"Fleisch" im Wien Museum

Fleisch ist als soziokulturelles Diskursfeld unglaublich ertragreich. Fragen der Klimakrise treffen auf Vorstellungen von Gesundheit, kulturellem Erbe und Lebensstil, vermengen sich mit Debatten zum Tierschutz und prallen auf wirtschaftliche Realitäten. "Wo anfangen?", fragten sich die beiden Kurator:innen Jakob Lehne und Sarah Pichlkastner und kamen zu dem Schluss, den Weg der Fleischerzeugung von der Weide bis zum Teller chronologisch nachzuzeichnen.
Die ausgestellten Exponate verschränken Vergangenheit und Gegenwart. Bereits im Mittelalter war Wien ein zentraler Umschlagplatz für den Fleischhandel, und hier wurde angeblich mehr Fleisch gegessen als anderswo. Später prägten die großen Schlachthallen von St. Marx und eine Vielzahl von Fleischhauereien die Stadt. Doch gab es Wien auch bereits im 19. Jahrhundert Initiativen für den Tierschutz und vegetarische Bewegungen.
Anhand von fotografischen Schnappschüssen aus Fleischereien, historischen Werbemitteln, aber auch Futtermittelsäcken, Vollspaltböden oder einem historischen Elektroherd gibt die Ausstellung einen Einblick in das Thema – bis hin zur Industrialisierung und dem globalen Markt der Gegenwart mitsamt all seinen Herausforderungen. Dabei ist der monetäre Wert von Tier und Endprodukt über die Jahrzehnte ebenso Diskussionsgegenstand wie der ökologische Fußabdruck des enormen Fleischkonsums sowie ethische Wertvorstellungen.

Friedrich Haberlandt, Sojabohnen für Haberlandts erste Anbauversuche in Mitteleuropa, 1870er-Jahre, Leihgabe: BOKU, Foto: TimTom, Wien Museum
Anhand des Themas lässt sich auch Migrationsgeschichte erzählen, man denke etwa, so die Kurator:innen, an das Gulasch, das es über viele Umwege heute bis ins Wiener Kaffeehaus geschafft hat. Spannend sind auch die politischen Aspekte der Schau. Tragikomisch nimmt das Schnitzel als Politikum im Museum wie im Politalltag ausreichend Raum ein. So liest man an den Museumswänden von fast allen Parteien ein Schnitzelzitat: ob Pamela Rendi-Wagners "das Schnitzel darf nicht zum Luxus werden" oder folgender Satz von Udo Landbauer:
Wir wollen nicht, dass sich die Bevölkerung, wenn ich das überspitzt formulieren darf, irgendwann einmal das letzte Schnitzel im Museum anschauen kann.
Ebenda, im Museum, wird den Besucher:innen rasch deutlich, dass in puncto Fleisch alles auf die Waagschale gelegt werden kann, vielleicht auch soll. Dies gilt auch für die Begrifflichkeit. So wird, dies vermittelt die Schau, das Wort "Fleisch" etwa aus Sicht der Biologie anders definiert als im Lebensmittelrecht. Die Darstellung dieser Ambivalenzen ist in der Ausstellung hervorragend gelungen. So befragen die Kurator:innen in einigen Kapitel den Bodenverbrauch der Lebensmittelindustrie und schlüsseln die Unterschiede zwischen biologisch zertifizierter und konventioneller Massenproduktion auf, während die humorvolle Seite beispielhaft den Mythos zwischen Frankfurter und Wiener Würstel aufklärt oder die Völlerei bildlich karikiert.
Die bildende Kunst mischt sich da und dort im Ausstellungsverlauf ein, mal lauter, mal leiser, etwa in einem Kaffeeküchen-Gemälde von Michael Neder (1860), der kraftvollen Darstellung eines Katzenfressers von Elena Luksch-Makowsky (1900) oder aber auch in Form eines Glasfensters mit einer Darstellung des Pessachfests aus der Kirche St. Lorenzen im Mürztal (frühes 15. Jahrhundert).

Ausstellungsansicht "Fleisch", Wien Museum, 2025/26, Foto © Wien Museum
Überhaupt feiert die Schau das Multimediale und bietet Videos, Mitmachstationen, Bücher, Grafiken und mehr sowie kulinarische Achsen im hauseigenen Lokal, das während der Ausstellungsdauer Fleischersatz aus Eigenproduktion anbietet. Darüber hinaus wagt das Wien Museum auch Ausblicke in eine Zeit "danach" und fragt: Wohin entwickeln sich Fleischersatzoptionen und Esskultur in Zukunft?
FLEISCH
Wien Museum
bis 22.02.26

Ausstellungsansicht "Fleisch", Wien Museum, 2025/26, Foto © Wien Museum
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