HAMBURG ART WEEK

Mit der ersten Hamburg Art Week wollte Hamburg zeigen, dass die Stadt mehr zu bieten hat als Elbphilharmonie, Musicals und Hafenromantik. Unter dem Titel „Crossing Currents“ versammelte das Festival von 3. bis 6. September rund 100 Galerien, Museen, Off-Spaces, unabhängige Initiativen und private Sammlungen. Das Konzept ist ambitioniert: Die Hamburger Kunstszene soll nicht nur sichtbar, sondern als zusammenhängendes Ökosystem erfahrbar werden und Hamburg sich nicht nur als Museumsstadt, sondern als lebendige Szene zeitgenössischer Kunst präsentieren. Statt sich auf einige wenige Leuchttürme zu konzentrieren, führte das Programm daher in Galerien, Projekträume und weniger etablierte Orte.
100 Kunstorte, sechs Routen, vier Tage – Museen, Galerien, Off-Spaces, Sammlungen und Initiativen
In der geografischen und institutionellen Breite lag einerseits die Stärke der Veranstaltung zugleich aber auch ihr wunder Punkt.. Das zentrale Instrument der Hamburg Art Week waren die sechs „Currents“. Sie führten das Publikum durch die Stadt und verbanden Ausstellungen, Gespräche und Performances. Ebenso relevant war auch die Einbindung kleinerer Räume und unabhängiger Akteur:innen. Die Idee ist charmant: Hamburg soll nicht länger nur Kulisse sein, sondern selbst zum Netzwerk der Kunst werden. Das ist zeitgemäß. Und genau deshalb auch ein wenig beunruhigend. Denn Kunst braucht gelegentlich das Gegenteil von Effizienz. Sie braucht Zeit. Doch Art Weeks per se produzieren erstmals vor allem Bewegung, das Publikum wird zum Kulturkonsumenten mit Schrittzähler.
Leider hatten die meisten Galerien am Sonntag nicht offen, ebenso auch am Samstag nur zu den regulären Galeriezeiten – und boten keine verlängerten Öffnungszeiten am Abend. Kam man erst am Samstag in die Stadt, war man entweder sehr sportlich oder hatte Mut zur Lücke und widmete sich sonntags wieder den Museumsausstellungen. Wer allerdings am Donnerstag anreiste bekam ein gut organisiertes Angebot. Doch die entscheidende Frage bleibt: wurden hier tatsächlich neue Verbindungen geschaffen? Wurde das Programm hauptsächlich von der großen Gruppe der Journalist:innen besucht, oder hat es auch die lokalen Kunstinteressierten auf die Szene aufmerksam gemacht. Denn Kunst braucht das internationale Publikum ebenso wie die lokale Community. Insofern ging es den Initiatoren der Art Week auch darum, sowohl die Akteur:innen miteinander zu vernetzen, als auch die Kunstszene bei den Hamburgern selbst bekannt zu machen.

Leitungsteam Hamburg Art Week, Foto: Steve Thomas
Wer allerdings am Donnerstag anreiste bekam ein gut organisiertes Angebot mit Ausstellungen, Führungen, Performances, Talks und Galerierundgängen. Ebenso relevant war auch die Einbindung kleinerer Räume und unabhängiger Akteur:innen. Doch die Kunstwelt ist nicht nur ein Ort ästhetischer Auseinandersetzung. Sie ist auch ein Markt, ein Netzwerk aus Sammler:innen, Galerien, Institutionen, Stiftungen und öffentlichen Förderer:innen, etwas das auch in unserem Talk im Dorotheum Hamburg „Die Kunst des Sammelns – Warum Kunst mutige Sammler braucht“ mit Christoph H. Seibt und Andrea von Goetz im Fokus stand.
Ist es auch die Aufgabe einer Art Week, diese Strukturen sichtbar zu machen oder soll sich zunächst ein Schaufenster, eine Zusammenfassung aktueller Ausstellungen sein, die durch das Label Art Week eine Möglichkeit einer Sichtbarkeit auch über Hamburg hinaus schafft? Und im Grunde ist es ja auch so, dass auch wenn Hamburg unter dem Jahr immer wieder eine Reise wert ist, eine Art Week immer einen Anlass für einen Besuch generiert, der eben dann über den Museumsbesuch hinausgeht und die Vielfalt der Akteur:innen der Hamburger Kunstszene nach außen hin sichtbar macht. Das ist eine wichtige Aufgabe – und die ist durchaus gelungen.
Spannend ist wie die Hamburger Art Week sich weiterentwickelt – und sich als Gegenströmung zu Berlin etabliert. Vielleicht liegt der USP der Hamburger Art Week darin, nicht möglichst viele Akteur:innen unter ein Dach zu bringen, sondern eine kleinere, radikalere Art Week zu etablieren: weniger Kunsttourismus, dafür mehr Diskurs und Auseinandersetzung auch mit internationalen Fachleuten.
In einer Zeitfenster zwischen DC Open und der Berliner Art Week stellt sich daher die Frage wie es die Hamburg Art Week auch in Zukunft auf den ohnedies schon übervollen Kalender der kunstinteressierten Community schafft.
Was bleibt also von „Crossing Currents“?
Hamburg ist längst eine Kunststadt. Das musste die Art Week nicht erst beweisen. Die eigentliche Nagelprobe der ersten Hamburg Art Week findet nicht unbedingt in den großen Institutionen statt, wenngleich diese ein interessantes Programm präsentierten. Allen voran »Isa Mona Lisa« in der Kunsthalle Hamburg, die anhand besonderer Positionen internationaler, zeitgenössischer Künstler:innen nicht nur Einblicke in die aktuelle Gegenwartskunst gab. Größtenteils waren dies erstmalig präsentierten Neuerwerbungen aber auch viele Arbeiten, die aufgrund jüngster Kooperation mit der bedeutenden Hamburger Privatsammlung Privatsammlung Schmitz-Morkrame gezeigt werden können, die viele Arbeiten als Dauerleihgabe den Museum zur Verfügung stellt. Und hier zeigt sich ebenso wie in der langen Liste der unterstützenden Stiftungen wie sehr Hamburger Privatsammlungen in der Gegenwartskunst aktiv sind.

