Fritz Wotruba – Block. Mensch. Welt.

Ein Künstler zwischen Stein und Weltgeschehen – neu gesehen, anders vernetzt, überraschend aktuell.
Es ging ihm um mehr als Repräsentation und wirtschaftlichen Erfolg: um kulturellen Wiederaufbau, um die Idee einer humanistischen Gesellschaft nach dem Krieg.
„Wir wollten zeigen, dass Wotruba keine lokale Größe war, sondern eine international relevante Stimme im Skulpturendiskurs des 20. Jahrhunderts“, betont Verena Gamper, eine der beiden Kuratorinnen der Ausstellung „Wotruba International“ im Belvedere 21. Der Titel ist Programm: Zum 50. Todestag des bedeutenden österreichischen Bildhauers rückt erstmals nicht sein Werk allein ins Zentrum, sondern sein internationales Netzwerk und die weltweite Rezeption seiner Kunst.
Ein notwendiger Perspektivwechsel. Denn Fritz Wotruba (1907–1975) wird hierzulande noch immer als singuläre Figur der österreichischen Nachkriegsmoderne gelesen. Dabei war seine Karriere von Beginn an international: Die erste Einzelausstellung erhielt er 1931 im Museum Folkwang in Essen, Aristide Maillol lobte das Frühwerk. Später feierte Wotruba mit einer Personale im Musée national d’art moderne in Paris große Erfolge. „In den 1950er- und 1960er-Jahren wurde er auch regelmäßig zu Freiluftausstellungen in London, Antwerpen oder Arnheim eingeladen, zweimal nahm er an der documenta in Kassel teil“, so Gamper. „Im MoMA New York und in der Kunsthalle Darmstadt fanden wichtige thematische Ausstellungen statt – auch dort fehlte Wotruba nicht.“

Fritz Wotrube, Modell der Kirche zur Heiligsten Dreifaltigkeit in Wien-Mauer, 1967, Gipsguss nach Tonmodell, © Belvedere, Wien, Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien
Diese internationale Sichtbarkeit wird in der Ausstellung durch ausgewählte Werkbegegnungen greifbar: Skulpturen von Barbara Hepworth, Henry Moore oder Lynn Chadwick flankieren Wotrubas Werke. Die Nachbarschaften stellen ihn in einen Dialog, der seine spezifische bildhauerische Sprache und seine Relevanz für das Menschenbild der Nachkriegszeit neu lesbar macht.
Wotruba war nicht nur Künstler, sondern auch Vermittler und Netzwerker. Von 1953 bis 1964 leitete er die Wiener Galerie Würthle – aus seiner Sicht ein Ort mit musealem Auftrag. „Er wollte die Galerie zu einem erzieherischen Vorposten der zeitgenössischen europäischen Kunst ausbauen“, erklärt Kuratorin Gabriele Stöger-Spevak. „Es ging ihm um mehr als Repräsentation und wirtschaftlichen Erfolg: um kulturellen Wiederaufbau, um die Idee einer humanistischen Gesellschaft nach dem Krieg.“ Seine Galerietätigkeit verstand der Bildhauer als Beitrag zur Überwindung des Faschismus und zur Reform einer Gesellschaft, in der Kunst eine führende Rolle spielen sollte.

