Anna Hulačová im Kunstraum Dornbirn

Arbeiten von Anna Hulačová waren schon öfter in Österreich zu Gast, kürzlich etwa im Rahmen der Wiedereröffnung der Praterateliers in The Hall bei PART International Art Residency Austria in Wien. Nun richtet die Künstlerin, zusammen mit ihren "Assistentinnen", den Bienen, in Dornbirn eine begehbare Mise en Scène ein – einen Parcours zwischen Landwirtschaft und Nahrungs-Ökonomie, zwischen Menschlichem und Animalischem, Zeitgeschichte und Gegenwart.
Die Domestizierung unserer Natur ist ein wiederkehrendes Thema bei Anna Hulačová. Seit Jahren verhandelt sie das Zusammenspiel von Landwirtschaft und Industrie, Handarbeit und Mechanisierung und nutzt nun die historische Montagehalle des Kunstraum Dornbirn als Bühne. Für die Schau entstanden mehrere neue Arbeiten und ein spezifisches Setting: eine Blechstruktur, die prototypische Farm-Architektur mit Getreidesilos nachzeichnet und, je nach Blick, auch als Kathedrale gelesen werden kann. Rundherum tummeln sich fleißige Figuren: Sie bestellen Felder, ernten, säen, umsorgen, verteilen.
Hulačovás Figuren und Objekte wandeln zwischen Mythen, Zeiten, Naturgewalten, politischen Systemen und Emotionen. Die tschechische Bildhauerin (*1984 Sušice) baut in Dornbirn eine vielstimmige Kulisse aus Beton, Holz, Keramik, Blech und echten Bienenwaben, die die Pastoraltradition vom antiken Hirtenlied bis zur industriellen Agrarästhetik der Moderne auffaltet.
Die Ausstellung „Bucolica“ schreibt eine Gegenwartsvariante der bukolischen Tradition und bricht die romantisierte ländliche Idylle. Der Titel zitiert die antike Hirtenpoesie von Theokrit und Vergil – jenes pastorale Genre, das das Landleben als Sehnsuchtsraum stilisiert und dabei auch Zeitdiagnose betreibt.
Anna Hulačová fasst die Gegenwart des Ländlichen präzise: entpersonalisiert, maschinell, seriell, karg. Auch dort, wo Handwerk sichtbar wird, zählt Funktion mehr als Individualität; Erwachsene erscheinen als unkenntliche Sinnbilder, während Kinder, Jugendliche und Tiere Gesichter behalten.

Ausstellungsansicht "Anna Hulačová. Bucolica“, Kunstraum Dornbirn, 2025/26, Courtesy the artist und hunt kastner, Prag, © Anna Hulačová, Fotos: Günter Richard Wett
Zentral ist Hulačovás Materialethik. In grauen, grob konturierten Körpern klaffen Öffnungen; wo man Hände erwartet, laufen Arme spitz zu. Organe werden stellenweise durch Bienenwaben ersetzt. Die Waben stammen aus dem eigenen Bienenvolk der Künstlerin und werden in Schwarmzeiten in die Skulpturen „eingebaut“ – eine buchstäbliche Rückeroberung des Körpers durch den Trieb der Natur, die zugleich an den antiken Mythos der sogenannten Bugonie erinnert, das vermeintliche Entstehen von Bienenvölkern aus Tierkadavern.
Anna Hulačová fasst die Gegenwart des Ländlichen präzise: entpersonalisiert, maschinell, seriell, karg.
„To Eternity“ (2024) greift diese Erzählung auf: ein Rinderkopf, wie auf einem Altar inszeniert und von Waben eingenommen. Eine weitere Installation stellt ebenfalls eine Metamorphose dar und zeigt, wie ein Granatapfelzweig aus einem Traktormotor entwächst und dabei von Bienenwaben umrankt wird.

Ausstellungsansicht "Anna Hulačová. Bucolica“, Kunstraum Dornbirn, 2025/26, Courtesy the artist und hunt kastner, Prag, © Anna Hulačová, Fotos: Günter Richard Wett
Dass diese Schau politische Dringlichkeit hat, verdeutlicht der Blick nach Tschechien: Kollektivierung und Verstaatlichungen prägten in unserem Nachbarland die Landwirtschaft bis 1960, bis heute dominieren großbetriebliche Strukturen, die durchschnittliche Betriebsgröße liegt heute im EU-Spitzenfeld, mit entsprechend massiver Flächenkonzentration. Bewusst entführt Hulačová in eine diversifizierte Szenerie, in der Ackerbau und Viehwirtschaft koexistieren, Symboliken kleinbäuerlicher Praxis auf industrialisierte Großwirtschaft treffen und Widersprüche nebeneinander stehen dürfen.
Der Blick schaltet zwischen gestern und morgen: Ein Narr bietet Toastscheiben mit Spielkartenmotiven an – eine Wette auf unsere Zukunft? Brot zu rösten ist eine alte Kulturtechnik, doch der moderne Toast verweist auf Industrialisierung, Standardisierung und Weizen-Massenproduktion. Mit ihrer differenzierten und hochspannenden Formensprache setzt die Künstlerin dem Massenkonsum einen starken Kontrapunkt entgegen.
Arbeiten von Anna Hulačová waren schon öfter in Österreich zu Gast, kürzlich etwa im Rahmen der Wiedereröffnung der Praterateliers in Wien. Nun bekommt sie in Dornbirn die Ausstellungsfläche, die ihr zusteht, mit einer Schau, die uns alle angeht.
Anna Hulačová. BUCOLICA
Kunstraum Dornbirn
bis 01.03.26

Ausstellungsansicht "Anna Hulačová. Bucolica“, Kunstraum Dornbirn, 2025/26, Courtesy the artist und hunt kastner, Prag, © Anna Hulačová, Fotos: Günter Richard Wett
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