Galerie der Gegenwart (links) und Gründungsbau der Hamburger Kunsthalle (rechts), Foto: © Hamburger Kunsthalle/Foto: Hagen Stier
Beim Gang durch die Galerien zeigt sich eher ein ambivalenteres Bild. Man findet bemerkenswerte Positionen – aber auch sehr viel Kunst, die sich nur allzu gut in die internationale Sprache des zeitgenössischen Kunstbetriebs einfügt – beliebig und zuweilen ein bisserl zu glatt. Eine der interessanteren Ausstellungen war die Einzelausstellung von Nicole Wermers in der Produzentengalerie „Support Act or Minor Character“ sowie die Installation von Simon Hehemann bei Feinkunst Krüger. Mit „Wie die Teile fallen“ macht Hehemann die Galerie selbst zur begehbaren Installation. Schwarze Wände, Asphalt-Schotter, Wasser, Beton, Projektionen, fragile Objekte und der wiederkehrende Gegensatz von Aufbau und Einsturz bestimmen den Raum. In beiden Ausstellungen wird die Art Week nicht zum Schaufenster, sondern stellt eine künstlerische Position in den Fokus – im Dialog mit dem Räumen der Galerie. Das entspricht auch den Erwartungen. Bei einer Art Week möchte man nicht noch mehr Kunst sehen, sondern Ausstellungen, in denen die Galerien auch etwas wagen und konzeptuelle Präsentationen zeigen.

Nicole Wermers, Produzentengalerie Hamburg, Foto: PARNASS
Noch aufgefallen: Thorsten Brinkmanns Fotografien, die Übergänge zur Malerei, Skulptur, Film und Installation zeigen, in der Galerie Mathias Günther. Die großformatigen Bilder von Sven Neygenfind, bei Galerie Conradi und die Doppelausstellung von Jens Hanke und Susanne Piotter bei Carolyn Heinz sowie die Installation „Keiner rannte“ von Andrey Klassen kuratiert von Anna Nowak, Leiterin des Kunsthaus Hamburg im Projektraum Admiralitätstraße, den das Kunsthaus Hamburg temporär bespielt. DIe Ausstellung ist ein inhaltlicher Beitrag zum diesjährigen Sommerprojekt der Stadtkuratorin Joanna Warsza, das unter dem Titel "FIRE" steht. Klassen war 2024 Preisträger das STRABAG Artaward und auch mit einer Einzelausstellung in Wien präsent. In der raumgreifenden Installation in Hamburg überführt er seine zeichnerische Praxis in den Raum. Ausgehend von Platons Höhlengleichnis, das den Weg von der Illusion zur Wahrheit beschreibt, verschiebt die Arbeit die Grenze zwischen Schein und Wirklichkeit. Das Kunsthaus Hamburg ist seit 2024 Trägerinstitution des Projekts Stadtkuratorin Hamburg. Im Zentrum des Projekts steht eine von Joanna Warsza kuratierte Gruppenausstellung im öffentlichen Raum, am Mahnmal
St. Nikolai, auch dieses ist einen Besuch wert. Und grundsätzlich ist die Etablierung einer Stadtkuratorin per se ein interessantes Charakteristikum der Stadt Hamburg. Als Stadtkuratorin ist Joanna Warsza zuständig für die Aktivierung und Erweiterung Sammlung der Kunst im öffentlichen Raum in Hamburg, holt zeitgenössische Kunst aus Museen heraus und macht sie direkt im Stadtraum für alle zugänglich.

Andrey Klassen, Kunsthaus Hamburg, Projektraum, Foto: PARNASS












