Sammlung Bertrand & Christine Conrad-Eybesfeld

23.09.14

Work in Progress – Kunstprojekte im Schlosspark

Sol LeWitt, Heimo Zobernig, Michael Schuster, Vadim Zakharov oder Max Neuhaus sind nur einige der klingenden Namen, deren Kunstwerke den Park rund um das Schloss Eybesfeld zieren, doch die Sammlung ist nicht das Ergebnis ausgiebiger Kunstkäufe, sondern folgt ganz anderen, oft langjährigen Prozessen. Christine und Bertrand Conrad-Eybesfeld leben mit und für die Kunst, mit und für die Künstler. Was aus dieser Symbiose bisher entstanden ist, kann es mit internationalen Skulpturenparks ohne Weiteres aufnehmen.

„I want to be seen first“, war die Prämisse für Sol LeWitt, als er, der leider inzwischen verstorbene, große amerikanische Künstler des Minimalismus, im Park der Conrad-Eybesfelds einen Platz für seine Arbeit suchte. Auf einem Blatt Papier hatte er für seine Freunde Christine und Bertrand zuvor einen halben Kegel und eine abfallende Rampe dargestellt, zwei geometrische Figuren, die den Regeln der Konzeptkunst folgen: Nicht die Formen enthalten die Aussage und nicht die Ausführung des Kunstwerks ist das Wesentliche. Im Vordergrund stehen Konzept und Idee. Die schnell gezeichnete Skizze des Sol LeWitt ist es, die zählt.

Die Conrad-Eybesfelds hatten lange damit zu tun: der Platz, gleich neben dem herrschaftlichen Einfahrtstor war tatsächlich ideal für Sol LeWitts Plan. 2003 wurde mit der Umsetzung begonnen. Ein zehn Meter hoher Halbkegel aus weißen Ziegelsteinen und eine 25 Meter lange, leicht abfallende Rinne, die mit großen Basaltsteinen gepflastert ist, lädt den Betrachter ein, Assoziationen herzustellen, Fehlendes in Gedanken zu ergänzen und den Kontext zu suchen.

In Sichtweite davon hat Heimo Zobernig schon 1990 sein Kunstwerk in den Park gesetzt. Als gedanklicher Schüler von Sol LeWitt hat er eine ganz reduzierte Arbeit geschaffen. Seine Idee war es, den Ende des 19. Jahrhunderts angelegten Tennisplatz durch eine 15 cm hohe Betonplatte zu ersetzen, die genau dessen Fläche einnimmt. Eine vorgefundene Form wird in ein anderes Material übertragen und verändert damit seine Bedeutung. An einer der Schmalseiten hat sich der Schriftsteller Ferdinand Schmatz mit einem nüchternen Satz zur Entstehung dieses Werkes verewigt und seinerseits damit ein konzeptuales Werk geschaffen.

„Unsere Aufgabe ist es, das ganze Gut am Leben zu erhalten und in die Zukunft zu führen“, empfindet Bertrand Conrad-Eybesfeld. Seit das Ehepaar nach vielen Jahren im Ausland, Ende der 80er-Jahre in die Steiermark zurückgekehrt ist, ist im Schloss Eybesfeld kein Stein auf dem anderen geblieben. Das Haus wurde komplett renoviert und abgegraben, ein Erdwall zur Straße errichtet, die Zufahrt neu gestaltet und in unbelebten Wirtschaftsgebäuden und auf brachliegenden Wiesen wurden Wohneinheiten und Büros gebaut. Neben dem solitär stehenden Turm wurde ein Pool errichtet, dessen lilafarbene Liegefläche wie eine große Welle im Parkrasen ausläuft. Die Zusammenarbeit mit renommierten Architekten von Adrian Geuze und seinem holländischen Büro „West 8“, bis zu Manfred Wolff-Plottegg, von „Pichler & Traupmann“ bis zu Marc Jenewein und Carola Peschl, der ehemaligen Leiterin des Forum Stadtpark, hat aus dem einst verwunschenen Schlösschen mit Park einen eigenen Kosmos entstehen lassen. Christine und Bertrand Conrad-Eybesfeld tun alles dazu, dass Architekten und Künstler sich einbringen können. Jahrelange Recherchen über die Geschichte der Familie und des Hauses, penible Aufzeichnungen über Katastereinträge, Ergebnisse von Landvermessungen, dazu alle möglichen Dokumente und Fotografien und nicht zuletzt die 15.000 aus dem Kurrent transkribierten Briefe der Ururur-Ahnen sind in vielen Ordnern gesammelt und auch digital verfügbar. Immer wieder dienen Teile davon als Ursprung künstlerischer Interventionen. Heimo Zobernig hat den fast vergessenen Tennisplatz genützt und auch Michael Schuster hat sich von altem Wissen inspirieren lassen.

Gleich neben dem Schloss hat er sein übergroßes „E I“ platziert. Vom josephinischen Kataster, zu einer Zeit, als man Eybesfeld mit „i“ schrieb, hat Schuster Anleihe genommen und die ersten beiden Buchstaben maßstabgetreu in den Rasen vor dem Schloss projeziert. E und I wurden nach den Plänen des Künstlers mit parkeigenem Eichenholz und betriebseigenen Arbeitern errichtet und 2004 mit einem großen Fest eingeweiht.

