footage, Venezuela, 2016, © Julius von Bismarck, VG Bild-Kunst, Bonn 2025

JULIUS VON BISMARCK. NORMALE KATASTROPHE


Kunst Haus Wien

bis 08.03.2026
 

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