Robert Gschwantner

24.09.14

Verführerisch schöne Materialarbeiten als ökologisches Statement

Öltanker transportieren jährlich mehr als die Hälfte des geförderten Rohöls über die Weltmeere. Dabei passieren immer wieder Unfälle, aus den Schiffshavarien fließen zigtausend Tonnen Öl in unsere Gewässer, die Folgen für die Umwelt sind katastrophal, die Wiederherstellung des Ökosystems dauert Jahre.

Szenenwechsel: In Ausstellungen von Robert Gschwantner, 1968 in Steyr, Oberösterreich geboren, hängen farbige, im Licht leicht changierende Bildobjekte, aus transparenten Plastikschläuchen konstruiert, gefüllt mit schillernden, klaren oder kräftig-bunten Flüssigkeiten. Verändert man den Beobachtungswinkel, ändert sich auch die Erscheinung des gewebten Gebildes, deren optischer und haptischer Ästhetik man sich nicht entziehen kann. Ihren desaströsen Kontext offenbaren die reizvollen Materialarbeiten auf den ersten Blick nicht. Die unmittelbaren Folgen einer Tankerkatastrophe vor der französischen Atlantikküste im Jahre 1999 veranlassen Robert Gschwantner bei der Rettung der Seevögel und der Reinigung der Küstenregion mitzuhelfen und die verheerenden Auswirkungen auf die Tier- und Pflanzenwelt, aber auch auf die Menschen, deren Existenz von Fisch- und Austernfang abhängt, fotografisch zu dokumentieren. Gschwantner nimmt die klebrige, schwarz-zähflüssige Substanz vom Strand in einem Behälter mit, injiziert sie in dünne, transparente PVC-Schläuche und verwebt diese, ganz dem traditionellen Handwerk folgend, zu Teppichen – Ölteppichen. Bereits seit 1996 entstehen Bildteppiche und Teppichobjekte, die der Künstler im gleichen Verfahren mit verschiedenfarbigen Ölen anfüllt, doch jetzt werden sie zu einem ökologischen Statement.

Robert Gschwantner behandelt in seiner Kunst sensibel umwelt- und gesellschaftsrelevante Themen, wie die Verschmutzung unseres Lebensraumes, den achtlosen Umgang mit Wasserressourcen oder manipulative Eingriffe der Menschen in die Natur. Forschungsprojekten gleich recherchiert und dokumentiert er die Fakten, macht Foto- und Videoaufnahmen, fertigt dreidimensionale Modelle zur Anschauung und verarbeitet die vor Ort entnommenen Flüssigkeiten zu seinen Objektarbeiten, in denen er die giftigen Substanzen zu verführerischen Kunstwerken transformiert.

In „The Perfect Circle“ 2008, vergleicht der Künstler die geometrische Struktur des Parks von Schloss Versailles mit der futuristischen, chinesischen Hafenmetropole Lingang New City, die bis 2020 fertiggestellt wird. Diese orientiert sich an der Ordnung des barocken Gartenensembles von André Le Nôtre, bei der die Natur durch Menschenhand in eine Form gezwungen wird. Neben einem poetischen, surreal-anmutenden Video über den Schlosspark sind Bildobjekte zu sehen: Die mit Wasser aus dem Grand Canal gefüllten PVC-Schläuche sind über Landschaftsmalereien und Pläne der chinesischen Idealstadt gelegt.

Seit 2000 verwebt Gschwantner die dünnen Infusionsschläuche nicht mehr, sondern spannt sie wie Fäden horizontal und vertikal über einen Rahmen, das Einfüllen der Flüssigkeiten und das Spiel von Farbe und Konsistenz lässt sich nun besser steuern, aus verschiedenfarbigen Ölen, Abwässern und Glyzerin entstehen Muster. Manchmal werden mehrere Schlauchreihen reliefartig übereinander montiert, sodass die Bildobjekte eine räumliche Tiefe und ornamentale Struktur erhalten. Die flüssigen Substanzen und unterlegten Zeichnungen von Plänen, Fotografien und farbigen Malereien erzeugen Bilder, die an schemenhafte Landschaften, wie durch mehrere Lasuren aufgebaut, erinnern, oder an abstrakt-geometrische Kompositionen wie in der Minimal- und Op Art.

Das  jüngstes Projekt „IJsselloog“, das Robert Gschwantner in siner Ausstellung in der Galerie Artmark im Herbst 2014 vorstellte bezieht sich auf die eine künstlich geschaffene Insel im niederländischen Binnensee Ketelmeer. Ebendort wurde zwischen 1996 und 1999 eine Deponie für stark verunreinigte Schlämme aus dem Rhein und der Maas angelegt, ein kreisrunder See mit knapp einem Kilometer Durchmesser inmitten der eiförmigen Insel. In der Nähe des riesigen Abfallcontainers werden noch zwei weitere Inseln aufgeschüttet – ein künstliches, fast idyllisches erscheinendes Landschafts-Arrangement. Gschwantners Dokumentation umfasst ein Video, ein Modell der Anlage und seine Bildgebilde. Die Schläuche, gefüllt mit gefärbtem Meerwasser, dem schadstoffbelasteten Schlamm und Glyzerin, sind über Malerei und farbige Zeichnungen mit geometrischen Strukturen, Liniennetzen und ornamentalen Formmustern gespannt – der giftige Abfall wird zu dekorativen Tableaus, die an Op Art und Jugendstil erinnern.

Die Galerie Artmark vertritt den Österreicher, der in Berlin und Rom lebt und zahlreiche Ausstellungsprojekte im In- und Ausland realisiert, seit 2003, damals noch in der Gründungsgalerie in Spital am Pyhrn.
 

Autor: