Theaster Gates im Interview

21.06.16

Theaster Gates macht das Kunsthaus Bregenz zu seinem „Black Archive“. Und er lässt die Besucher tanzen. Für den 43-jährigen Amerikaner, der bei der documenta in Kassel genauso wie bei der Biennale von
Venedig ausgestellt hat, ist das Bregenzer Kunsthaus einer der wichtigsten Kunstorte der Welt. Dort hat ihn auch Edith Schlocker zum Gespräch getroffen.

PARNASS: Was macht für Sie das Wesen von Kunst aus?

Theaster Gates: Es geht um das Sichtbarmachen von etwas, das du ganz in deinem Inneren fühlst. Es ist der Pfeil in deinem Herzen, der danach schreit, Materie zu werden.

P: Aber für Sie ist Kunst nicht etwas Hehres, Isoliertes, sondern Kunst und Leben gehören für Sie immer unmittelbar zusammen.

TG: Kunst und Leben sind so etwas wie Bruder und Schwester, wobei es durchaus sein kann, dass ein Teil davon größer als der andere ist. Oft macht dieser größere Teil die Kunst aus, manchmal auch das Leben. Aber die Bewegung zwischen beiden ist wichtig. Es ist für mich gleich wichtig, ob ich in mein Studio, in ein Restaurant gehe oder einfach nur Spaß haben will. Kunst und Leben sind eine Einheit.

P: Ist für Sie der Künstler so etwas wie ein
Katalysator der Gesellschaft?

TG: Kunst ist nicht das einzige Medium, das als Katalysator der Gesellschaft taugt. Wenn Kunst zum Katalysator wird, geschieht dies allerdings ganzheitlicher, als wenn etwa ein Arzt zum Katalysator wird. Einen Künstler interessiert alles, nicht nur die eigentliche Lösung eines Problems oder die Antwort auf eine konkrete Frage.

P: Ihre Kunst hat sehr viel mit den sozialen Wirklichkeiten der USA zu tun, wird zur Plattform, auf der Neues entstehen kann. Ich denke da etwa an Ihre „Dorchester Projects“, die Sie unter anderem bei der documenta in Kassel präsentiert haben. Dabei ging es darum, verlassene Gebäude zu sanieren und zur Keimzelle eines „konzeptuell offenen Ökosystems“ werden zu lassen, wie Sie es selbst im Begleitheft zur Bregenzer Schau formulieren.

TG: Wenn ich wirklich große Kunst sehe, habe ich den spontanen Impuls, heimzugehen und selbst etwas zu machen. Wirkliche Kunst macht dich hungrig, macht dich besser, animiert dich, aktiv zu werden. Bei der documenta liebte ich es, zuzuschauen, was da ganz ohne meine Kontrolle entstand, zur Kunst wurde. Menschen starteten neue Karrieren, ergriffen andere Berufe. Der beste Beweis dafür, wie aus einem Projekt viele andere wachsen können, sich Strukturen in einem positiven Sinn verändern können.

P: Das Konzept Ihrer Bregenzer Schau unterscheidet sich aber komplett von Ihrem Kasseler Projekt.

TG: Was mich prinzipiell interessiert, sind soziale Strukturen bzw. wie die Welt im ganz Großen funktioniert. Wie sie organisiert ist. In dieser Ausstellung geht es nicht um das Haus, um die Stadt, sondern darum, was im Haus passiert. Da geht es um Archive, um Geschichte, „aufgehängt“ an Dingen, die vordergründig zusammen keinen Sinn ergeben. Diese Ausstellung erlaubt mir, intime Dinge zu zeigen, die mir wichtig sind.

P: Diese Dinge haben unmittelbar mit Ihrer Identität als Schwarzer zu tun. 

TG: Ja, manche Dinge sind schwarz, andere haben mit archivierten Dingen schwarzer Identität zu tun. Ich will hier zeigen, wie Menschen Unterschiede definieren. Wenn man in Österreich meint, es gäbe keine Rassenprobleme, ist das deshalb so, weil praktisch alle weiß sind. Aber wenn du nicht weiß bist, hast du auch hier ein Problem. In der Ausstellung geht es natürlich in erster Linie um Kunst, aber ich will auch Fragen stellen, zum Nachdenken animieren.

P: Aber ist Diskriminierung heute wirklich noch eine Frage der Hautfarbe? Passiert Ausgrenzung nicht eher über mangelnde Bildung oder fehlende soziale Kompetenzen?

TG: Nein, in den USA jedenfalls nicht, außer du gehörst der obersten gesellschaftlichen Schicht bzw. jener der Multimillionäre an. Es gibt noch immer eine Zwei-Klassen-Gesellschaft. 

P: Und daran haben auch acht Jahre Obama nichts geändert?

TG: Im Gegenteil. Es ist heute schlechter als davor. Denn die Weißen können heute angesichts des Zustands der Welt und des Landes sagen, die Schwarzen haben versagt, und die Gegenreaktion der weißen Rassisten sehen wir ja.

P: Sie glauben also, dass Donald Trump der nächste Präsident der Vereinigten Staaten wird?

TG: Wir sprechen hier über Kunst, nicht über Politik.

P: In der Ausstellung geht es oft um sentimentale Erinnerungsstücke, etwa eine dunkelhäutige Babypuppe, die Sie zu einem riesigen Objekt transformieren.

TG: Ganz gewöhnliche Dinge des täglichen Lebens, wie es etwa die Puppe oder Zeitschriften sind, sagen sehr viel über die Gesellschaft und über das Schwarz-Sein aus. Ich liebe diese Dinge sehr, sie sind in einem gewissen Sinn sehr speziell. Dasselbe T-Shirt von Zara finde ich rund um die Welt, aber die Socken, die meine Großmutter selbst gestrickt hat, sind einzigartig und deshalb für mich so kostbar. 

P: Das spektakulärste Objekt in der Bregenzer Ausstellung ist sicher der „Dancing Minstrel“, eine rassistisch gestaltete Figur, wie sie in den Revuen des 19. Jahrhunderts üblich war. Eine auf vier Meter Größe aufgeblähte Kopie lassen Sie im dritten Geschoß von der Decke baumeln. Damit sie zu tanzen beginnt, muss der Besucher selbst tanzen – um ihn auf diese Weise der Lächerlichkeit preiszugeben?

TG: Ich selbst liebe es ja, zu tanzen. Allerdings mag ich dabei nicht beobachtet werden. Hier geht es darum, dass die Weißen immer die Schauenden sind und die Schwarzen die, die begafft werden, und das ist das Problem. Weshalb ich hier die Positionen sozusagen umkehre und der schwarze „Minnesänger“ zu dem wird, der die weißen Tänzer auslacht.

P: Sie zeigen in der Schau aber auch Bilder, die fast abstrakt daherkommen, gepuzzelt etwa aus den Rücken farbig eingebundener Sammelbände von Zeitschriften, die bevorzugt von der amerikanischen Black Community gelesen werden.

TG: Genauso wie bei den aus schwarzer Dachpappe gemachten Bildern glaubt man, auf den ersten Blick zu verstehen, was man da sieht. In Wirklichkeit will ich gerade mit diesen Arbeiten existenzielle Fragen aufwerfen, die die Besucher der Schau selbst beantworten müssen. 

P: Was hat es mit der Figur des Hl. Laurentius auf sich, die Sie in das zweite Geschoß gestellt haben und die formal irgendwie aus dem Rahmen fällt?

TG: Sie passt meiner Meinung nach wunderbar in den Kontext meiner Schau, bringt der Hl. Laurentius doch das Geheimnisvolle zurück. Er war es, der Bibliotheken und Kirchen baute, er war es, der an die Wichtigkeit der Bildung für arme Menschen glaubte. Als die Kirche in Chicago, aus der diese Figur stammt, verlassen wurde, schwor ich mir, dass sie immer eine Heimat haben wird, weshalb ich sie gern zum Teil meiner Ausstellungen mache. Laurentius ist so etwas wie mein Mentor, mein Held.

P: Sie haben bei der documenta in Kassel, bei der Biennale in Venedig und in vielen der wichtigsten Museen der Welt ausgestellt. Was reizt Sie daran, in einem relativ kleinen Kunsthaus wie dem in Bregenz auszustellen?

TG: Für mich ist das Kunsthaus Bregenz einer der wichtigsten Kunstorte der Welt, obwohl viele nicht einmal wissen, dass es ihn gibt. Hier können Künstler in einer fabelhaften Architektur neue Dinge ausprobieren, auch wenn sie risikoreich sind. Hierher eingeladen zu werden, ist ein Geschenk. 

 
 
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