Aufregung und Anregung im Künstlerhaus

Kaum eine Ausstellung hat 2025 so zuverlässig Wellen geschlagen wie „DU SOLLST DIR EIN BILD MACHEN“ im Künstlerhaus. Zwischen Boulevard-Aufreger und ernsthafter Gegenwartsbefragung zeigt die Schau, wie zeitgenössische Künstler:innen christliche Bildwelten nicht bloß zitieren, sondern neu lesen. Warum sich ein Besuch auch Anfang 2026 noch lohnt, beschreibt das PARNASS-Redaktionsteam: Silvie Aigner und Paula Watzl.
Vom Bilderverbot zur Bildmacht
Entgegen der Gebote, die Moses am Berg Sinai empfing, die explizit davon kündeten: „Du sollst dir kein Gottesbild machen.“ (Ex 20,4), entwickelte sich insbesondere in der katholischen Kirche seit dem frühen Christentum eine visuelle Darstellung religiöser Motive. Ihre Ikonografien haben die europäische Kultur geprägt und unverrückbare Bildtraditionen geschaffen. Doch die Künstler:innen fanden stets Wege, um den Kanon zu durchbrechen und ihre eigenen Interpretationen darzustellen, ob in der Gotik, der Renaissance, im Barock, in der Moderne und nicht zuletzt in der Gegenwart. Allzu individuelle Ausführungen führten nicht selten zu Kritik, doch es sind gerade jene Bilder, die wir heute als Meisterwerke bewundern.
Narrative der christlichen Religion wurden also seit Jahrhunderten visuell dargestellt; sie sollten der Andacht und dem religiösen Empfinden dienen. Stark verkürzt könnte man sagen: Die Bilder dienten einerseits der Verherrlichung und Verkündigung des Glaubens, der Belehrung der Gläubigen – und auch der Darstellung der Macht der Kirche. Das Sehen, so schreibt der deutsche Kunsthistoriker Hans Belting in seinem 2005 erschienenen Buch „Das echte Bild“, wurde zum Glaubenszugang. Und Belting zeigt auch, wie sehr die europäische Geschichte der Religion bis heute unsere Bildbegriffe und unser Bilddenken bestimmt.
Doch heute sind die verschiedenen ikonografischen Symbole und die biblischen Geschichten den Betrachter:innen nicht mehr allgemein geläufig. Wie lesen wir diese Bilder heute – in einer stark säkularisierten Welt, in einer Welt voll medialer Bilder? Sehen wir sie nur noch als Kunstwerke, als Dekor in den Kirchen, als kunsthistorische Werke, oder entfalten sie über die Meisterschaft ihrer Schöpfer hinaus, die wir bewundern und schätzen, auch noch ihre Glaubensbotschaft? Ist es da nicht an der Zeit zu sagen: Du sollst dir wieder ein Bild machen? Eines, das die tradierten Inhalte in die Gegenwart einschreibt?

Sumi Anjuman, I am the Mother too, 2019, Digitale Fotografie, 68,6 x 45,7 cm, © Sumi Anjuman
Eine Frage der Imaginationskraft
Die Ausstellung „DU SOLLST DIR EIN BILD MACHEN“, kuratiert von Günther Oberhollenzer, geht sowohl dieser Frage nach als auch der Imaginationskraft religiösen Erlebens und seiner visuellen Entsprechung. Vor allem aber zeigt sie, wie zeitgenössische Künstler:innen christlichen Bildthemen begegnen, mit ihnen arbeiten und sie neu interpretieren.
Obwohl die christliche Bildtradition unsere europäische Kultur prägte, gibt es nur wenige museale Ausstellungen, die sich mit diesen „aufgeladenen Begriffen wie Religion, Tradition oder Heimat beschäftigen“
Einmal mehr zeigt sich jedoch, dass Kunst und Religion sich in der öffentlichen Wahrnehmung reiben, und so ließ auch der vermeintliche Skandal, begleitet vom lauten Boulevard, nicht lange auf sich warten. Aufregung in konservativen Kreisen verursachten vor allem ältere Arbeiten, die bereits mehrfach ausgestellt wurden, ebenso wie das Thema LGBTQIA+. Offizielle Kirchenvertreter hingegen fanden durchwegs positive Worte für die Gruppenschau im Künstlerhaus.
Und ist es nicht an der Zeit, dogmatische Narrative zu hinterfragen und anstelle der Leidensgeschichte Jesu die Werte, die er zu vermitteln suchte, in den Fokus zu stellen? Der tote Leidenschristus am Kreuz als stetes Symbol des Glaubens, der Erlösung, der Liebe und der Hoffnung? Für uns am Kreuz gestorben und Amen? Echt jetzt?
Als kulturübergreifendes Symbol war es geradezu prädestiniert, neu und auch über die Religion hinaus interpretiert zu werden. Dass die Gegenwartskunst, gerade weil sie sich ernsthaft mit der Religion auseinandersetzt, neue Bilder findet, ja finden muss, ist evident und trägt nicht nur zu einem regen Diskurs bei, sondern fordert ein genaues Hinschauen und damit eine aktive Auseinandersetzung mit den Glaubensgrundsätzen geradezu ein. Und all das leistet diese Ausstellung.
Hier passiert keine Provokation oder Verletzung religiöser Gefühle. Das war auch nie die Intention des Kurators und der Künstler:innen.

