Sabine Haag im Interview – 125 Jahre Kunsthistorisches Museum Wien

03.03.16

Das Kunsthistorische Museum ist mit seinen sieben Standorten das größte Museum Österreichs. Der Umfang und auch die Qualität seiner herausragenden Sammlungen sind international nur mit wenigen anderen Institutionen vergleichbar. Im Bereich der kunsthistorischen Fächer ist das Museum die größte außeruniversitäre Forschungseinrichtung Österreichs, die Wissenschaftler und Restauratoren des Hauses sind weltweit als Experten gefragt. Eröffnet wurde das Museum am 17. Oktober 1891 durch Kaiser Franz Joseph und machte Schätze des Hauses Habsburg damit der Bevölkerung zugänglich. PARNASS traf anlässlich des Jubiläumsjahres die Generaldirektorin des KHM Museumsverbandes zum Gespräch.

PARNASS: Sie stellen neben dem zentralen Thema „Feste feiern“ das Jubiläumsjahr auch unter das Motto „Museum für Alle“.

SABINE HAAG: Es geht es uns darum die Bedeutung der Institution und der Sammlungen, die weit älter sind als das Museum in den Mittelpunkt zu stellen. Wir präsentieren in diesem Jahr einen Rückblick auf die Geschichte des Hauses und der Sammlungen, aber wollen uns vor allem verstärkt mit der Gegenwart und der Zukunft des Hauses auseinandersetzen. Das Kunsthistorische Museum war eine der wichtigsten Museumsgründungen des 19. Jahrhunderts und ist in der Gegenwart eines der führendsten Häuser in der nationalen wie internationalen Museumslandschaft. Gerade historische Museen sind keine Selbstläufer mehr. Deswegen ist es umso wichtiger, im Jubiläumsjahr nicht nur die Geschichte zu feiern, sondern uns auch in die Zukunft zu orientieren. Es ist für uns ein Auftrag zu schauen, wie sich das Museum in diesen 125 Jahren entwickelt hat und wo seine zukünftige Bedeutung, Aufgabe und Verantwortung liegt. Museen müssen Sehnsuchtsorte sein. „Museum für Alle“ bedeutet aber auch, dass wir mit unserem Besuchern und Besucherinnen feiern wollen und wir bieten dazu eine Reihe von neuen Vermittlungsangeboten, Gesprächsreihen, Ausstellungen und Veranstaltungen im Haus und außerhalb des Museums an. Als besonderes Geschenk in diesem Jahr erhalten unsere Gäste freien Eintritt, wenn Sie an ihrem eigenen Geburtstag in das Kunsthistorische Museum am Maria-Theresien-Platz kommen.

P: 2012 hat das Kunsthistorische Museum Wien unter der Leitung des Kunsthistorikers Jasper Sharp eine Schwerpunktreihe zu moderner und zeitgenössischer Kunst etabliert, die sehr erfolgreich geworden ist. Das Programm besteht aus Ausstellungen als auch einer stets gut besuchten Gesprächsreihe. Worin liegt das Potenzial dieser Begegnung von „Alten Meistern“ und der Gegenwartskunst an einem so besonderen Ort wie dem Kunsthistorischen Museum?

SH: Wir gehen bei allen unseren Projekten und Ausstellungen von den Sammlungen aus. Diese sind historische Sammlungen und von unserem Profil her sammeln wir keine zeitgenössische oder moderne Kunst. Aber das heißt nicht, dass wir uns nicht mit Fragen der zeitgenössischen Kunst auseinandersetzen dürfen. Wir sehen es als Auftrag und wichtiges Anliegen zu zeigen, dass historische Sammlungen nicht etwas hermetisch abgeriegeltes sind, in eine Schublade gehören, sondern im Gegenteil ein Teil unserer Identität sind – unserer kulturellen DNA. In unserer Schwerpunktreihe zu moderner und zeitgenössischer Kunst werden basierend auf den Sammlungen Diskussionen eröffnet, ein Blick auf die Kunstwerke aus heutiger Sicht ermöglicht und so das Verständnis für die bemerkenswerte Geschichte und die Sammlungen des Hauses vertieft. Es zeigt das Potenzial der Sammlungen auch hinsichtlich aktueller Fragestellungen der Gegenwart. Zu sagen unsere Sammlungen hätten mit der Gegenwart nichts zu tun, wäre meiner Meinung nach eine falsche Einschätzung, eine Verkennung dessen, was Kunstgeschichte bedeutet. Das zeigt sich auch daran, dass neben den Künstlern, die wir einladen, auch viele andere internationale und auch österreichische Künstler kommen und unsere Bestände besichtigen und sich mit ihnen auseinandersetzen. Gerade diese Selbstverständlichkeit ist uns wichtig und daher werden diese oft sehr persönlichen Begegnungen und Gespräche auch nicht medial nach außen getragen.

P: Die Frage nach der Bedeutung des Museums in der Gegenwart und in der Zukunft steht auch im Mittelpunkt der Gesprächsreihe im Jubiläumsjahr.

SH: Dazu haben wir Direktoren der weltweit wichtigsten Museen eingeladen, wie Wim Pijbes, Generaldirektor des Rijksmuseums, Amsterdam, der im Jänner den Anfang machte, oder Max Hollein, Direktor des Städel Museums, der Schirn Kunsthalle Frankfurt und des Liebieghauses, Thomas P. Campbell vom Metropolitan Museum New York, Gabriele Finaldi, Direktor der National Gallery in London und Hans-Werner Schmidt vom Museum der bildenden Künste in Leipzig. Gemeinsam stellen wir uns der Frage, wie sich Museen in Zukunft präsentieren und welche Rolle sie in der Gesellschaft einnehmen werden.
Es geht darum darzustellen, dass die Sammlungen heute noch relevant sind. Das kulturelle Gedächtnis der Sammlung unseres Hauses umfasst weit über 7000 Jahre Kunst und Kultur mit einer enormen Vielfalt und Dichte. Doch müssen wir uns aus der Sicht heutiger Themenstellungen mit den Kunstwerken unter Einbeziehung einer gegenwärtigen gesellschaftlichen Situation beschäftigen. Es genügt nicht nur die Labels und Saaltafeln mehrsprachig zu machen, sondern wir müssen weit über das gängige Bildungsangebot hinausgehen und unter andern auch offensiv die digitalen Kommunikationsmöglichkeiten einbeziehen.

P: Wie kann man sich dies konkret vorstellen. Welche Maßnahmen planen Sie dazu in diesem Jahr?

SH: Angesichts aktuell relevanter Fragen zu Themen wie Identität, Integration, kulturelle Teilhabe und die Folgen der Wissensgesellschaft ist es unser Anspruch den Zugang zu erleichtern und mögliche Barrieren aus dem Weg zu schaffen. Das Kunsthistorische Museum soll für alle Nationalitäten, alle Altersgruppen, alle Berufsgruppen und Menschen jedes kulturellen Backgrounds zugänglich sein. Bei unserem Jubiläumsprogramm werden die verschiedensten Gründe für den Museumsbesuch berücksichtigt, ob man alleine oder in der Gruppe ins Museum kommt, ob man in Wien lebt oder als Tourist die Stadt besucht.

P: Sie planen auch eine neue Jahreskarte für Jugendliche?

SH: Wir haben im November 2009 die Jahreskarte erfolgreich eingeführt. Die finanziell attraktive Zutrittsmöglichkeit in alle Häuser des Kunsthistorischen Museums um damals 29 Euro war bahnbrechend und ein Erfolgsprojekt und wurde von anderen Bundesmuseen übernommen.
Jetzt haben wir vor mit einem attraktiven Preis von 19 Euro eine Jahreskarte für Jugendliche von 19 bis 25 Jahren einzuführen, um auch diese Altersgruppe, die dann als Studenten, Lehrlinge etc. nicht mehr vom freien Eintritt profitieren nachhaltig als Besucher zu gewinnen. Damit verbunden ist auch eine Erweiterung des Vermittlungsangebots auch unter Einbeziehung digitaler Medien. So wird es eine App geben, die nicht nur in Deutsch und Englisch angeboten wird, sondern auch auf unsere gesellschaftlichen Veränderungen reagiert und in unter anderem auch in türkisch, serbokroatisch angeboten wird. Auch unsere spartenübergreifenden Projekte werden wir weiterführen und neue entwickeln.

P: Die Sichtbarkeit des Museums nach außen wird unter anderem durch eine „Außenstelle“ am Wiener Flughafen verstärkt, aber auch mit einer besonderen Kooperation mit dem ORF und dem Schriftsteller Michael Köhlmeier.

SH: Wir zeigen auf ORF III die Sendereihe „100 Meisterwerke“, die bewusst auch im Titel anschließt an die bekannte Sendereihe „1000 Meisterwerke“, (ursprünglich hieß die Sendereihe auch 100 Meisterwerke, Anm. der Red.), die von der Redakteurin Wibke von Bonin basierend auf den englischen Vorbild der BBC für das deutsche Fernsehen entwickelt wurde. Die Serie war damals unglaublich prägend. Aber auch hier geht es uns darum unsere Sammlungen und vor allem unsere Kompetenz als wissenschaftliche Institution darzustellen. Daher werden sowohl Experten unseres Hauses, die Arbeiten besprechen und Michael Köhlmeier, wird aus seiner Sicht etwas zu den Kunstwerken erzählen. Die Reihe wird auch als DVD erscheinen und wir hoffen damit ein breites Publikum zu erreichen.

P: Zurück zur Ausstellung, die von März bis September im Museum zu sehen sein wird: Festkultur. Was erwartet den Besucher?

