Die Kinder, die wir waren

Die Geschichten der Kunstgeschichte drehen sich oft um dieselbe alte Sage: den perfekten Strich, geboren aus der ungezügelten Geste. Aber was, wenn die Suche nicht nach vorne, sondern zurückführt?
Søren Kierkegaard meinte, das Leben werde vorwärts gelebt und rückwärts verstanden. Oscar Wilde sagte: „I am not young enough to know everything.“ Irgendwo dazwischen sitzt ein Kind, das zum Stift greift – und einfach loslegt. Nicht der Kunstschaffende führt den Stift, sondern der Stift führt die Hand.
Zwischen drei und fünf Jahren war Jeremias Altmann hochproduktiv. Wilde Wesen mit sanften Zügen tanzen über verschmierte Bögen, die sich einem „horror vacui“ hingeben. Altmann war im Glück, als er auf diese Kindheitsstapel stieß, die seine Eltern aussortieren wollten – und die ihm in diesem Moment sein eigenes künstlerisches Schaffen strukturierten. Denn in den Jahren zwischen Schule, Universität für angewandte Kunst und als Gast an der Akademie unter Mentor Gunter Damisch war er auf der Suche nach einer „ungestümen Ausdrucksenergie“.
Lange hatte er versucht, zu verstehen, was sein Strich sein könnte, hatte beim Zeichnen „Kilometer an Linien gesammelt“. Doch erst der Blick zurück – zur Kunst, die noch keine „Kunst“ war – wurde zum Wendepunkt. Seit seinem Diplom 2015 arbeitet Altmann sich nun an den Versatzstücken seiner frühen Bildwelten ab. Fertig ist er damit noch lange nicht.
Eine feine Soloschau bei Base AT4 entführt derzeit in seine surreal-fantastischen Welten. Die Werkserie „Young Prophecies“ begibt sich auf Erkundung zwischen Erinnerung und Vision. Der Kinderstrich beginnt zu laufen, sich zu winden und zu wenden und neues aufzudecken. Wer sich einsehen will, erkennt vielleicht archetypische Figuren, die über Blätter und Leinwände wandeln. „Es ist ein stetig wachsendes Ensemble, das davon profitiert, dass ich es zwischen den Medien transformiere“, erklärt Altmann im Gespräch mit PARNASS.

Jeremias Altmann, Cosmic Popcorn, 2025, Foto: the artist/Base AT4
Zu sehen sind nicht nur Radierungen und Gemälde – die praktisch auch außerhalb der Öffnungszeiten durch die Schaufenster sichtbar sind –, sondern auch beleuchtete Dioramen. Kleine Guckkästen in ungewöhnliche Kulissen. Altmann ist nämlich auch Maschinenbauer, Konstrukteur – oder, wie er selbst sagt: „Dekonstrukteur“. Er will hinter die Dinge schauen, sie auseinandernehmen, um sie zu verstehen.
Auch ein Kurzfilm wurde im Rahmen der Ausstellung gezeigt und die Titelliste der Werke öffnet zusätzlich ein Feld sprachlicher Verspieltheit. Für Altmann sind Medium und Technik sekundär. Er will sich ausdrücken und das mannigfaltig. „Mich fasziniert die wunderbare, nicht synthetisierbare Dringlichkeit des Kinderstrichs. Diese Notwendigkeit gilt es, sich wieder anzueignen.“
Jeremias Altmann
bis 16.10.2025
Base AT4
St. Ulrichs-Platz 6,
1070 Wien

Jeremias Altmann, Lightbird, 2023, Foto: the artist/Base AT4
Über Jeremias Altmann
Jeremias Altmann wurde 1989 in Wien geboren und studierte an der Universität für angewandte Kunst Wien (Grafik & Druckgrafik) und zuvor an der Wiener Kunstschule (Tiefdruck). Seine Arbeiten zwischen Malerei, Grafik und Objekt wurden u. a. in der Antikensammlung des Kunsthistorischen Museums Wien in „grey time – Bruchteile aus dem Museum“ (2019, mit Andreas Tanzer) gezeigt; Einzelausstellungen umfassen „Once Upon“ im Bildraum Studio/Ankerbrotfabrik (2022/23), „Next Chapter“ im Das Weisse Haus (2023) sowie jüngst „CONNECTOR I“ bei AG18, Wien (2025). Altmann lebt und arbeitet in Wien; seine Werke befinden sich in öffentlichen und privaten Sammlungen.
Über Base AT4
Hinter Base AT4 steht der Wiener Kunstliebhaber und Quereinsteiger Thomas Baboujian, der nach Jahren im Corporate Business die Kunst für sich entdeckte – ausgelöst durch eine spontane Auktionsteilnahme im Jahr 2021. Was als impulsiver Kauf begann, entwickelte sich rasch zur Passion und mündete im Sommer 2024 in die Gründung einer eigenen Plattform für zeitgenössische Kunst. Base AT4 versteht sich als offener Raum für vielfältige künstlerische Positionen – von figurativer Malerei bis zu experimenteller Fotografie – und legt besonderen Wert auf die Sichtbarmachung von aufstrebenden Künstler:innen, dazu betreibt Baboujian einen Galerieraum am St. Ulrichs Platz in 1070 Wien. Aktuell umfasst das Programm von Base AT4 rund 500 Werke von über 40 Kunstschaffenden.

Jeremias Altmann und Thomas Baboujian, Foto: Jakob Wächter









