Xavier Le Roy: Der Transformator – ein Porträt von Christine Gaigg

14.06.16

Am 14. Juli 2016, eröffnet die Choreografin Maguy Marin, eben erst in Venedig mit dem Goldenen Löwen für ihr Lebenswerk ausgezeichnet, das ImPulsTanz Festival 2016 mit ihrer kraftvollen neuen Arbeit, BiT. Damit beginnt ein künstlerischer Reigen, der die Theater dieser Stadt vier Wochen lang zu internationalen Tanzhäusern macht. Auch 2016 bringt ImPulsTanz Größen und Newcomer aus dem zeitgenössischen Tanz, aber auch mehr als vierzig bildende Künstler nach Wien und erweitert den Dialog zwischen bildender Kunst und zeitgenössischem Tanz: Neben einer Workshop- und Researchreihe, die u.a. von Goldener-Löwe-Preisträger Tino Sehgal konzipiert wurde, entstehen auch für das Performanceprogramm des Festivals im Leopold Museum und mumok hochkarätige Begegnungsräume zwischen bildender Kunst und Choreografie.

Für diesen Sommer holt ImPulsTanz den französischen Starchoreografen Xavier Le Roy mit verschiedenen Projekten nach Wien. Er wird sein 2014 geschaffenes Solo „UNTITLED (2014)“ im Akademietheater zur Aufführung bringen, das er in weiterer Folge vor Ort zu einer Gruppenversion und Durationalperformance von mehreren Stunden im Leopold Museum entwickelt und dem Publikum erstmalig präsentiert. Le Roy wurde auch eingeladen im Rahmen der von Tino Sehgal programmierten Workshopserie „visual arts X dance“ gemeinsam mit Philippe Parreno einen Workshop an der Schnittstelle von Tanz und Bildender Kunst zu geben.

 

Die österreichische Choreografin Christine Gaigg traf Xavier Le Roy im Vorfeld des Tanzfestivals im Wiener Café Eiles:

Christine Gaigg – Xavier Le Roy: Der Transformator
 

Das erste, was ich Xavier Le Roy frage, als wir uns Anfang April im Cafe Eiles in Wien treffen: Ob es stimme, dass er seinen festen Wohnsitz in Berlin aufgegeben habe, um von Projekt zu Projekt zu reisen, ein paar Wochen Sydney, ein paar Wochen London, Paris, Wien –  wo immer er eingeladen ist, um ein Projekt zu realisieren. Mich beeindruckt das: Reisen ohne eine fixe Basis, zu der man immer wieder zurückkehrt - wir reden hier nicht von einem Studenten oder einem Urban Nomad Mittzwanziger, sondern von der Generation 50+. Ich komme mir richtig spießig vor, ich könnte mir das für mich nicht vorstellen. Für Xavier hingegen ist diese enge Verbindung von Leben und Kunstproduktion typisch. Seit er zum ersten Mal eingeladen wurde, um seinen Begriff von Choreografie mit einem Kunstpublikum zu teilen (2012, von der Fundació Tàpies in Barcelona) bewege er sich hauptsächlich im Kunst-Kontext und das bedinge eine bestimmte Produktionsweise: seine Choreografien müssen von lokalen Performer und Performerinnen, die die Sprache sprechen, umgesetzt werden, daher müsse er vor Ort sein, um sie auszuwählen, mit ihnen zu proben und dann mit ihnen während der Ausstellungsdauer – also noch einmal ein bis zwei Monate – zu performen, danach beginnt ein ähnlicher Prozess in einer anderen Stadt. Die Transformation seines halbnomadischen in ein vollnomadisches Leben, sagt er, habe sich quasi unterirdisch ereignet: So wie sich seine Performance-Tätigkeit nicht mehr in eineinhalb Stunden Theaterzeit abspielt, sondern in langen Ausstellungsdauern, geschah das gleiche mit seiner Lebenszeit, er sah keinen Sinn mehr darin, für ein paar Tage im Jahr in eine unbenutzte Wohnung zurückzukehren.

Ich habe viele von Xaviers Arbeiten am Theater gesehen, seit Ende der 1990er-Jahre, ich habe seine Bedeutung für den konzeptuellen Tanz - oder eigentlich muss man sagen: für die Grundsteinlegung dessen, was als konzeptueller Tanz bekannt werden würde - mitbekommen, ich habe ihn in Diskussionen, Labors und Treffen kennengelernt. Das letzte Mal, dass ich etwas von ihm auf einer Bühne gesehen habe, war vor ein paar Jahren, das Stück hieß Low Pieces. Zwölf Performer, alt und jung, männlich und weiblich, divers, aber nicht allzu, denn homogen insofern, als sie alle selbst Choreografen sind, sitzen vorne an der Bühnenkante und beginnen eine Konversation mit dem Publikum. Wie immer bei Xavier weiß man nicht, wie sehr das tatsächlich so spontan ist wie es wirkt, welche dramaturgische Finesse dahintersteckt, aber dass eine dahintersteckt, bemerkt man im nächsten Teil, in dem die Performer, die alten, die jungen, alle nackt sind und Szenen aus Fauna und Flora „darstellen“. Genau dieses Material setzt Xavier nun auch im Museumskontext ein, zuletzt bei dem Projekt Temporary Title in Sydney. Der Unterschied ist klar: die Nackten sind nun mitten unter uns. Ich kann mir gut vorstellen, wie die Besucher sich an die Wand picken, um keinen allzu nahen Kontakt zuzulassen. Obwohl dieser Nacktheit ohnehin eine entsexualisierte Unschuld innewohnt, denn Xavier will, dass man nicht mehr nach männlich- weiblich schaut, sondern nur nach dem grundsätzlich Menschlichen, bevor sich auch dieses in der Wahrnehmung in etwas Nicht-Menschliches transformiert.