SH: Wir zeigen verschiedene Aspekte jener Festkulturen, die sich in Europa vom Spätmittelalter und der Renaissance bis ins 18. Jahrhundert bei Hof, in der Stadt und auch in ländlichen Kontexten herausgebildet haben. Im Zentrum der Ausstellung steht das Festmahl mit Essen, Trinken, Tanzen und Musizieren und zwar insbesondere mit Blick auf habsburgische Residenzen. Die anschließenden Räume werden Festen auf öffentlichen Plätzen gewidmet sein (etwa Einzügen und Turnieren), die anlässlich von Krönungen, Hochzeiten, Geburtstagen, aber auch zur Zeit des Karnevals, bei Kirchweihen oder auf Märkten abgehalten wurden und durch Verkleidungen und Rollenspiele die Gesetze des Alltags vorübergehend außer Kraft setzten. Uns war es wichtig durch diese Ausstellung auf den Bestand unserer Sammlung zurückzugreifen und alle Sammlungen des Hauses einzubeziehen. Sie machen die Qualität des Hauses aus und wir können die unglaubliche Vielfalt unsere Sammlungen zeigen. Vielen Menschen ist es gar nicht bewusst, dass etwa die Schatzkammer, das Theatermuseum aber auch die Wagenburg und Schloss Ambras in Innsbruck zum Kunsthistorischen Museum gehören. Doch was lässt sich von solchen ephemeren Festen ausstellen? Vor allem das, was übrig blieb – zum Beispiel Requisiten und Schaustücke. Diese haben sich in den verschiedenen Sammlungen des Kunsthistorischen Museums erhalten, darunter etwa das einzigartige, noch nie gezeigte riesige Tischtuch, das Kaiser Karl V. anlässlich eines Ritterfestes 1527 in Auftrag gab oder ein sogenannter Trinkstuhl aus dem 16. Jahrhundert, der seine Gäste solange gefangen hielt, bis sie ein „Willkomm-Glas“ geleert hatten. Zu diesen kostbaren oder kuriosen Dingen kommen bildliche Darstellungen realer und imaginärer Feste hinzu, von Krönungsfeierlichkeiten und Bruegel’schen „Bauernfesten“ bis hin zur „Fête galante“, einer Bildgattung des 18. Jahrhunderts, deren festlich gekleidete Figuren sich in informeller Weise durch weitläufige Parklandschaften bewegen. Die Ausstellung wird auch zeigen, wie sich der Charakter der Feste im Laufe der Zeit verändert hat.

P: Im Herbst 2016 wird die Ausstellungsreihe „Artist’s Choice“ mit Edmund de Waal fortgesetzt. Er hat schon einmal im Theseustempel, der auch vom KHM bespielt wird, ausgestellt.

SH: Die Künstler, die als Kuratoren eingeladen werden, stellen ihre Ausstellung aus der Auseinandersetzung mit der Sammlung zusammen – aus dem subjektiven Blickwinkel des zeitgenössischen Künstlers. Den Anfang machte Ed Ruscha. Doch die Beziehung des Hauses zu Edmund de Waal ist eine besondere. Edmund de Waal hat familiäre Wurzeln in Wien, die bis in die Zeit der Monarchie – insbesondere in die Gründungszeit des Museums zurückreichen. So gesehen ist es sein Blick auf die Sammlung aus der Sicht eines zeitgenössischen Künstlers eine gute Ergänzung zum Jubiläumsjahr und eine wesentliche Erweiterung in der Aussage, was unsere Sammlungen ausmachen und wie sich die Sicht auf die Sammlungen im Laufe der Zeit verändert hat. Aufgrund seiner Biografie ist die Zusammenarbeit mit Edmund de Waal in mehrerer Hinsicht von Bedeutung. Sein 2010 erschienenes Buch „Der Hase mit den Bernsteinaugen“ spürt der Geschichte seiner jüdischen Vorfahren und Verwandten, der Familie Ephrussi, in Odessa, Tokyo, Paris und Wien nach. Ins Museum kam er erstmals, um sich die neu eröffnete Kunstkammer anzusehen. Seit damals ist Edmund de Waal in Kontakt geblieben mit Kollegen im Haus. Dieser Dialog und die Besuche in unserem Haus führten zu einem neuen Verständnis der Sammlung und auch seiner eigenen Familiengeschichte. Die Ausstellung im Theseustempel war das erste sichtbare Zeichen dafür und wird nun mit der Schau „During the Night" fortgesetzt und wird de Waals persönliche Auswahl von Sammlungsobjekten zeigen. Als Zeichen der Verbundenheit zu unserem Haus wird er eine ganz besondere Leihgabe mitbringen – den Hasen mit den Bernsteinaugen. Es war sein Vorschlag, den wir natürlich sehr gerne angenommen haben – es ist eine unglaublich berührende und sehr vielschichte Aussage, die er damit trifft und zeigt auch das große Vertrauen in unsere Zusammenarbeit. 

 

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