Martin Kippenberger, Fred the Frog Rings the Bell, 1990, Holz, Lack, Nägel, 129,8 x 110 x 24,1 cm, Courtesy of Ansammlung Lebenberg, © Martin Kippenberger/Bildrecht Wien 2025, Foto: Foto Hofer, Innsbruck/Estate of Martin Kippenberger, Galerie Gisela Capitain, Cologne
Zwischen Kitsch und Kippenberger
Ganze 42 Positionen sowohl internationaler als auch nationaler Künstler:innen hat Oberhollenzer versammelt. In den sieben Kapiteln der Ausstellung treffen bekannte Arbeiten, die durchaus bereits auch in kirchlichen Räumen gezeigt wurden, auf neue. Legendär ist Martin Kippenbergers „Fred the Frog Rings the Bell“ (1990). Der gekreuzigte Frosch verursachte 2008 bei der Eröffnung des Museion in Bozen einen regelrechten Skandal und erhitzt auch heute noch die Gemüter. Dabei wollte Kippenberger keineswegs gotteslästerlich agieren, sondern vielmehr einen kritischen Blick auf den sogenannten „Jesus-Kitsch“ und den Wallfahrtskapitalismus werfen und falsche Frömmigkeit konterkarieren. Und der treibt von Mariazell bis hin zu Assisi in den Souvenirshops wahnwitzige Blüten, die jedoch erstaunlicherweise – anders als Kippenbergers Frosch – keine religiösen Gefühle verletzen.
Im Künstlerhaus wird die Arbeit in guter Nachbarschaft gezeigt, unter anderem mit Deborah Sengls Skulptur „Von Schafen und Wölfen“ – einem Zwitterwesen aus Schaf und Wolf im Priestergewand und mit betender Geste, das 2008 in der Burgkapelle des MMKK in Klagenfurt gezeigt wurde. Eine gelungene Auseinandersetzung mit dem Gegensatzpaar Opfer und Täter. Während menschliche Gestalten ablenken, seien Tiere die bessere Wahl, um ihr Anliegen – in diesem Fall die Scheinheiligkeit religiöser Würdenträger – zu vermitteln, so die Künstlerin. „Das Tier wird zum Stellvertreter für einen Charakterzug, für eine Handlungsform, für ein Verhalten.“
Feministische Gegenbilder
Der Eindruck, dass die Kunst auch in diesem Fall ein Seismograf gesellschaftlicher Veränderungen bzw. Gegebenheiten ist, wird in dieser Schau nur allzu deutlich. Die Bilderkultur, jahrhundertelang geprägt durch das Patriarchat der Kirche, wird in vielen Exponaten lohnend unterwandert. Etwa, wenn Margot Pilz Künstlerinnen und ihre Kinder zum letzten Abendmahl arrangiert, Ina Loitzl ihren Sohn vom Baby bis hin zum Jugendlichen mit Milch und Liebe versorgt und VALIE EXPORT die Geburtenmadonna mit der Hausfrau gleichsetzt. Ein Werk von 1976, das ebenso wie Margot Pilz’ Abendmahl (1979/2005) auch den Zeitgeist der feministischen Bewegung der 1970er-Jahre beschreibt.
Besonders berührend ist ein Werk von Esther Strauß – „Schweiß Blut Urin Kot Milch“. Ein Kleid im Stil eines Messgewandes, das die Künstlerin sich anfertigen ließ und zur Geburt ihres zweiten Kindes trug. Die Spuren der Geburt sind dem Textil eingeschrieben – der Körper einer gebärenden Frau, bis heute ein Tabu. Zeigt nicht Instagram stets die adrett gekleideten, glücklichen und gestylten Frauen mit Baby im Arm bereits wenige Stunden nach der Geburt? Doch Esther Strauß thematisiert auch ein anderes Tabu: bereits mit ihrer Skulptur „Crowning“ im Linzer Dom, die eine gebärende Madonna zeigte und damit die unbefleckte Empfängnis Jesu in Frage stellt. Prompt wurde sie zum Akt der Sabotage und ihr der Kopf brutal abgeschlagen.

