Martin Lenikus: Sammlung und Artist in Residence

23.08.17
Martin Lenikus | Foto: Paul Schnecker | Leica Camera AG, Camera sponsored by Leica Store Vienna

Die Studios und Ausstellungsräume, die von der Sammlung Lenikus am Wiener Bauernmarkt betrieben wurden, zählten einige Jahre zu den fruchtbarsten Kunstorten der jüngeren Vergangenheit in Wien. Seit 2015 pausiert das Artist-in-Residence-Programm zwar, die Sammlung Lenikus wird aber weiter ausgebaut. Junge Kunst spielt dabei eine wichtige Rolle: Svenja Deininger, Sarah Pichlkostner, Philipp Timischl, Nick Oberthaler, Mahony, Fabian Seiz, Zenita Komad, Julia Haller und Benjamin Hirte sind nur einige der Namen jüngerer Kunstschaffender, die vertreten sind. Nina Schedlmayer sprach für PARNASS mit Sammlungsgründer Martin Lenikus und -leiterin Angela Akbari über jüngste Tendenzen in der Wiener Kunstszene.

 

Herr Lenikus, wie erinnern Sie sich an Ihren Einstieg in die Wiener Kunstszene?

Martin Lenikus: Ich hätte als Student einmal gern eine Arbeit von Gottfried Helnwein gekauft. Damals konnte ich mir das aber leider nicht leisten. Später hat mich ein Freund, der damalige Steuerberater und nunmehrige erfolgreiche Winzer Christian Fink, mit Künstlern in Kontakt gebracht. Dann lernte ich Emanuel Layr kennen, der damals ganz jung war und eine kleine Galerie hatte. Ich stellte bald fest, welche Sorgen und Bedürfnisse die jungen Künstlerinnen und Künstler haben. Damals revitalisierte ich Häuser, von denen einige leer standen und die ich ihnen als Studios zur Verfügung stellen konnte. Da waren Positionen wie Mahony, Svenja Deininger und Nick Oberthaler dabei – heute lauter renommierte Namen.

Das war in der Zeit ab 2004. Was hat sich seit damals eurer Beobachtung nach in der Wiener Kunstszene verändert?

Angela Akbari: Seit ein, zwei Jahren werden neue Galerien eröffnet, die mit teilweise sehr jungen Künstlerinnen und Künstlern arbeiten. Dabei verschwimmen die Grenzen zwischen Kuratoren, Künstlern und Galeristen. Das ist zwar nichts ganz Neues, gab es in dieser Fülle aber in Wien noch nie – auch, dass so viele Künstlerinnen und Künstler selbst etwas aufziehen. Und es gibt einen guten Zusammenschluss: Wenn im Kevin Space eine Ausstellung ist, dann verweist man dort auf die Galerie Zeller van Almsick und vice versa. Man wächst zusammen und stärkt einander, alles ist sehr durchlässig geworden. Außerdem werden intellektuelle, finanzielle und räumliche Ressourcen gebündelt.

ML: Es war für junge Künstlerinnen und Künstler nie einfach. Aber in jüngster Zeit ist die Situation noch prekärer geworden. So wurde es notwendiger, dass man einander gegenseitig unterstützt, auch die Rollen wechselt: Man kann Maler sein, im nächsten Moment Kurator und dann wieder Galerist. Das finde ich prinzipiell positiv.

AA: Was mir noch aufgefallen ist: Kürzlich erschien das Kunstranking der Zeitschrift „Trend“, bei dem wir mit in der Jury waren. Es gab Listen für verschiedene Generationen. Bei den bereits Verstorbenen waren ganz wenige Frauen dabei, bei den Künstlern unter 40 viel mehr. Das ist eine positive Entwicklung.

Während der vergangenen Monate hast du, Angela, die Aktivitäten und die Sammlung aufgearbeitet. Was ist dabei aufgefallen?

AA: Ich bin noch dabei, das alles zu analysieren. Aber ich habe gesehen, dass wir mit den Studios am Bauernmarkt 1 ein System hatten, das sehr gut funktioniert hat: Künstler schlugen Kollegen vor, die dann ebenfalls eine Residency erhielten, es geschah viel rundherum. Wenn Künstler die Strukturen selbst in die Hand nehmen und ein eigenes Soziotop bilden, kann unglaublich viel Interessantes passieren. Freundschaften und Kontakte sind entstanden, von denen viele bis heute bestehen, auch über Wien hinaus. ML: Die Aufarbeitung zeigt uns, dass wir einiges richtig gemacht haben. Wir hatten ein sehr offenes System. Wesentlich war, dass nur Qualität zugelassen war. Das regelte sich aber ohnehin durch die Künstlerinnen und Künstler von selbst, denn gute Qualität duldet um sich ebenfalls nur gute Qualität.

Wie geht es mit der Sammlung weiter?

ML: Wir sammeln jetzt vor allem in die Tiefe: Wenn uns von einem Künstler noch etwas aus einer bestimmten Periode fehlt, kaufen wir gezielt daraus an, etwa von Nick Oberthaler, Carsten Fock, Tillman Kaiser, Rudolf Polanszky oder Stano Filko. Allerdings erzielen manche unserer Künstler schon sehr gute Marktpreise – was für sie erfreulich ist, aber leider oft unser Budget sprengt. Gleichzeitig suchen wir parallel dazu immer auch nach jüngeren beziehungsweise noch weitgehend unentdeckten Positionen.

Welche jungen Künstlerinnen oder Künstler habt ihr in letzter Zeit neu entdeckt?

AA: Sie ist zwar keine Neuentdeckung, weil ich sie schon länger kenne, aber: Die Ausstellung von Sarah Pichlkostner, die in der Galerie Winter kürzlich lief, fand ich sehr gut. Sie hat einen spannenden Zugang zur Skulptur. Den künstlerischen Zugang von Yingmei Duan finde ich sehr berührend.

ML: Ich habe im Moment Olivia Kaiser am Radar. Mir gefällt ihre Haltung sehr gut, sie vertritt deklariert die Positionen der Frau. Und ist natürlich eine tolle Malerin!

AA: Auch in diesem Fall sind wir uns einig.

Die demnächst erscheinende Publikation „Ephemeral Space. The Lenikus Collection“ gibt Einblicke in die Sammlung Lenikus und deren Genese. Nina Schedlmayer verfasste dafür einige Texte.