Transformation ist Xaviers Kern-Thema, war es schon in seinen Solos ab Mitte der 1990er-Jahre, war es später in den kollektiven Gruppenstücken auf der Bühne und ist es nun, in der Arbeit in Museen und Ausstellungsräumen erst recht. Und je mehr sich sein choreografischer Ansatz ausdehnt, von ihm selbst auf andere MitspielerInnen und auf das Publikum, von der kurzen Aufführungszeit zur wochenlangen Ausstellungsdauer, von der Bühne auf ein ganzes Museumsgebäude, umso komplexer ist die Herausforderung. Oft heißt es ja, hier würden die Grenzen von Bildender und Darstellender Kunst verwischen. Aber wenn man mit Xavier über seine Entwicklung spricht, wird einem klar, dass da etwas Komplexeres passiert als ein leichthändiges Verwischen. Es ist vielmehr eine choreografische Durchdringung. Ich frage ihn, wie er das Performative in der Kontinuität anlegt, denn, worauf mir schwer fiele zu verzichten ist das Dramaturgische der darstellenden Kunst, Anfang und Ende einer performativen Aktion. Genau das sei die Herausforderung, ein interessantes Problem, wie schafft man es, das kontinuierliche Vergehen von Zeit zu verbinden mit etwas, das Anfang und Ende braucht, um erfahren zu werden? Xavier erklärt es mir anhand von Retrospektive, dem ersten Projekt damals in Barcelona, bei dem das Material aus seinen gesammelten Solos stammte und verbunden wurde mit den Biografien der Performer. Xavier erschafft eine mehrdimensionale Struktur aus Anweisungen, Spielregeln – Spiele spielen, ein ganz wichtiges Element in Xaviers Engagement mit Gruppen- und Bewegungsmotiven, ein stark geknüpftes, aber nicht starr wirkendes Netz, das auf Stunden und Tage ausgelegt ist und sich ständig verändert. Aus der Struktur heraus lösen sich immer wieder PerfomerInnen, die Gespräche mit einzelnen MuseumsbesucherInnen beginnen.

Auf den ersten Blick scheinen Xavier Le Roy und Tino Sehgal ästhetisch und konzeptionell ähnlich zu verfahren: Beide beleben sie den Ort des Museums mit Performern, die sich äußerlich nicht von den anderen Besuchern unterscheiden, mit absichtlich nicht virtuosen Bewegungen und Geräuschen intervenieren und Gespräche mit den Besuchern initiieren. Beiden ist eine gewisse Cleverness, eine gewisse Keimfreiheit, eine avantgardistische Anmutung zu eigen, es kommt einem sogar so vor, als ob sie sich gegenseitig die Tricks hin und her reichten. Und trotzdem gibt es riesige Unterschiede. Wo Tino Sehgal sich auf den Markt Bildende Kunst stürzt, ihn thematisiert, kritisiert und schlussendlich benutzt, macht Xavier Live Performance im Kunstbetrieb, ohne wirklich im Kunstbetrieb zu sein. Da ist Xavier immer noch Wissenschaftler (der er war, bevor er zum Tänzer wurde), der Fragen stellt, ohne sie für sich schon beantwortet zu haben, ohne Kalkül. Der sich selbst und die Umgebung, in der er agiert, ständig ausbalanciert: Product of Circumstances, wie der Titel seines Solos aus dem Jahr 1999 das Leben schlechthin paraphrasierte.

Christine Gaigg ist freischaffende Choreografin (2nd nature), lebt in Wien. In den letzten Jahren entwickelte sie für ihre choreografische Arbeit das Format des „Bühnenessays“. Bei ImPulsTanz 2015 waren von ihr zu sehen: Maybe the way you made love twenty years ago is the answer? im Odeon, untitled (look, look, come closer) im 21er Haus und in der Ausstellung des Wiener Aktionismus im mumok die performative Intervention Charged Documents.

Xavier Le Roy ist Doktor der Molekularbiologie (Universität Montpellier) und arbeitet seit 1991 als Tänzer und Choreograf. Mit Soloarbeiten wie „Self Unfinished (1998)“ und „Product of Circumstances (1999)“, Gruppenstücken wie „low pieces (2011)“ oder seine speziell für den Museumskontext konzipierten Werke wie „production (2011)“ in Zusammenarbeit mit Mårten Spångberg, hat er die jüngere zeitgenössische Choreografie entscheidend geprägt. 

ImPulsTanz - Vienna International Dance Festival
14. Juli bis 14. August 2016

Programm & Tickets
www.impulstanz.com

 

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