John Skoog - im Gespräch mit Sabrina Möller

04.07.15

 

 

 

 

 

 

 

Nach seiner Ausstellung im MMK Frankfurt präsentiert der Schwede John Skoog (*1985) im mumok Wien nun die zweite Ausstellung im Rahmen des Baloise Kunst-Preises. Zeit für ein Gespräch.

2014 hast du auf der Art Basel für deinen Film Reduit den Baloise Kunst-Preis erhalten. Was hat sich seither für dich verändert?

Tatsächlich musste ich lernen Nein zu sagen. Und das ist nicht leicht! Seit ich den Preis bekommen habe, sind die Leute an meiner Arbeit sehr interessiert. Das ist ja auch die Aufgabe des Baloise Kunst-Preises: Aufmerksamkeit für junge Künstler zu generieren. Inzwischen habe ich den Film viele Male an unterschiedlichen Orten auf der ganzen Welt gezeigt. Doch Nein zu sagen und mich auf die wichtigen Dinge zu konzentrieren, das gibt mir wirklich Etwas.

Innerhalb deiner derzeitigen Ausstellung im mumok Wien zeigst du drei Filme. Filme, die du bereits zuvor im MMK Frankfurt gezeigt hast. Beide Ausstellungen waren an deinen Preis gebunden Dennoch hast du unterschiedliche Titel für die Ausstellungen gewählt: Slow Return in Frankfurt und nun Värn in Wien. Wodurch ist diese Titelwahl begründet?

Ich lebe in Frankfurt und meine Abschlussausstellung nach dem Studium an der Städelschule fand im MMK Frankfurt statt. Ein Jahr später hatte ich dort eine weitere Ausstellung und nun war ich dort schon wieder mit dem Baloise Kunst-Preis präsent. Das war also die dritte Ausstellung innerhalb von drei Jahren im MMK Frankfurt. Daher war der Titel „Slow Return“ für mich persönlich sehr passend, eine tatsächliche langsame Rückkehr… „Värn“ hingegen bezieht sich wesentlich stärker auf den Film „Reduit“ und die Rauminstallation.

Värn bedeutet Abwehr“…

Ob „Abwehr“ die treffende Übersetzung ist, weiß ich nicht. Denn im schwedischen Sprachgebrauch hat es viele Bedeutungen: Die Außenwand eines Schlosses oder die Truppe im Krieg, die sich in kleinster Distanz zum Feind befindet. Als Verb bedeutet es, sich selbst zu beschützen. Aber es ist auch ein Wort, das heute kaum jemand mehr verwendet. Es klingt uralt! „Värn“ weist in unterschiedliche Richtungen. Der Titel ist sehr an den Film „Reduit“ gebunden, funktioniert aber dennoch mit den zwei anderen Filmen in der Ausstellung: „Sent på Jorden“ und „Förår“.

Inwieweit gibt es Unterschiede zwischen den Ausstellungen?

Am Ende ist es ziemlich das Gleiche… In beiden Ausstellungen haben wir diese alten Wände im Raum installiert, die in einer Beziehung mit dem jeweiligen Raum stehen. Also gibt es doch einen Unterschied in der Raumerfahrung und in der Wahrnehmung des Filmes - auch wenn die Werke selbst die gleichen sind. In Wien ist die Installation größer und präsenter, während der Raum an sich in Frankfurt kleiner war: Dadurch stand der Film noch mehr im Fokus.

In Reduit geht es um das Haus eines Arbeiters, der aus Angst vor einer sowjetischen Invasion sein Haus zu einer Art Bunker umbaute. Dafür sammelte er jegliches Metall in seiner Umgebung, das er günstig bekommen konnte. Eine Vielzahl an unterschiedlichen Formen, die aus den Tonnen von Beton immer wieder hervorkommen. Kannst du deine erste Begegnung mit dem Gebäude beschreiben?

Zum ersten Mal war ich dort als Kind. Ich war vielleicht 5 Jahre alt und meine Mutter kannte das Haus oder eher den Bunker. Wir haben etwa 45 min Fahrtzeit weit weg gewohnt und so war das ein gutes Ziel für einen Sonntagsausflug. Oder eine gute Alternative zum Zoobesuch. In einer Zeit vor Google und dem iphone ist es gar nicht leicht ein solches Gebäude zu finden, wenn es keine Hinweistafeln gibt. Meine Mutter ist also zu Häusern in der Umgebung gefahren und hat dort nachgefragt. Zu jeder Wegbeschreibung gab es dann auch eine kleine Anekdote. Oder kleine Mythen und Halbwahrheiten.

Die Kameraführung im Film entspricht dieser ersten Begegnung. Man weiß nicht wo oben oder unten ist, innen oder außen. Irgendwie ist dieses Haus genauso. Und es ist auch ein treffendes Bild für die derzeitige Angst vor Einwanderern in Europa. Denn auch unsere Gesellschaft hat manchmal eine gewisse Paranoia.

