Das Gewicht dessen, was fortdauert

Die junge Künstlerin Nowgol Mohseni verarbeitet in ihrer künstlerischen Arbeit ihre Erfahrungen als im Iran geborene Frau. Es entstehen Gemälde, in denen Themen wie Gewalt, Zwang, Protest und Heimat Ausdruck finden.
Nowgol Mohsenis künstlerische Ausbildung begann im Iran, wo sie eine kunstorientierte Oberschule besuchte und eine fundierte Ausbildung in figurativer Zeichnung und Malerei erhielt. Von Beginn an rückte der menschliche Körper ins Zentrum ihrer Praxis – nicht als expressive Abstraktion, sondern als Ort von Ausdauer, Disziplin und äußerer Kontrolle.
Ein entscheidender Wandel vollzog sich nach ihrer Übersiedlung in das Vereinigte Königreich vor drei Jahren, wo sie ein Studium der Bildenden Kunst mit Schwerpunkt Malerei aufnahm. Die räumliche Distanz zum Iran minderte nicht die Dringlichkeit ihrer Arbeit, sondern veränderte deren Artikulation. Entfernt von der unmittelbaren Nähe zur Gewalt wandte sich Nowgol von der Darstellung der Ereignisse selbst ab und richtete ihren Blick auf deren Nachhall – auf das, was nach dem Bruch bleibt.
Ihr Arbeitsprozess spiegelt die selbstbestimmte Struktur ihrer künstlerischen Ausbildung im Vereinigten Königreich wider. Weitgehend autodidaktisch arbeitet sie mit Aquarell, Kohle, Tinte, Öl und Acryl, wobei Acryl aufgrund seiner Geschwindigkeit und Reaktionsfähigkeit eine besondere Rolle einnimmt. Zeichnung bleibt grundlegend für ihre Praxis und dient als Ort des Experimentierens, nicht als bloße Vorbereitung. Kalligraphische Elemente erscheinen gelegentlich in ihren Arbeiten und verankern ihre Bildsprache in persischen kulturellen und sprachlichen Traditionen.

Nowgol Mohseni, Goodbye, Acrylic on paperboard, 2023, 20.5 x 20.5 cm, © Nowgol Mohseni, Courtesy of Pashmin Art Consortia
Auch Literatur prägt ihre künstlerische Sensibilität, insbesondere Autoren wie Mahmoud Darwish und Fjodor Dostojewski, deren Auseinandersetzung mit Vertreibung, Leiden und moralischer Ausdauer mit ihren eigenen Fragestellungen korrespondiert. Das Lesen auf Persisch bleibt für Nowgol ein bewusster Akt kultureller Kontinuität innerhalb eines internationalen Kontexts.
Nowgols frühe Gemälde konfrontieren die physischen Folgen von Protest und Inhaftierung unmittelbar. Anstatt auf Allegorie zurückzugreifen, stellt sie den Körper mit anatomischer Präzision dar und behandelt Schmerz als materielle Tatsache.
Dieser Ansatz findet seine deutlichste Ausprägung in Coca-Cola (2022), einer singulären Auseinandersetzung mit Folter. Menschliche Körper werden in die starre Form einer Glasflasche gezwängt, komprimiert und gestapelt, ohne Möglichkeit zur Bewegung. Transparenz wird hier zum Instrument der Grausamkeit: Alles ist sichtbar, nichts ist frei. Die Flasche fungiert nicht als popkulturelle Referenz, sondern als industrieller Apparat der Dominanz. Nowgol führt diese Bildsprache nicht in einer Serie fort; das Werk bleibt eine isolierte, deklarative Setzung.
Nach ihrer Übersiedlung wurde freiwilliges Exil zu einer Bedingung, die Nowgols Wahrnehmung von Erinnerung und Raum prägte und zur fortlaufenden Serie Ein Glas mit Erde (A Jar of Soil) führte. Das Gefäß, das Erde aus ihrer Heimat enthält, fungiert als wiederkehrendes, jedoch instabiles Motiv – mal geschützt, mal verschoben, mal geleert. Es steht nicht für Heimat an sich, sondern für den fragilen Versuch, Fragmente davon über Grenzen hinweg zu bewahren.

Nowgol Mohseni, Coca_cola, 2022, Acrylic and oil paint on canvas, 60 x 80 cm, © Nowgol Mohseni, Courtesy of Pashmin Art Consortia
In Abschied (Goodbye, 2023) erscheint das Glas als bescheidenes häusliches Objekt auf einem Tisch vor einem zurückweichenden architektonischen Hintergrund. Die verschüttete Erde wird zur entscheidenden Geste des Bildes: unumkehrbar, zurückhaltend und still erschütternd. Architektur fungiert hier als Erinnerung statt als Monument und verweist auf Nowgols wachsendes Vertrauen in Abwesenheit und Stille als Bedeutungsträger.
Diese Untersuchung erreicht eine größere Komplexität in Tanz (Dance, 2026). Obwohl die Figuren in gemeinsamer Bewegung erscheinen, bietet der von ihnen eingenommene Raum keinen Halt und keinen Abschluss. Die Körper sind gestreckt, abgeschabt und teilweise ausgelöscht; Bewegung wirkt mühsam statt leicht. Das Glas, horizontal verschoben, unterbricht die Bewegung, anstatt sie zu ordnen. Eine rote Blutspur, die aus dem Glas fließt, verschiebt den Fokus von Gewalt als Ereignis hin zu Gewalt als Ausdauer. Inspiriert von Ahoo Daryaeis öffentlichem Akt des Entkleidens als Protest gegen den Zwang zum Hijab, erscheint Nacktheit hier als Behauptung von Autonomie, nicht als Verletzlichkeit. Zugleich tritt das Werk in einen leisen Dialog mit Henri Matisses Tanz, indem es dessen Vorstellung von Harmonie und Freiheit umkehrt. In weiterer Distanz erinnert das Bild an Mütter, die auf den Gräbern ihrer während der iranischen Proteste 2025–2026 getöteten Angehörigen tanzen, wo Trauer zu einer kollektiven Geste des Widerstands wird.

Nowgol Mohseni, Dance, 20226, Acrylic on canvas, 133 x 70 cm, © Nowgol Mohseni, Courtesy of Pashmin Art Consortia
In Überreste des Krieges (Remains of War, 2026) entwirft Nowgol eine Umgebung, die vom Nachhall der Gewalt geprägt ist, nicht von deren Spektakel. Fragmentierter Raum, rote lineare Markierungen und verschobene Objekte fungieren als Beweise. Der Krieg selbst ist abwesend – was bleibt, sind Spuren.
Parallel zu diesen Arbeiten entwickelte Nowgol eine mythologische Bildsprache. In Flucht (Escape, 2023) streben überlagerte Figuren nach einem Vogel, der von einer leuchtenden Grenze umschlossen ist – Freiheit bleibt sichtbar, aber strukturell unerreichbar.
Unsere Wurzeln (Our Roots, 2024) reduziert den Körper auf Füße, die sich in Erde und Wurzeln auflösen, und verwandelt Herkunft in Last statt Zuflucht.
Was Nowgols Praxis letztlich auszeichnet, ist ihre Weigerung, Auflösung anzubieten. Ihre Arbeiten versprechen weder Erlösung noch Rückkehr, sondern verweilen in der Spannung dessen, was getragen wird, was verschüttet wird und was nicht zurückgewonnen werden kann. Durch Zurückhaltung und strukturelle Klarheit wird persönlicher Bruch in eine Bildsprache überführt, die ethisch wachsam und leise kraftvoll bleibt.

Nowgol Mohseni, Remains of war, 2026, Acrylic on canvas, 110 x 75 cm, © Nowgol Mohseni, Courtesy of Pashmin Art Consortia
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