Ausstellungsansicht "Wotruba International", Belvedere 21, 2025, Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien
Doch was meinte Wotruba, wenn er vom „neuen Menschen“ sprach? Seine Skulpturen sind abstrakt und zugleich zutiefst körperlich. Während Alberto Giacometti seine Figuren ins Zerbrechliche verlängerte, türmte Wotruba Volumen. „Seine Skulpturen bleiben kompakt, nicht fragmentiert“, bemerkt Stöger-Spevak. „Sie wirken herb, spröd, aber niemals haltlos. Wotruba kämpft mit der Gewissheit seiner Kunst gegen die Nervosität der Gegenwart an.“ Diese künstlerische Haltung hat metaphysische wie politische Wurzeln: „Wotruba versucht sich der Essenz der Figur anzunähern, der Idee der menschlichen Figur. Dafür dient ihm der Block, der Kubus“, erklärt die Kuratorin.
Der Bildhauer war geprägt vom sozialistischen Geist der Zwischenkriegsjahre, vom Glauben an Aufklärung, Bildung – und die gestalterische Kraft der Kunst. Wie sehr Wotrubas Werk im Austausch mit der internationalen Bildhauerei stand, zeigt sich auch in formalen Brüchen: „So entstehen ab 1948 kleinformatige, skizzenhafte Bronzefigurinen, die in keinem größeren Gegensatz zu den aus Stein gehauenen, monumentalen Skulpturen stehen könnten, mit denen er damals Furore machte“, erläutert Verena Gamper. Die berühmte „Weibliche Kathedrale“ von 1946 wiederum changiert zwischen Figuration und Informel – Ausdruck der politischen und gesellschaftlichen Brüche jener Zeit.
Die Ausstellung im Belvedere 21 inszeniert Wotrubas Werk mit Unterstützung des Wiener Architekturbüros the next ENTERprise in einem offenen Raumkonzept: Ein schmaler, durch den Raum laufender Steg aus Wabenkarton bildet das Rückgrat der Schau. „Wotrubas künstlerische Entwicklung kann von seinem frühesten Steintorso von 1928/29 bis zu seiner letzten vollendeten Großplastik von 1974 nachvollzogen werden“, zeichnet Gamper die chronologische Anordnung nach. Flankiert werden die 24 Werke Wotrubas auf diesem skulpturalen Laufsteg von 15 Werken anderer Bildhauer:innen seiner Zeit. „Gerade durch diese Konfrontation treten die Eigenheiten seines plastischen Denkens hervor: seine Solidität, seine Materialtransparenz, seine radikale Formlogik – aber auch die Grenzen, bis zu denen er bereit war zu gehen“, so Gamper.

Fritz Wotruba, Große stehende Figur, 1966, Carrara-Marmor, 195,5 × 27 × 58 cm, © Belvedere, Wien, Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien
Gerade heute, wo sich künstlerische Positionen wieder stärker global vernetzen und Fragen nach Verantwortung und Humanismus neu gestellt werden, hat Wotrubas Werk viel zu sagen.
The next ENTERprise begleitet Wotrubas Werk bereits lange: „Die Wotrubakirche am Georgenberg hat uns schon in unserer Studienzeit fasziniert“, erinnert sich Architektin Marie-Therese Harnoncourt-Fuchs. „Sie erscheint aus der Ferne wie eine maßstabslose Monumentalskulptur, ihre Leichtigkeit erschließt sich erst beim Näherkommen – im Inneren scheint sie die Schwerkraft zu überwinden.“
Auch die Wirkung dieses Raumes war für Harnoncourt-Fuchs prägend: „Die gestapelten Blöcke und Glasausfachungen formulieren einen Hohlraum, der rundum geöffnet erscheint und Geborgenheit vermittelt. Das kann eindeutig als Bekenntnis zu einer offenen Gesellschaft gelesen werden.“
„Wotruba versuchte, die klassizistische Idealgestalt und die expressionistische Leidensfigur seiner frühen Jahre nach 1945 zu vereinen“, ist auch Stöger-Spevak überzeugt. „Wobei der Kubus als formale neue Basis diente, um diese Gegensätze in einem Werk zusammenzuführen.“ Seine Figuren stehen damit nicht nur für eine Formauffassung, sondern für eine Haltung – zwischen Retro-Tektonik und künstlerischer Avantgarde, zwischen idealistischer Utopie und moderner Ernüchterung. „Gerade heute, wo sich künstlerische Positionen wieder stärker global vernetzen und Fragen nach Verantwortung und Humanismus neu gestellt werden, hat Wotrubas Werk viel zu sagen“, ergänzt Stöger-Spevak: „Diese Ausstellung will dazu beitragen, sein Werk nicht nur zu bewahren, sondern neu zu sehen – als Ausdruck eines tiefen Glaubens an die gestaltende Kraft der Kunst.“

Fritz Wotruba in seinem Atelier in Wien, 1947/48, Foto: Ernst Hartmann / Bildrecht, Wien 2025

Ausstellungsansicht "Wotruba International", Belvedere 21, 2025, Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien

