Auftritt der Sybillen

Unter dem sperrigen Titel »The Day You Were Thinking About the Sibyl While You Were Picking Autumn Leaves« spürt die belgische Gegenwartskünstlerin Ana Torfs aktuell in der Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste den sagenumwobenen Prophetinnen nach.
Hier treffen ausgewählte Arbeiten der Sammlung von Pierre Subleyras, Lucas Cranach d. Ä., Giovanni Battista Piranesi Rembrandt Harmensz von Rijn, Peter Paul Rubens und vielen anderen mehr auf ein Insert aus 28 Tapisserien der belgischen Künstlerin Ana Torfs. Während der Corona- Pandemie hat sich Torfs mit Vergils antikem Epos »Aeneis« auseinandergesetzt und die Erzählung der Cumäischen Sibylle und deren Weissagung in ihre Werke übersetzt. Die Prophezeiungen waren laut Vergil auf Blätter geschrieben, die der Wind in alle Richtungen zerstreut hatte.
Dieses Bild nimmt Ana Torfs auf, wenn sie in Kollaboration mit dem niederländischen TextielLab, der Fachwerkstatt des Textilmuseums Tilburg, buntes Herbstlaub auf Zeitungsausschnitten in einer speziellenJacquard-Technik, die auf das 19. Jahrhundert zurückgeht, weben lässt. In ihnen sind auch persönliche Texte eingearbeitet, die Konnotationen und thematische Assoziationen erzeugen.

Ana Torfs, Ausstellungsansicht, 2025, © Ana Torfs / Bildrecht, Wien 2025, Foto: Iris Ranzinger, © Kunstsammlungen der Akademie der bildenden Künste Wien
Die Direktorin der Kunstsammlungen Sabine Folie hat diese Ausstellung gemeinsam mit ihrer Kollegin Synne Genzmer kuratiert. Sie kennt Ana Torfs schon seit 20 Jahren, hat bereits 2010 in der Generali Foundation eine Retrospektive gezeigt und schätzt Torfs Arbeiten in den Medien Video, Fotografie oder Diaprojektion. »Ich wusste, dass sich Ana Torfs in den letzten Jahren mit einer groß angelegten Serie von Tapisserien beschäftigt hat. Den Werkzyklus aus 28 Jacquard-Tapisserien sieht man nun erstmals in der Gemäldegalerie. Geteilt in vier Reihen, die jeweils sieben Tapisserien umfassen, wird er quasi mit der Sammlung verwoben«, so die Direktorin.
Es ist bereits das dritte Mal, dass im Format »Die Sammlung betrachten & An Insert by…« Highlights aus der Sammlung der Gemäldegalerie gemeinsam mit Werken aus dem Kupferstichkabinett und der Glyptothek durch temporäre Einschübe zeitgenössischer Positionen ergänzt und neu arrangiert betrachtet werden können. Ana Torfs’ Themen kreisen um die Pandemie, die Klimakatastrophe, die Nachrichtenflut und ihre Wirkung, um Prophezeiungen und Unsicherheit, um die Beziehung zwischen Wort und Bild, zwischen Gedanken und Erlebnissen. All das gießt die Künstlerin in textile Form.
Die beiden Kuratorinnen der Schau haben historische Werke gewählt, die mit Torfs’ Arbeiten in Dialog treten. »Die Pest von Ashod« aus dem Jahr 1658 von Nicolas Poussin beispielsweise, die das Thema der Epidemie widerspiegelt, der »Selige Bernhard Tolomäus « (um 1735), der den Pestkranken in Siena Trost spendet und aus der Werkstatt des Giuseppe Maria Crespi stammt, »Die Cumäische Sibylle«, eine Druckgrafik von Luigi Fabri (1835) nach Michelangelos Darstellung der »Propheten und Sibyllen« in der Sixtinischen Kapelle oder ein Bildnis von Andrea Sirani von 1640 aus der Sammlung des Kunsthistorischen Museums, das die Sibylle als lesende Seherin darstellt, sind nur einige der gezeigten Stücke. Das zentrale Gegenüber zu Torfs’ eindrucksvollen großformatigen Tapisserien bildet das Weltgerichtstriptychon von Hieronymus Bosch (um 1500), dessen Inhalte, Symbolik und Andeutungen an die Weissagungen der von Ana Torfs zitierten Sibylle denken lassen.
The Day You Were Thinking About the Sibyl
While You Were Picking Autumn Leaves
Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste Wien
bis 30.08.2026

Ana Torfs,The Day You Were Thinking About the Sibyl While You Were Picking Autumn Leaves, Detail einer Tapisserie, 2020–2025. In Kooperation mit TextielLab, Tilburg, © Foto: Ana Torfs, 2025 / Bildrecht, Wien 2025
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