VALIE EXPORT, Die Geburtenmadonna, 1976, C-Print, 61 x 50,5 cm, Courtesy of VALIE EXPORT, © VALIE EXPORT / Bildrecht, Wien 2025
Doch ist das wirklich Blasphemie oder ein notwendiger Hinweis darauf, dass Narrative aus und in ihrer Zeit anders erzählt werden müssen – vor allem da in diesem Fall sowohl die geschriebene als auch die visuellen Überlieferungen patriarchalen Ursprungs sind? Welches Frauenbild wird durch dieses Narrativ der Unbefleckten Empfängnis immer und immer wieder bemüht? Man denke nur an Umschreibungen betreffend die Bedeutung von Maria Magdalena. Kann eine Ausstellung wie diese nicht auch dazu anregen, über die Rolle der Frau in der Kirche per se und in den Texten der Bibel zu diskutieren?

Margot Pilz, Das letzte Abendmahl – Hommage à Kremser Schmidt, 1979/2025, Kunstdruck auf Aludibond,, 57,6 x 160 cm, © Margot Pilz/Bildrecht Wien 2025
Die Freiheit der Deutung
„Die Kirche wird nicht verhindern, dass sich Künstler in einer pluralistischen Gesellschaftsordnung die Freiheit nehmen, christliche Themen aufzugreifen, neu zu interpretieren und in einen aktuellen Zusammenhang zu stellen“, zitiert Günther Oberhollenzer im Katalog einen treffenden Satz des Sammlers Karlheinz Essl. Und wenn man die Interpretation Siegfried Anzingers zur Erschaffung der Welt, konkret einer Ente und eines Hasen, betrachtet, tut sie das in großer malerischer Qualität.
Zuweilen sind die Interpretationen entlarvend und ironisch. Besonders scharf gesetzt sind diese etwa in Lois Hechenblaikners Fotoserie, die zwischen katholischen Motiven, Après-Ski und Popkultur assoziiert. Ebenso zu nennen ist „Deus in Machina“ von Philipp Haslbauer, Marco Schmid und Aljosa Smolic. Künstliche Intelligenz hat auch in religiösen Fragen eine passende Antwort, und so lassen die Künstler einen KI-Jesus zum spirituellen Gesprächspartner im stilisierten Beichtstuhl werden. Assoziationen zu den vielen TV-Predigern in den USA mit enormem politischen und gesellschaftlichen Einfluss sind hier auch durchaus passend und ihre Mediennetzwerke durchaus angsteinflößend. Es gäbe also realiter vieles, was man hinsichtlich der Interpretation und Praxis christlicher Religion tatsächlich kritisieren könnte. Stattdessen sehen Parteivertreter von ÖVP und FPÖ sowie fundamentalistische Fraktionen in der Interpretation von Jesus als Frau, in der Neuinterpretation von Ikonografien oder in der Darstellung eines Mannes, der sein Baby umsorgt, Blasphemie und Provokation – das ging so weit, dass man die Schließung der Schau einforderte, wie Olga Kronsteiner in der Tageszeitung DerStandard berichtete.
Den Kritiker:innen, die die Schau bloß als Projektionsfläche ihres Hasses gegenüber einer komplexen und vielstimmigen Gegenwart benutzen möchten und nicht als Möglichkeit für einen Dialog und einen neuen Blick auf christliche Ikonografien, will man entgegnen: viel Lärm um nichts. Hier passiert keine Provokation oder Verletzung religiöser Gefühle. Das war auch nie die Intention des Kurators und der Künstler:innen.
Die Freiheit der Kunst gilt es hier allemal zu verteidigen, weil in der Ausstellung Werke zu sehen sind, denen es nicht um das Heischen von Aufmerksamkeit geht oder um Provokation. Sie sind Ergebnisse einer ernstzunehmenden Auseinandersetzung der Künstler:innen mit dem Thema. Der Verdienst und die Relevanz der Schau sind ihre kleinen, großen Gesten, in denen Künstler:innen Vertrautes neu interpretieren.
Ein Mann, der sein Baby umsorgt, fotografiert von Sumi Anjuman in der Tradition der Madonnenbilder, sollte 2026 wirklich nicht mehr empören, sondern im Gegenteil selbstverständlich sein.
Und doch tut er es. Freilich könnte man, wie Michael Huber im Kurier berechtigt anmerkt, auf einen tieferen theoretischen Unterbau hoffen; auch die Kapitelführung der einzelnen Ausstellungsbereiche ließe sich noch präziser vermitteln.