Auch Vadim Zakharov hat die Conrad-Eybesfeld´sche Mappe erhalten. Er, der russische Maler, Fotograf und Videokünstler, der letztes Jahr seinen Heimatpavillon in den Giardini von Venedig gestaltet hat, hat sie zum Ausgangspunkt seiner Arbeit im Park genommen. Er hat jeweils einen Bauern aus der Gegend an den mehr als 130 Vermessungspunkten Aufstellung nehmen lassen, sie fotografiert und die ganze Szenerie aus einem Kleinflugzeug gefilmt. Ein weiteres Werk Zakharovs lässt die Hausherren schmunzeln, hat der Künstler doch einen Brief von Bertrand, der die Bitte nach einem Kunstwerk enthält, auf eine übergroße Verkehrstafel appliziert. Nach einigen Stausituationen, von Vorbeifahrenden im Lesen verursacht, musste die Tafel inzwischen von der Bundesstraße auf einen Feldweg zum Einfahrtstor übersiedeln. Genau dort hat sich Christoph Elsässer, einer der Architekten von „West 8“ künstlerisch betätigt. Das zeitgemäß interpretierte Familienwappen, das Konterfei der Hausfrau an den Torflügeln und der offene Durchgang rechts und links der Säulen, stammen von ihm. Das Tor, das früher mächtig, prunkvoll und schützend war, soll heute „Lebensfreude und Offenheit“ signalisieren wie Christine Conrad-Eybesfeld erklärt. Sie ist es auch, die oftmals neue Kontakte knüpft. Als Kulturmanagerin ist sie seit etlichen Jahren für Sponsoring des „steirischen herbst“ zuständig und war auch im Kulturhauptstadtjahr 2003 in Graz in der Organisation der Eröffnungsveranstaltungen aktiv. Aus dieser Zeit stammt ihre Freundschaft zu Max Neuhaus. Der aus Texas stammende Pionier für zeitgenössische Musik, für Klanginstallationen und -skulpturen hat damals am Grazer Kunsthaus mit dem „Time Piece Graz“ eine permanente Klangarbeit realisiert und wie in Graz, ist es ihm auch im steirischen Schlosspark gelungen, mit Tönen zu emotionieren.

Für einige Meter eines Wegstückes, das hinunter zu den Teichen führt, hat Neuhaus seine minimalistische Klangwolke „Eybesfeld“ konzipiert mit der einzigen Auflage, sie permanent zu senden. Es ist eine Geräuschkulisse, die vom Künstler in wochenlanger Kontemplation und Reflexion auf einer Parkbank sitzend entwickelt worden ist. Als Neuhaus dann 2009 starb, hat der befreundete, auf Klangkunst spezialisierte Kurator Georg Weckwerth, ihm ebendort eine Tafel „in memoriam“ montiert.

Ebenfalls aus 2003 stammen die riesen Lettern „LOVE“, die Marc Jenewein und sein Architekturbüro an der Einfallstraße nach Graz als künstlerisches Marketing montieren durften und die jetzt zwischen den Erlen am Teich stehen und sich im Wasser spiegeln. Am Ufer stehen „fishhut I und II“. Zwei vollkommen aus Holz gefertigte, inzwischen schon ziemlich verwitterte, Fischereiskulpturen sollen „ein freudvoll-ironisches Statement zum Thema ‚Fischen im Landschaftspark heute’ darstellen“ wie der Architekt argumentiert. Die hier fischenden Angler, durften diese Hütten im Eigenbau realisieren. Als Baustoff stand Eichenholz aus den Conrad-Eybesfeld´schen Wäldern zur Verfügung. Von Jenewein stammt auch das überdimensionale Eichhörnchen mit wackelndem Schweif, dessen Neonröhren den Schlosspark in der Finsternis erhellen.

Viele nicht- oder vielleicht nur noch nicht realisierte Kunstwerke stehen im Raum: Da gibt es Pläne von Siegrun Appelt und Michael Kienzer. Da ist der Schweizer Phillipe Rahm, der die Kunst der konstruierten Atmosphäre beherrscht, dessen Maschine jedoch aus kostentechnischen Gründen noch nicht in Funktion ist. Oder das „Theatrum Anatomicum“ des Paul Renner, für das Bertrand Conrad-Eybesfeld einen Hektar seines Landes umwidmen ließ, das aber bisher in losen Teilen auf Halde liegt. Und dann gibt es da noch das Werk der Konzeptkünstlerin Sonja Gangl, die aus den Glyzinien, die sich an einem der Gebäude ranken, eine Wachstumskurve machen und diese vom Komponisten Phillip Glass in Musik umwandeln lassen wollte. Nebenbei gibt es aber auch noch etliche offene Wünsche: ein Kunstwerk von Lawrence Weiner zum Beispiel oder eines von Olafur Eliasson. Work in progress trifft auch auf ein Buchprojekt von Sabine Groschup zu. Sie ist Tirolerin und als bildende Künstlerin, Filmemacherin und Autorin tätig. Ein Besuch auf Eybesfeld inspirierte sie zu ihrem demnächst erscheinenden vierten Roman. In „Elu Mondria“ geht es um ein Mädchen von dessen Identität ähnlich der Figur des Kaspar Hauser keiner genaueres weiß. Das Mädchen verlässt erst das Bett nicht, wird aber durch die Tiere in den Schlosspark gelockt und entdeckt darin auf abenteuerliche Weise alle möglichen Kunstwerke. Was oft wie ein Märchen klingt, spiegelt genau genommen die Realität wider.

Siebzehn Hektar Schlosspark sind eine Dimension, die für Künstler eine Herausforderung, aber auch Spaß bedeuten. „Wir vertrauen, und sind damit immer gut gefahren.“ Die meisten Projekte dauern drei bis vier Jahre, „wir drängen nicht, irgendwann entsteht dann etwas, oder auch nicht...“, so die Philosophie von Christine und Bertrand Conrad-Eybesfeld, die sich durch ihre Offenheit, ihre Neugierde und ihrem enormen Verständnis für die Welt der Konzeptkunst viele Träume erfüllt haben.