Deinen Filmen ist eine gewisse Poesie eingeschrieben. Nicht nur, weil wir mit Landschaften konfrontiert werden, sondern auch mit Szenen von Menschen und Architekturen, die befreit scheinen von diesem ganzen Medienwahnsinn. Es gibt keine Handys, keine Laptops, keine Fernseher. Fast wie in einer anderen Welt oder wie in einer anderen Zeit. Durch die Langsamkeit der Kameraführung wird dieser Effekt wesentlich unterstrichen. Hingegen scheint die hohe Bildauflösung oder die Kinoqualität einen Gegensatz zu bilden.

Mir gefällt es, dass die Filme von einer Zeitlichkeit befreit sind. Alles was den Zuschauer dazu anregt nachzudenken, ist eine gute Sache! In dem Film „Reduit“ wird erst am Ende des Filmes die Umgebung des Bunkers gezeigt. Vom rohen Material ausgehend weist die Kamera in das leere Feld. Was am Beginn eher an eine Malerei von Turner erinnert, hebt sich im nächsten Moment auf, wenn die Elektroleitungen und die kleinen Windräder sichtbar werden. Dadurch ist die Verortung in die Gegenwart erst möglich. In den beiden anderen Filmen „Sent på Jorden“ und „Förår“ ist bis zum Schluss nicht klar, ob sie aus den 80er-Jahren sind - oder doch jüngeren Ursprungs.

Ob die hohe Auflösung der digitalen Kameras ein Gegensatz ist - da bin ich mir nicht sicher. Ich finde es großartig! Besonders, weil man kein zusätzliches Licht braucht: Die Kameras sind hochsensibel. Es ist so langweilig, wenn man erst das Licht installieren muss. Das dauert ewig! Es ergibt sich dadurch einfach kein Fluss. Es ist also auch eine pragmatische Entscheidung digitale Kameras mit hoher Auflösung zu verwenden.

Worum geht es dir in deiner Arbeit auf inhaltlicher Ebene?

Ich interessiere mich für den Umgang mit dokumentarischen Material. Es ist schwer einen Film über etwas zu machen, das so speziell oder besonders ist wie dieser Bunker. Wie macht man einen Film, der dabei ehrlich bleibt? Wie macht man einen Film, der diese Erfahrung in der Begehung vermittelt? Es gibt unterschiedliche Richtungen und Wege, darüber nachzudenken. Etwa über die Paranoia des Bauern oder über die politische Geschichte…

Die Charaktere in deinem Film nehmen nie Blickkontakt mit der Kamera auf. Vielmehr entsteht der Eindruck, dass sie sich einer frontalen Ansicht bewusst entziehen möchten.

Tatsächlich gibt es gelegentlich schon Blickkontakt mit der Kamera, aber man kann es nicht wirklich sehen. Ich arbeite nicht mit ausgebildeten Schauspielern, sondern mit Menschen, die ich kenne. Wenn man in die Kamera schaut, dann bedeutet das etwas. Es ist eine Art Bruch. Das Wichtigste bei all diesen Filmen ist, dass man nicht mit einer Geschichte beginnt, sondern mit einem Ort. Oder mit einer Person. Und dieser Ort selbst generiert die Geschichte. Andere Filme haben die Geschichte zuerst und projizieren das dann auf den Ort. Sie erzählen Geschichten.

Wie viel in deinen Filmen ist dokumentarisch, wie viel fiktiv?

Es ist ein komischer Mix. „Reduit“ ist gespielt. Nicht offensichtlich, da es keine Akteure gibt, sondern mehr in der Weise wie wir gefilmt haben. Es gibt es eine nette Anekdote, die zu dieser Frage passt. In dem Film „Sent på Jorden“ gibt es eine Szene mit einem Mann, der eine Horde von Hunden ausführt. Tatsächlich war diese Szene für den Film nie geplant. Wir drehten gerade die letzte, sehr komplizierte Szene des Filmes, in der eine junge Frau einen vorbeifahrenden Zug anschreit. Plötzlich sahen wir diesen Mann und waren begeistert. Wir haben ihn gleich gefragt und er sagte uns, dass er eh schon immer Schauspieler werden wollte. Während er also dort mit den vielen Hunden stand, schauspielerte er wirklich ganz brav, schaute etwa auf seine nicht vorhandene Uhr, während er auf irgendwas zu warten schien… Bis die Hunde unruhig wurden und sich die vielen Leinen durch ihre Bewegung verhedderten. Ich bat ihn die Leinen wieder zu lösen - und dabei haben wir ihn letztendlich gefilmt. Das war eine schöne Dynamik, die sich da ergeben hat.

Du möchtest mit den Vorstellungen von der Unschuld und der Geborgenheit am Land aufräumen.

Es gibt immer noch diese Idee, dass das Leben am Land so anders ist als in den Städten. In Österreich ist es doch auch so: Es gibt Wien und den Rest. In Schweden ist es dasselbe. Aber auch am Land gibt es keine reine Unschuld. Mein Vater kommt aus Stockholm und ist damals mit meiner Mutter aufs Land gezogen. Er sagt, es fühlt sich gleich an. Ob man in Stockholm oder am Land vor einem Würstchen-Stand steht ist am Ende doch ziemlich das Gleiche.

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