Girl. Woman. Other. – Ikonische Frauenporträts

Vor etwas mehr als einem Jahr, am 24. Mai 2025, hat das Kunsthaus Gmünd seine Türen mit einer vielbeachteten Personale von David Hockney geöffnet. Jetzt, in der zweiten Sommerausstellung, beweist das Haus, dass es nicht beim One-Hit-Wonder bleiben will, und schlägt mit einer kuratorisch anspruchsvollen und gleichermaßen abwechslungsreichen wie unterhaltsamen Gruppenausstellung das nächste Kapitel auf. Im Zentrum steht das Frauenbild in vielen seiner Facetten.
Julia Schuster, Leiterin des Hauses und Kuratorin, hat sich Bernardine Evaristos Booker-Prize-prämierten Roman »Girl, Woman, Other« als Titel geliehen und mehr als 20 Positionen versammelt, von Matisse bis Alex Katz, von Picasso bis Maria Lassnig und Soli Kiani. Die Ausstellung versteht sich als Reflexionsraum über gesellschaftliche Rollenbilder, über Blickverhältnisse, Macht, Projektion und Selbstbestimmung – und befragt das Frauenbild sowohl aus dem Blickwinkel von Künstlern als auch von Künstlerinnen.
Was passiert, wenn Frauen die Regie übernehmen?

"Girl. Woman. Other", Ausstellungsansicht, Kunsthaus Gmünd, 2026, Foto: Richard Krämmer
Die Schau ist in thematische Kapitel eingeteilt und hochkarätig bestückt. Mit der Kölner Galerie Boisserée im Rücken holt Schuster internationale Druckgrafik aus Privatsammlungen nach Kärnten: Matisses Mappenwerk »Dix Danseuses« von 1926/27 mit zehn Kreidelithografien, die als Spitzenwerk dieser Technik gelten, dazu Blätter aus einer Vorzugsausgabe von Louise Bourgeois, jedes einzeln von der Künstlerin signiert, und ein Mappenwerk von Alex Katz.
Vier Arbeiten von Maria Lassnig, darunter eine frühe Kohlezeichnung, kommen aus der Sammlung des Museum Moderner Kunst Kärnten in Klagenfurt. Lassnigs »Die große Mutter« ist im Kapitel »Mama« eindrücklich präsent. Das Ölgemälde entstand 1964, kurz nach dem Tod von Lassnigs Mutter. Ein Einschnitt, der die Künstlerin in eine emotionale und existenzielle Krise stürzte.
Wie wichtig Mütter sind, bringt Aldo Giannotti unmittelbar zum Ausdruck: »An Angle of 180 Degrees is a Straight Line or Half a Circle« (2007) zeigt die Mutter des Künstlers kopfüber an einem Seil von der Decke hängend. In ihren Händen hält sie ein Blatt Papier mit dem Wort »WOW«. Dreht man das Bild gedanklich um, wird aus dem bewundernden Ausruf das schlichte »MOM«. Im selben Kapitel hängt auch Werner Bergs sehenswertes Bildnis seiner schwangeren Frau Amalie »Mauki«, und die Spinnen von Louise Bourgeois schlagen ambivalente Töne an: die Mutter als Netz, als Schutzraum und Bedrohung in einem.
Den Übergang zum Kapitel der Ikonen und Heiligen markiert Niki de Saint Phalles »Strength« von 1973, eine üppige Frauenfigur, die einen Drachen bändigt. Daneben serialisiert Andy Warhol die Märtyrerin Apollonia bis zum Pop-Multiple – die Heilige als Plakatware.

Irene Andessner, Peggy Guggenheim, Fotografie, 2023, © by the artist
»Girl. Woman. Other.« lädt auch ein, vertraute Bilder neu zu lesen. Im Kapitel »Muse und Modell« sitzt der male gaze, wo er hingehört: in der Kunstgeschichte, namentlich Picasso, Wesselmann, Matisse. Aber die Muse muss kein passives Objekt bleiben – und so setzt Schuster Alex Katz’ »Red Hat Ada« dagegen, für sie das Schlüsselwerk der Schau: Seit über 60 Jahren ist Ada Katz’ Muse, ohne hierarchisches Gefälle.
Im Kapitel »Tanz als Bild« treffen derweil Skulpturen von Hans Pontiller auf Lithografien von Matisse. Die raffiniertesten Werke liefert Julian Opie. Vor seinen Lentikularen, etwa »Sara dancing in sparkly top«, beginnen die Besucher:innen unwillkürlich zu schwanken: Die im Bild Dargestellten vollziehen ihre Bewegung erst, wenn sich der Körper der Betrachter:innen mitbewegt. Selten zieht eine Hängung das Publikum so unmittelbar in die Arbeit hinein.
Soli Kiani fotografiert sich selbst mit wehenden Haaren, eine Erfahrung, die die gebürtige Iranerin erst machte, nachdem sie ihre Heimat verlassen hatte.
Politisch wird die Schau im Kapitel »Alltagsheldinnen«. Sevda Chkoutova setzt hier das Thema der Wechseljahre berührend in Tuschezeichnung um, und Claudia Holzinger malt sich Dyson-Geräte auf die Kleider, anstatt sie im Haushalt zu schwingen. Im »Selbstporträt«-Kapitel nehmen die Frauen das Bild selbst in die Hand. Linda Berger und Judith Zillich zeigen sich ohne Schmeichelfilter: Augenringe, Falten, das Innenleben. Zillichs feingliedrige Bildnisse gehören wohl zu den nachhaltigsten Eindrücken der Schau. Irene Andessner schlüpft in historische Frauenrollen und macht aus Aneignung Methode. Soli Kianis fotografische Serie »The Wind in My Hair« thematisiert Selbstbestimmung als körperliche Sensation. Die Künstlerin fotografiert sich selbst mit wehenden Haaren, eine Erfahrung, die die gebürtige Iranerin erst machte, nachdem sie ihre Heimat verlassen hatte und nach Österreich kam. Das Erleben von Wind im offenen Haar wird für Kiani zu einem Symbol der Freiheit. Um diese kämpfen Frauen – nicht nur im Iran – bis heute.
Schuster macht im Gespräch mit PARNASS einen persönlichen Befund, der auch die Ausstellung trägt, deutlich: In der zweiten Hälfte des 20. und am Beginn des 21. Jahrhunderts hätten Künstlerinnen einen neuen Mut zum »Makel« entwickelt. Doch heute, in der Filter-Culture, kehre die Beschönigung zurück, angesagt seien Glätten, Retuschieren, Wegwischen. Evaristo schreibt im titelgebenden Roman von »complexions filtered to perfection«. Der Backlash kommt auch aus der Smartphone-Kamera. Die Schau zeigt: Der Gesprächsbedarf zum Frauenbild ist nach wie vor groß.
GIRL. WOMAN. OTHER.
Ikonische Frauenporträts von Matisse bis Alex Katz
bis 04.10.2026
Kunsthaus Gmünd

Judith Zillich, Selbstporträt, 2007, Öl auf Leinwand, © by the artist / Bildrecht, Wien 2026





