Robin Rhode

23.01.18
Courtesy Robin Rhode

Courtesy Robin Rhode

Als südafrikanischer Künstler möchte er nicht tituliert werden („da erwarten die Leute Exotik“), stattdessen will er, zu Recht, auf Augenhöhe mit internationalen Künstlern genannt werden, zumal seine Karriere international verläuft. Dennoch ist seine Kunst ohne die südafrikanischen Wurzeln undenkbar. Seit 2002 lebt und arbeitet Robin Rhode (Jahrgang 1976) in Berlin, genauer, hier entwickelt er die Konzepte für seine Arbeit. In die Praxis umgesetzt werden sie jedoch in Johannesburg, Südafrika. Die Straßen dort, die „edgy“ Quartiere, sind seine Bühne, seine Inspirationsquelle, die Ingredienzien für seine singuläre Kunst, die man als Body-basierte Performance-Kunst bezeichnen kann, als absolut aufregenden Mix aus Street Art, Minimalismus, urbanem Design, als Spiel und Erzählung – oft mit magischem Appeal.

Wir treffen uns in seinem Atelier, einer ehemaligen Destillerie von 1910 in Reinickendorf, einem der wenigen Bezirke in Berlin, die noch nicht kunstaffin sind. Auf unglaublichen 2.000 Quadratmetern können er und seine drei Mitarbeiter hier bestens arbeiten, hier wird auch gemeinsam gekocht und gegessen. Stolz zeigt der Künstler, dass es genug Räume für die fertigen und unfertigen Kunstwerke gibt, für Büros, Archiv und Material. Für den Künstler bedeutet diese enorme Raumfülle das Glück einer uneingeschränkten Freiheit für neue Experimente, die Erprobung neuer Ideen. Und der Mann sprüht nur so vor neuen Ideen.
An den Wänden hängen großformatige, für ihn untypische schwarz-weiße abstrakte Malereien – vielleicht verwendet er sie einmal für ein Video. Dann erblickt man große, gezeichnete Pferdeköpfe. Diese Exerzitien dienen der Lösung des Problems „Wie kann ich Schachfiguren so bearbeiten, dass sie von der Vergangenheit sprechen?“, erläutert er.

Robin Rhode arbeitet mit vielen Medien: Foto, Zeichnung, Video, Skulptur – letztes Jahr inszenierte er auch eine Oper – Schönbergs „Erwartung“ – auf dem Times Square in New York. Seine Spezialität, mit der er international berühmt wurde, ist jedoch die einzigartige Kombination von Zeichnung und Performance, genauer von Wandzeichnung und Performance. Er interagiert mit zweidimensionalen Zeichnungen, die er auf Straßenmauern von Johannesburg bringt, um mit ihnen dramatische Vorgänge zu inszenieren, manchmal mit Humor, der auch bitter sein kann, immer mit einkalkuliertem Überraschungseffekt.

Er zeichnet zum Beispiel mit Kreide banale Gegenstände auf eine Mauer, ein Klavier, ein Fahrrad, eine Kerze, ein Auto, einen Billardtisch, einen Zirkel, eine Skater-Bahn. Als Performer tritt er mit der Zeichnung in Interaktion, zündet das Klavier an, wechselt die Reifen des Autos, dreht mit dem Skateboard auf der Zeichnung seine Kurven, vollführt einen Balletttanz mit dem Zirkel. Diese Aktionen werden in diversen Sequenzen – bis zu 30 – gezeichnet und performt, mit oft hochakrobatischen Gesten und Verrenkungen, die einer zuvor in Berlin entworfenen exakten Choreografie folgen. Diese Aktionen werden fotografiert oder gefilmt und so als Kunstwerk konserviert bzw. als Film, in Stop-Motion-Animation. Seit einiger Zeit engagiert Robin Rhode zuweilen einen „Doppelgänger“, der seine choreografischen Anweisungen ausführt. Im Studio unterlaufen die Fotosequenzen dann noch einigen Manipulationen am Computer, so werden sie unter anderem um 90 Grad gedreht etc. Der Schlüsselaspekt von Rhodes Ästhetik ist dieses Zusammenspiel von zwei und drei Dimensionen oder der Wechsel zwischen der statischen, sich in Sequenzen entwickelnden Zeichnung und dem bewegten Körper. Der Zeichnung werden somit neue Dimensionen eröffnet. Hinzu kommt das Zeitmoment, also die vierte Dimension. Obwohl alles spontan wirkt, sind die Sequenzen bis ins Kleinste zuvor konzipiert und kalkuliert. Die Wandzeichnungen werden übrigens nach der Aktion wieder gelöscht.

