FRAGILE CONSTRUCTS - gezwanzig projects

Eine neue Kunstfabrik für Wien

„Fragile Constructs“ Ausstellungsansicht, Céline Struger, „Moth as in Mother II“, Stahl, Steinzeug, 330 x 20 x 13 cm, 2025 | Foto © Mika Nikolas Mahringer | © Bildrecht, Wien 2025

In Nussdorf hat die Gegenwartskunst einen neuen Ort gefunden. Das ehemalige Fabriksgelände in der Boschstraße 54 wurde von Galerist Florian Erhart für das Format „gezwanzig projects“ zur „White Hall Vienna“ umgewandelt – roh, lichtdurchflutet, mit jenem industriellen Charme, der sich bestens für künstlerische Interventionen eignet.


Unter dem Titel „Fragile Constructs" präsentiert die Ausstellung bis Ende Oktober 44 internationale Positionen, die Instabilität als ästhetische und konzeptuelle Bedingung begreifen. Der Linie der Galerie „gezwanzig“ entsprechend, liegt der Fokus auf konkreter und abstrakter Kunst, die sich hier von ihrer dynamischen Seite zeigt.

Panta rhei – alles fließt

„Panta rhei – alles fließt", bemerkt Florian Erhart. Dabei geht es ihm weniger um philosophische Anmutungen als darum, Dinge tatsächlich ins Rollen zu bringen - so etwa, als er kürzlich für die Soloausstellung von Sofia Goscinski eine Tonne Bauschutt in die Innsbrucker Dependance verfrachtete.

Diese Energie ist auch in der „White Hall Vienna“ spürbar. Den Auftakt bildet Ma Jia mit einer Arbeit, die unmittelbar aus der Geschichte des Ortes schöpft: Aus dem ausgedienten Konstruktionsholz der Fabrik hat sie mit Latten die chinesischen Schriftzeichen für „Gui" (Geist/Seele) konstruiert. Ein In-situ-Werk, welches die Schwelle zwischen Existenz und Vergänglichkeit, Materie und Leere auslotet, und den Wandel vom Produktions- zum Denkraum markiert. Von diesem guten Omen zur Strahlkraft des Lichts: Seit fünf Jahrzehnten widmet sich Hellmut Bruch dem Zusammenspiel von Licht und Proportionen, seine bevorzugten Materialen sind Metall und Acrylglas. Unter dem First der Halle entfalten sich seine leuchtenden Formen als präzise Setzungen zwischen Maß und Immaterialität.

„Fragile Constructs“ Ausstellungsansicht, Hellmut Bruch, „Triptychon“, 2009 | Foto © Mika Nikolas Mahringer | © Bildrecht, Wien 2025

„Fragile Constructs“ Ausstellungsansicht, Hellmut Bruch, „Triptychon“, 2009 | Foto © Mika Nikolas Mahringer | © Bildrecht, Wien 2025

Zeitgleich ist eine Solopräsentation des Künstlers in der „Gallery gezwanzig“ in der Gumpendorfer Straße zu sehen, mit Werken, die abermals auf die Fibonacci-Folge und den Goldenen Schnitt Bezug nehmen. Ein paar Schritte weiter wird das Streben nach einem Optimum persönlich: Arnold Reinthalers Objektarbeit „Breaking Myself" zeigt eine lineare Gravur in weißem Thassos-Marmor, die den Verlauf seiner künstlerischen Laufbahn nachzeichnet. Dreißig Jahre „Artfacts“-Ranking, in Stein gefasst. 2024 reißt die Linie abrupt ab, um sich bis 2028 als zittrige Bruchkante fortzuschreiben. Resultat ist eine selbstironische Reflexion über die Fragilität von Erfolg, Eitelkeit und künstlerische Selbstvermessung.

Raumordnungen in Bewegung

Von hier aus öffnet sich die Schau stärker dem Raum und dessen Auflösung. Bekannte Vertreter:innen der österreichischen Konkreten bespielen diese Ebene mit sichtbarer Lust am Systembruch. Franz Türtscher denkt Ordnung als variables, nach oben offen gehaltenes Setzkastensystem. Gerhard Himmer lässt Struktur, Farbe und Raum einmal mehr ineinanderfließen. Esther Stocker wiederrum stürzt ihre Rasterungen in ein Moment des Chaos. Mit dem amerikanisch-iranischen Künstler Parsa Khalili kommt eine neue Position hinzu. Überlagerungen, Verschiebungen und Störungen formen bei ihm Architekturen, in welchen Farbe zur bewegenden Kraft wird. Roman Pfeffer nähert sich Aufriss und Seitenriss von der materiellen Seite. Wer bei seiner neuen Skulpturenserie aus Trägerprofilen an die vom Künstler zersägte Messestellwand, so geschehen am Eröffnungsabend der viennacontemporary 2015, denkt, kann aufatmen: Diesmal blieb die Motorsäge in der Werkstatt und das Fabrikinterieur intakt. Die Strangpressprofile transformierte Pfeffer im Industrieverfahren in ein makelloses Ensemble.

