SUSANNE VON MEISS

20.07.17
SUSANNE  VON MEISS © Jürgen Teller

MEINE SAMMLUNG, DAS BIN ICH

Es sind Silhouetten, Bewegungen oder Accessoires, es ist das feine Spiel mit dem Geheimnisvollen, dessen fotografisches Festhalten die Schweizerin Susanne von Meiss fasziniert. Vor beinahe 30 Jahren hat sie eine Sammlung begonnen, die unter dem Namen "Allure" inzwischen international Anerkennung findet.

Eine Tanzszene in Buenos Aires von René Burri, eine kleine Modeaufnahme von John Baldessari oder ein Porträt der Sammlerin, aufgenommen von Juergen Teller, sind nur einige der ganz besonderen Stücke, die Susanne von Meiss auf die Schnelle einfallen, wenn sie über ihre Leidenschaft zur Fotografie und ihre Sammlung spricht. Vintage-Prints des legendären New Yorker Modefotografen Richard Avedon aus den 1950er-Jahren machten den Anfang ihrer Sammlung. "Ich habe das Sammler-Gen in mir", sagt Susanne von Meiss lachend, während sie von ihrem Vater erzählt, der zeitlebens metallene Skulpturen von Schweizer Künstlern zusammentrug. Die Liste der Eisenplastik-Sammlung umfasst Arbeiten von Max Bill, Gottfried Honegger, Bernhard Luginbühl oder des kinetischen Künstlers Jean Tinguely. Mit ihnen wuchs Susanne von Meiss in Zollikon am Zürichsee auf und hier stieß sie auch durch Zufall auf die Fotografie. Ein Freund der Familie – Kaspar Fleischmann – hatte gerade eine Fotogalerie eröffnet, die erste dieser Art in Zürich, und war damit ein Pionier seiner Zeit. "Er hat uns die Fotografie beigebracht", erinnert sich Susanne von Meiss. Bei Fleischmann hat sie zum ersten Mal Bilder von berühmten Vertretern der amerikanischen Fotografie gesehen, wie von Alfred Stieglitz, Ansel Adams, von Paul Strand und Robert Frank. "The tier one" ihrer Zunft, wie von Meiss erklärt.

Richard Avedon arbeitete damals für das Magazin "Harper,s Bazaar", als der Sammlerin zwei seiner Aufnahmen in Fleischmanns Galerie "Zur Stockeregg" ins Auge fielen. Sie kaufte sie und kam mit dem Künstler ins Gespräch. "You should collect", empfahl er ihr, und noch einen Ratschlag hatte Avedon für die junge Frau parat: Sie solle sich auf ein Thema fokussieren. 

"Ich bestimme, was für mich Allure ist."

Als Lifestyle-Journalistin mit Begeisterung für Wohnen und Reisen sowie als Ästhetin war das Motto schnell klar. Unter dem Wort "Allure" subsumiert Susanne von Meiss alles, was mit Stil und Eleganz zu tun hat. "Ich bestimme, was für mich Allure ist. Es ist manchmal ein mysteriöses Abwenden des Kopfes, manchmal die Bewegung eines Kleides, ein Hut, ein ausgestrecktes Bein oder auch eine leicht verhüllte Rückenansicht – meine Sammlung, das bin ich", sagt sie. ­"Allu­re­ ist etwas, das existiert. Es hält einen fest. Ob ein intensiver oder flüchtiger Blick auf der Straße oder ein Gesicht in der Menge – man wird festgehalten", definierte einst die Modejournalistin Diana Vreeland den Begriff.

"Ein Mensch, der offen ist für die Welt, ist auch offen für die Fotografie", so hat von Meiss ihr Credo zurechtgelegt und auch gleich bewiesen, dass sie es ernst meint. Als Reisejournalistin war sie auf der ganzen Welt unterwegs, meist mit einem Fotografen an der Seite, über dessen Schulter sie schaute und von dem sie schnell lernte, wie eine Bildkomposition zustande kommt. 

Argentinien ist eines ihrer Traumziele geworden. Viele Male ist sie dort gewesen und sie kommt ins Schwärmen, wenn sie an die schönen Museen, die vibrierende Kunstszene, den eleganten Stadtteil Recoleta in Buenos Aires und die blühenden Jacarandas denkt. Aber auch auf Messen und bei Auktionen, in Galerien von Zürich bis New York oder Los Angeles kann man die Sammlerin treffen. Die Kuratorin Birgit Filzmaier ist bei diesen Streifzügen oft an ihrer Seite. Mit ihr hat sie einen großen Teil ihrer 400 Fotografien umfassenden Sammlung zusammengetragen. Diese spannt einen repräsentativen Bogen über alle Genres und Stile der Fotografiegeschichte hinweg – von den 1920er-Jahren bis zur Gegenwart – und umfasst Schwarz-Weiß-Abzüge aus den 1920er-Jahren ebenso wie zeitgenössische Farbfotografien international renommierter Fotografen. Die persönliche Auswahl der Sammlerin reicht von Diane Arbus, Richard Avedon, René Burri und Henri Cartier-Bresson über Horst P. Horst, Irving Penn, Paolo Roversi und August Sander bis zu zeitgenössischen Künstlern wie Tracey Emin, Nan Goldin, Daido Moriyama, Richard Prince und Juergen Teller. "Zum Sammeln von Fotografie braucht man nicht das große Budget", sagt Susanne von Meiss. "Man kann Toparbeiten zu erschwinglichen Beträgen erwerben", nur für die Königsklasse – den handsignierten Vintage-Print – muss man ein bisschen sparen.

Den Hauptteil des Jahres verbringt Susanne von Meiss am Zürichsee. Hier betreibt sie ein exquisites Interieur-Geschäft, von hier aus ist sie journalistisch tätig und hier lebt sie mit ihrer Familie. Die Wände des Hauses sind voll von Fotografien. "Bei mir herrscht Petersburger Hängung", erzählt die Sammlerin schmunzelnd und wo ein Nagel ist, hängt auch ein Bild. Kürzlich hat sie in Wien die österreichische Künstlerin Tina Lechner entdeckt und neun kleine sowie vier große Arbeiten gekauft. Es handelt sich um analoge Fotos, auf denen die von der Künstlerin handgefertigten Formen Assoziationen an Hüte hervorrufen. Die Serie passt zum Motto "Allure" und anscheinend waren in Susanne von Meiss’ Wohnzimmer 13 Nägel frei.