Deborah Sengl, Von Schafen und Wölfen, 2008, Präparat, Wachs, Textil, Gebetsstuhl, 150 x 100 x 100 cm, Courtesy of Georg Thaler, © Deborah Sengl / Bildrecht, Wien 2025, Foto: Ingo Pertramer
Warum sich die Schau ausschließlich auf die christliche Bildtradition beschränkt, erklärt Oberhollenzer ausführlich im Katalog und ist nach Durchsicht der Schau durchaus verständlich. Es wäre auch auf 600 Quadratmetern nicht möglich, all die damit zusammenhängenden Themen zu behandeln und abzudecken. Ein Aspekt, den Günther Oberhollenzer in seinem Katalogessay anspricht, fehlt in der Schau gänzlich, ist aber auch nicht Thema: jene Werke, die Momente des Religiösen, Transzendenten, des Sublimen – auch in Auseinandersetzung mit philosophischen Fragen – gänzlich abstrakt lösen. Man denke nur an die eindrucksvollen Großformate von Mark Rothko oder Barnett Newman.
Wie sehr diese Ausstellung bereits einen Perspektivwechsel initiiert hat und eine vielfach gelungene Auseinandersetzung mit Jugendlichen über die Religionen hinweg, können die Kunstvermittelnden anhand ihrer vielen Führungen durch die Ausstellung berichten. Religion wurde zum Thema, wurde diskutiert, die Schüler:innen brachten persönliche Erfahrungen ein und engagierten sich bis hin zu größeren Projekten, in denen Jugendliche ihre Texte in eine kleine, feine Publikation zusammenfassten.

Julia Krahn, Vater und Tochter, 2012, Analoge Fotografie, Farbdruck auf Aluminium, 142 x 113 cm, Courtesy of KULTUM – Zentrum für Gegenwart, Kunst und Religion in Graz
Der Dialog wird auch mittels eines Rahmenprogramms über die Ausstellung hinaus weitergedacht und weitergeführt. So warten vor dem Ausstellungsende noch zwei vielversprechende Programmpunkte auf ein interessiertes Publikum – möge dieses größer sein als jenes, das sich zuletzt an einer tragisch-komischen Online-Petition, die die umgehende Schließung der Schau fordert, abgearbeitet hat. Denn die Frage ist, warum diese Gruppierungen bislang trotz Einladung nicht zum Dialog mit den Künstler:innen und dem Kurator bereit waren und für welche Themen sie im Namen der Religion eigentlich die Ausstellung benützen?
Rahmenprogramm
DISKUSSION IM DEPOT, 1070 WIEN | 27. Jänner 2026, 19 Uhr
"Du sollst dir ein Bild machen: Kunst, Kirche und Konflikt"
Am Podium sprechen Jan Ledóchowski (Meldestelle für Christenfeindlichkeit, Wien), Günther Oberhollenzer (Kurator, Künstlerhaus, Wien), Deborah Sengl (Künstlerin, Wien)PERFORMANCES IM KÜNSTLERHAUS | 29. Jänner 2026, 19 Uhr
Dragsau Kollektiv, Hermann Niklas, Erwin Uhrmann, Karlheinz Essl und eSeL

Andres Serrano, Blood Madonna, 2011, Aus der Serie Holy Works, Pigmentdruck, 152,4 x 127 cm, Courtesy of Galerie Nathalie Obadia, Paris/Brussels, © Andres Serrano / Bildrecht, Wien 2025