Es ist eine enorm virtuose Kombination aus Jugend- und Subkultur, Street Art und Graffiti-Kunst, eine hundertprozentig urbane Kunst. Rhode sieht durchaus Gemeinsamkeiten mit den Graffiti-Künstlern und teilt deren anarchischen Impetus, im Gegensatz zu ihnen hat er jedoch nichts gegen den Kunstbetrieb. Auch er arbeitet mit Schablonen, aber er erweitert alles zu Erzählungen, virtuos gewürzt mit Illusionen und Humor. Es ist „Lo-fi“-Kunst, die mit billigsten, einfachsten Mitteln und höchstem persönlichem Einsatz entsteht. „Die Verwendung von Schablonen“, erklärt er, „verbindet mich auch mit den Renaissance-Künstlern und deren Fresco-Malereien, eine archaische Technik. Auch die Verwendung von Rastern, die auf die Mauer übertragen werden, erinnert daran.“ Außerdem versuche er, mit seinen choreografischen Interaktionen den gezeichneten Objekten eine Art von Spiritualismus zu geben. Für all das, sagt er, „muss ich immer zurück nach Südafrika, ich brauche den Spirit von Johannesburg“.

Rhode gehört der Post-Apartheid-Generation an. Als er als farbiger Student an eine weiße Universität kam, erzählt er, war er so verunsichert, dass er zunächst versagte und erst im zweiten Anlauf den Abschluss schaffte. Was ihn seither interessiert, ist die Kollision zwischen westlicher und südafrikanischer Moderne. Seine großen Helden wurden Max Ernst oder Kasimir Malewitsch und vor allem Marcel Duchamp. Sie gehören auch zum Fundus, aus dem er seine Imaginationen schöpft. Seine Verehrung für Duchamp ging sogar so weit, dass er auf die Fassade der National Gallery in Kapstadt Duchamps Urinal zeichnete – und es wie ein reales benutzte ... auch eine Art von Performance.

Zur Vernissage seiner Ausstellungen gibt Rhode oft kurze, aufregende Life-Performances, mit denen er, so verrät er, seine Künstlerlaufbahn begann. „Die frühen Life-Performances waren sozusagen Protest, Flucht, raus aus dem Museum, raus aus der Galerie. Doch sie wurden institutionalisiert, deshalb bringe ich sie nur manchmal und wenn, dann sehr kurz, sie sind ein entscheidendes Instrument, bringen Energie in den Raum. Aber sie müssen pointiert, kurz sein – damit will ich das Publikum destabilisieren.“

Rhodes Erfindung, Performance mit Zeichnung zu verbinden, geht auf einen schulischen Initiationsritus zurück, verrät er, mit dem ältere Schüler die jüngeren quälten. Sie zwangen die jüngeren, auf die Toilettenwand mit Kreide ein Fahrrad zu zeichnen und es dann zu besteigen, was unmöglich war. Also gab es Prügel. Heute kann es Robin Rhode.

Während unseres Gesprächs erzählt er von seinem jüngsten Projekt in Israel. Erstmals wird er dort Outdoor-Wandmalereien präsentieren, die langfristig bleiben sollen. Für dieses Projekt hat er sich ausgiebig mit der Kabbala beschäftigt. Zum Schluss zeigt er noch ein amüsantes Nebenprodukt seiner Kunst. Die Firma Skateroom lud ihn – so wie vor ihm höchst prominente Künstler à la Paul McCarthy, Ai Weiwei oder Katharina Grosse – ein, Bilder für Skateboards zu entwerfen. Die sind nun, in 300er-Auflage, eher erschwinglich als seine Originalwerke, die im fünfstelligen Bereich liegen.

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