Parsa Khalili, „Parallax – IxI – II“, Aerosol, Acryl auf Leinwand, 120 x 150 cm, 2025 | © Bildrecht, Wien 2025

Parsa Khalili, „Parallax – IxI – II“, Aerosol, Acryl auf Leinwand, 120 x 150 cm, 2025 | © Bildrecht, Wien 2025

Spannungen im System

Ein weiterer Schwerpunkt der Schau gilt Konstruktionen, die weniger materieller als sozio-politischer Natur sind. Einen markanten Akzent setzt Céline Struger. Ihre Skulptur „Moth as in Mother II" – eine zwischen Boden und Decke verspannte Stahlstange, die eine doppelseitige Büste trägt - ist zugleich fragile Konstruktion und wirkungsvolle Setzung. Das Antlitz ist an Agrippina die Ältere angelehnt, die mehrfach Spielball patriarchaler Gewalt und historiografischer Auslöschung wurde. Indem Céline Struger ihr ein zweites, zornerfülltes Gesicht verleiht, schafft sie ein Sinnbild von Gegenwehr sowie eine symbolische Begradigung jenes Ungleichgewichts, das seit Jahrtausenden das Verhältnis von Macht und weiblicher Sichtbarkeit prägt.
Die Auseinandersetzung mit Sichtbarkeit findet dort ihre Fortsetzung, wo das Publikum selbst aktiv wird. Im Ausstellungsbereich „Micro Constructs“ verbergen sich in den ehemaligen Umkleidekabinen weitere Interventionen. Das Öffnen der Kabinentüren wird dabei zum Sinnbild jener Neugier, die Kunst lebendig hält. Maria Belova verhandelt in einer dieser Kabinen Fragen nach Macht und russischer Identität. Ihre geprägten Aluminiumplatten erinnern dabei an orthodoxe Ikonen und verweisen auf die Vereinnahmung von Ritual und Volksglauben für politische Propagandazwecke. Mit der Wahl des Settings lenkt die Belova den Blick zugleich indirekt auf die Anonymität der Arbeiterschaft, deren Existenz von kollektiven Strukturen überschattet wird.

„Fragile Constructs“ Ausstellungsansicht, Céline Struger, „Moth as in Mother II“, Stahl, Steinzeug, 330 x 20 x 13 cm, 2025 | Foto © Mika Nikolas Mahringer | © Bildrecht, Wien 2025

„Fragile Constructs“ Ausstellungsansicht, Céline Struger, „Moth as in Mother II“, Stahl, Steinzeug, 330 x 20 x 13 cm, 2025 | Foto © Mika Nikolas Mahringer | © Bildrecht, Wien 2025

Die Form in Aufruhr

Von der skulpturalen Analyse von Macht zu ihrer performativen Zuspitzung: Am 17. Oktober laden Kata Oelschlägl und Joseph Sakoilsky zum „Dinner for Two". Serviert wird mit geschienten Armen ein Fest der Maßlosigkeit und des Kontrollverlusts. Von der kühlen, poetischen Strenge eines Hellmut Bruch bis zur performativen Überhitzung von Oelschlägl und Sakoilsky spannt „Fragile Constructs" den Bogen zwischen Ordnung und Auflösung. Auch die „White Hall Vienna“ fügt sich in dieses Narrativ ein: Mauerrisse und blinde Fenster stehen sinnbildlich für jene Imperfektionen, aus denen durch kreative Vision Neues entstehen kann.

Florian Erhart hat mit „Fragile Constructs“ einen gelungenen Auftakt für „gezwanzig projects“ geschaffen. Die überraschend homogene Gruppenschau zeigt, wie aus Brüchen Bewegung entsteht. Und dass selbst in der strengsten Form Emotion aufscheint, wenn man ihr nur Raum zur Entfaltung gibt.

„Fragile Constructs“ Ausstellungsansicht, Billi Thanner, „perfect fragility“, 2025 | Foto © Mika Nikolas Mahringer | © Bildrecht, Wien 2025

„Fragile Constructs“ Ausstellungsansicht, Billi Thanner, „perfect fragility“, 2025 | Foto © Mika Nikolas Mahringer | © Bildrecht, Wien 2025

 


Teilnehmende Künstler:innen

Maria Belova, Anna-Maria Bogner, Hellmut Bruch, Sabrina Rosina Bühn, Herbert De Colle, Linda Ebert, Gregor Eldarb, Neva Felsbach, Sasa Felsbach, Jakob Gasteiger, Time Gates, Edelgard Gerngross, Sofia Goscinski, Miriam Hamann, Gerhard Himmer, Barbara Höller, Christian Hutzinger, Tamás Jovanovics, Ma Jia, Parsa Khalili, Sabine Mair, Milana Maksiutova, Vanessa Mazanik, Daniel Mazanik, Moiz, Minami Miyajima, Hermann Nitsch, Kata Oelschlägel, Elisabeth Penker, Roman Pfeffer, Heti Prack, Markus Proschek, Bruno Rey, Arnold Reinthaler, Francis Ruyter, Isabella Salvo, Walter Seidl, Christian Stock, Esther Stocker, Céline Struger, Billi Thanner, Art van Triest, Franz Türtscher, Erwin Wurm


Fragile Constructs
bis 26. Oktober 2025

White Hall Vienna, Boschstraße 54, 1190 Wien
Öffnungszeiten: Fr & Sa 15 - 20 Uhr | So 15 - 19 Uhr
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