Die Freiheit war eine Episode

Ist uns die Freiheit in politisch unsicheren Zeiten abhandengekommen?, fragt das Bruseum Graz. „to be confirmed“ heißt es im Titel, der Ausgang ist also noch offen.
Fünf Jahre ist es her, da eröffnete in New York im österreichischen Kulturforum die Schau „Die Freiheit wird eine Episode gewesen sein“ – kurz danach ging die Welt in den Lockdown und offene Grenzen waren plötzlich auch in kriegsberuhigten Weltteilen passé. Seither hat sich viel getan. Auch wenn die Pandemie als Episode glücklicherweise ihren Schlusspunkt fand, kamen zahlreiche neue Krisen und daraus resultierende Freiheitsentzüge hinzu.
Roman Grabner, Kurator der Ausstellung in New York und Leiter des Bruseum Graz, meint, es ist Zeit für eine Erweiterung der Gedankenstränge von 2020 ins Jetzt. Nicht nur, weil die USA-Schau damals nach nur zehn Tagen geschlossen werden musste, sondern weil die damals beteiligten Künstler:innen sowie noch viele mehr aktuell Wesentliches zu politischen Debatten beitragen wollen.
„Die Gräben innerhalb der Gesellschaft sind größer geworden, Kriege, auch am Rande von Europa, und die Auswirkungen des Klimawandels haben die Staatsgemeinschaften vor zusätzliche Herausforderungen gestellt, und das Erstarken nationalistischer Ideologien und rechtsradikaler Tendenzen bedroht die Grundfesten demokratischer Gemeinschaften. War die Freiheit nur eine Episode?“, fragt Grabner. Und geht zunächst noch einen Zeitschritt zurück. In die 1960er-Jahre, als die ausgestellten Aktionszeichnungen von Günter Brus entstanden. Ihnen eingeschrieben ist ein Nachwirken der Kriegsjahre, eine emotionale Auseinandersetzung mit dem Staatsapparat, den Themen Überwachung und Kontrolle. Zugleich aber auch eine Kraft des Aufbruchs und persönlichen Kampfs um neue Möglichkeitsräume.
Heute, so erklärt der Kurator, haben sich die Formen des Freiheitsentzugs verändert. Freiheit wird „durch die Ökonomie des Hedonismus und die Effizienz des Neoliberalismus zunehmend ausgehöhlt und unterwandert“ – es gibt keine offenkundigen Angriffe von einer Staatsmacht, sondern vielmehr komplex instrumentalisierte Systeme. Die Wahrnehmung fällt sehr individuell aus und so wurde auch den Künstler:innen absolute Carte blanche erteilt. Mit dem Ergebnis, dass sich Unterschiedlichstes in der Schau auffächert.

Evamaria Schaller Distorted Echoes, 2025 Dreiteilige Filminstallation Filmstill, Courtesy of the artist und MARTINETZ, Köln © Bildrecht Wien, 2025
Die Schau ist sowohl als Reaktion auf die politischen Lager im Land als auch im Hinblick auf internationale Gegebenheiten zu lesen.
Evamaria Schaller debattiert die verschiedenen Erwartungen, die an Frauen gestellt werden, und setzte im April eine feministische Performance dazu um. Maria Legat erarbeitet komplexe Zusammenhänge – kleine wie große Momente des Freiheitsentzugs – auf einer monumentalen, sechs Meter langen Leinwand. Der weibliche Körper wird hier ebenso zum Thema wie der russische Angriffskrieg in der Ukraine.

Ausstellungsansicht „Die Freiheit war eine Episode (tbc)“ im Bruseum mit mit Arbeiten von Maria Legat, Foto: Universalmuseum Joanneum/J.J. Kucek © Bildrecht Wien, 2025
Krieg ist auch das Sujet der Arbeiten von Ovidiu Anton. Die eingeschränkte Bewegungsfreiheit in Krisengebieten bringt er mit einem hölzernen Videoüberwachungspfosten ein, die Hüllen von Tränengasgeschossen hat er noch vor der Katastrophe im Nahen Osten eingesammelt. zweintopf stellen Zäune am Ausstellungsbeginn hintereinander auf – als Metapher für ein kaum fassbares System unüberwindbarer Barrieren. Leander Schönwegers Menschenkäfig wird da noch drastischer, hier geht es auch um ein Fremd-Sein in der Gesellschaft. Um diese „im Zaum zu halten“, gibt es zahllose Überwachungsversuche.
Studio ASYNCHROME bauen zum Thema Überwachung eine begehbare Kulisse in die Ausstellungsräume. In diesem Kontext tauchen auch Fragestellungen rund um technologische Informationssysteme auf. Neue Technologien haben uneinschätzbar großes Potenzial, unsere Gegenwart zu verändern und der Freiheit Schranken zu setzen. Esther Stocker thematisiert digitale Systeme und binäre Codes – auch ein Verweis auf aktuelle Machthabende, für die es nur Gut oder Schlecht, Schwarz oder Weiß gibt.

Leander Schönweger Menschenkäfig #3, 2022 Stahl, Räder, 61 x 88 x 73 cm, Courtesy of the artist © Bildrecht Wien, 2025
Es geht um eine breite und tiefgreifende Diskussion des Freiheitsbegriffs.
Die Schau ist sowohl als Reaktion auf die politischen Lager im Land als auch im Hinblick auf internationale Gegebenheiten zu lesen. Auch wenn das Bruseum gerade in zwei parlamentarische Anfragen seitens der FPÖ involviert ist und die Kulturpolitik der Steiermark aktuell durch die noch junge Regierungsbeteiligung der FPÖ durchgerüttelt wird, will man den Diskurs in der Ausstellung keineswegs nur auf die FPÖ reduzieren. „Es geht um eine breite und tiefgreifende Diskussion des Freiheitsbegriffs“, betont Roman Grabner. Alles weitere ist tbc, to be confirmed.

Ausstellungsansicht „Die Freiheit war eine Episode (tbc)“ im Bruseum mit den Arbeiten "After closer inspection we decide…", "Signs" und "Illumination" von studio ASYNCHROME, Foto: Universalmuseum Joanneum/J.J. Kucek © Bildrecht Wien, 2025

Ausstellungsansicht „Die Freiheit war eine Episode (tbc)“ im Bruseum mit zweintopf "Das kleine Zaunstück" 2024, Foto: Universalmuseum Joanneum/J.J. Kucek © Bildrecht Wien, 2025
