Eine Reise durch Begierde und Besitz – Kunsthandel in Europa

Seit mehreren Jahrhunderten ist das Gartenpalais Lichtenstein fest verwurzelt in der Geschichte Wiens. Erbaut wurde es vor über 300 Jahren von der fürstlichen Familie Liechtenstein. Jährlich lädt eine Sonderausstellung ein, diesen besonderen Ort voller Meisterwerke zu erkunden. Die kommende internationale Schau »Noble Begierden. Eine Geschichte des europäischen Kunstmarkts« beleuchtet Strategien und Methoden eines jahrtausendealten Phänomens.
Begierden werden geweckt – und im besten Fall erfüllt. In der Kunst nicht anders als in anderen Bereichen von Konsum und Repräsentation. Der Handel als Vermittler zwischen "haben wollen" und "glücklich sein" ist Thema einer Ausstellung im Palais Liechtenstein mit bisher kaum bekannten Fakten, abenteuerlichen Geschichten, historischen Dokumenten und anschaulichen Beweisstücken: den Meisterwerken von Giambologna, Brueghel oder Rembrandt aus der eigenen Sammlung und Ergänzungen aus den bedeutendsten Museen der Welt.
In der Kunstwissenschaft werden pekuniäre Aspekte meist als etwas anrüchig ausgespart. Aber seit es Kunst gibt, gibt es Menschen, die diese verkaufen bzw. besitzen möchten.
Kunsthändler müssen über die Gabe verfügen, etwas begehrenswert zu machen, was man nicht wirklich braucht.

Willem van Haecht, Die Kunstkammer des Cornelis van der Geest, 1628, Öl auf Holz, Antwerpen, Rubenhuis
"Dahinter steht auf beiden Seiten eine Begierde, ein Wunsch. Die eine will Geld verdienen, die andere Status gewinnen." Das System dahinter ist und war nie eine Einbahnstraße, denn die Regeln des Marktes gelten auch in der Kunst: Angebot und Nachfrage regeln den Preis, Nachfrage und Preis regeln das Angebot, sprich: die Produktion. Der Kunsthandel ist somit ein wichtiger Player in der Entwicklung der Kunst.
Über drei Jahre hat Stephan Koja zusammen mit internationalen Expert:innen eine Ausstellung zu diesem jahrtausendealten Phänomen vorbereitet: "Wir haben das Glück, in den Sammlungen über eine ganz erstaunliche Quellenlage zu verfügen." Seit 1600 sammelten die Fürsten von Liechtenstein, und seit damals gibt es auch Inventare und aufschlussreiche Korrespondenzen sowie weitere Unterlagen: "Es gibt quasi den 'Strichcode' der damaligen Zeit: die Logos auf der Rechnung, auf dem Lieferschein, auf der Transportkiste, auf dem Keilrahmen – diese zeitgenössischen Zeugnisse sind unglaublich faszinierend."
Das umfangreiche Thema wurde nach Städten und Regionen strukturiert, in denen bestimmte Phänomene erstmals auftraten. Die Ausstellung beginnt im antiken Rom, wo die Idee der "Multiples" entstand: Beliebte Skulpturen wurden kopiert und nachgeliefert, wenn Nachfrage bestand. Im Florenz der Medici gab es eine florierende Auftragskunst, aber auch Serienfertigungen für den kleinen Geldbeutel.
"Neri di Bicci, ein sehr erfolgreicher Maler in Florenz, hat ganz genau aufgeschrieben, mit wie vielen Mitarbeitern, welchen Materialien, in welchem Zeitraum und zu welchen Kosten er etwas hergestellt und an wen verkauft hat. Wenn er wusste, dass ein Kunde nicht so viel zahlen konnte, verwendete er günstigere Pigmente oder reduzierte den Heiligenschein auf einen dünnen Goldstreifen."

Torso der Aphrodite, Typus Medici, frühes 2. Jahrhundert n. Chr., nach einem Original des frühen 3. Jahrhunderts v. Chr., parischer Marmor, © Skulpturensammlung, Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, Foto: Elke Estel/Hans-Peter Klut
Alle Aspekte, die wir zeigen, sind äußerst aktuell, relevant und heutig.
Nördlich der Alpen war es Antwerpen, wo die ersten Ausstellungshallen errichtet wurden, sogenannte Schilderspanden für Gemälde oder Tapisseriespanden für Bildteppiche. "Da wurde Kunst produziert, ohne zu wissen, wer sie kaufen wird. Es war Spekulation, aber mit großen Gewinnspannen." In Amsterdam entstand eine Spezialisierung auf bestimmte Sujets in der Malerei. Es gab sowohl einen "High-End-Kunstmarkt" – Gemälde von Lievens oder Rembrandt konnten so viel kosten wie ein Stadthaus – als auch die "Ein-Gulden-Stücke", also billige Durchschnittsware.
Seit es Kunst gibt, gibt es Menschen, die diese verkaufen bzw. besitzen möchten.
Im Paris des 18. Jahrhunderts entwickelte sich der moderne Kunsthandel, der mit illustrierten Katalogen und genauen Beschreibungen der Objekte den Künstlernamen als Marke etablierte. Neue Geschäftsmodelle arbeiteten mit den verschiedenen Techniken der Reproduktion, Sensationsbilder wurden prunkvoll inszeniert und auf Reisen geschickt, der Handel wurde zunehmend international und interkontinental. Information, Transport, Versicherung – all das war bereits in früheren Jahrhunderten organisiert, lange vor Eisenbahn, Telegrafen oder Internet.
Die Ausstellung endet mit der Wiener Secession und deren innovativen Verkaufsstrategien: Einerseits sammelten die Fürsten von Liechtenstein nur bis 1900, andererseits waren bis dahin alle wesentlichen Werkzeuge des Kunsthandels erfunden. "Aber", resümiert Stephan Koja, "alle Aspekte, die wir zeigen, sind äußerst aktuell, relevant und heutig".

Michiel van Musscher, Porträt eines Künstlers in seinem Atelier, um 1670/75, Öl auf Eichenholz, LIECHTENSTEIN. The Princely Collections, Vaduz–Vienna
NOBLE BEGIERDEN
30. Jänner bis 6. April 2026
GARTENPALAIS Liechtenstein
täglich von 10 bis 18 Uhr, Eintritt frei

