Hendrik Berinson

24.03.17
Albert Renger-Patzsch, Natterkopf, 1925 Vintage-Print, 17,1 × 23,3 cm, Courtesy Galerie Berinson

Sammlung fotografischer Raritäten

Kaum eine Ausstellung zur klassischen modernen Fotografie kommt ohne Leihgaben aus der Sammlung Berinson aus. Unter den Beständen findet sich so manche Ikone der Fotogeschichte, aber auch Seltenes und Unbekanntes, das nur dem Kenner auffällt.

Der Anfang seiner Sammeltätigkeit kam allmählich, erzählt Hendrik Berinson, und nahm bei der Faszination für das fotografische Bild seinen Ausgang. Der 1960 in Hamburg geborene "Selfmade-Collector" folgt bis heute seiner Begeisterung wie seinem Gespür und gilt wegen seiner Aufmerksamkeit für Rares und Singuläres als eine der kenntnisreichsten Persönlichkeiten im Bereich der Klassischen Moderne. Es war seine Vorliebe für die unbemerkten Raritäten, außergewöhnliche, oft kleine, unscheinbare Werke aus dem Umkreis von Dada, Surrealismus, aber auch von Bauhaus-Künstlern und der Neuen Sachlichkeit, die ihn von Anfang an leitete. Berinson ist kein "Trophäensammler", der an spektakulären Einzelstücken interessiert ist. Lieber sucht er von einem Künstler mehrere Arbeiten, eine Werkgruppe, versucht zu vorhandenen Beständen für seine Sammlung weitere dazuzugewinnen. Dabei beschränkt sich sein Interesse nicht allein auf fotografische Abzüge: In seiner Sammlung finden sich Collagen, Zeichnungen, überarbeitete Fotografien, unikale Prints, Objekte, Skizzen. Oft ist er nach bestimmten fehlenden Werken jahrelang auf der Suche, manchmal fällt ihm etwas eher zufällig in die Hände, da muss man schnell zugreifen können.

Der Sammler als Händler

In den späten 1980er-Jahren machte Berinson seine Passion zum Beruf und eröffnete die Galerie Berinson in Berlin. Die schwierigen Anfangsjahre führten ihn auch für eine Zeitlang nach Paris, bevor er in den 1990er-Jahren im damals noch experimentierfreudigen Viertel um die Hackeschen Höfe seine Räume eröffnete. Die Klientel kam vorwiegend aus den USA, aus Kanada, jedenfalls aus dem Ausland. Die heimischen Sammler und Museumskuratoren hatten die Fotografie noch nicht entdeckt; so kam es auch zu der Zusammenarbeit mit seiner Partnergalerie in New York, der Ubu Gallery von Adam Boxer. Vor Kurzem hat er nun seine Galerie in die ruhigere Nachbarschaft von Charlottenburg verlegt. Berinson war inzwischen zu einem "global player" für die Bereiche seines Sammlungsgebiets geworden. Der Markt für Fotografie hatte sich verändert, viele Sammler und Galerien entdeckten die verschiedenen Spielarten von fotografischer Kunst, das Angebot ist heute riesig und gerade im Zeitgenössischen oft hochpreisig. Für Hendrik Berinson gibt es aber immer noch Werke vom Beginn des 20. Jahrhunderts zu entdecken. Bei ihm finden Sammlungsleiter von internationalen Museen oder Privatkollektionen seltene Prints von Moholy-Nagy und Man Ray, Collagen von Victor Brauner und Kurt Schwitters, Experimentelles aus den Zeiten der Foto-Avantgarde und Klassiker wie August Sander oder Cartier-Bresson. Und: "Fotografie kostet im Vergleich zur Malerei derselben Zeit geradezu nichts", meint Berinson pointiert zur Preisentwicklung eines überhitzten Kunstmarktes, "in der Fotografie ist immer noch viel zu entdecken, mit Kennerschaft und richtigen Kontakten auch zu günstigen Preisen".

Die Ausstellung als Schaufenster

Hendrik Berinson ist ein Sammler, der seine Schätze nicht nur zu Hause in den Laden hütet. Er teilt seine Begeisterung gern mit anderen Interessierten, stellt seine Bestände zu Ausstellungen zusammen und bestückt so manche Museumsausstellung mit unverzichtbaren Leihgaben. Die Publikationen zu seinen Ausstellungen sind inzwischen schon zu Sammlerobjekten geworden, widmen sie sich doch oft ungewöhnlichen Themen oder überraschenden Aspekten in einem künstlerischen Œuvre, wie etwa den Fotogra­fien des informellen Malers Wols, oder vergessenen Künstlerpersönlichkeiten wie dem Porträtisten der russischen Avantgarde-Szene des beginnenden 20. Jahrhunderts, Moissej Nappelbaum.

Das Format der Ausstellung ist für Berinson eine Art "Schaufenster“. In jahrelanger Vorbereitung werden die Bestände aufbereitet und für Ausstellungen in den eigenen Räumen, aber auch in Museen verfügbar gemacht. So hatte die Präsentation von Berinsons einzigartigen Prints von Weegee aus den 1930er- und 1940er-Jahren neun Stationen in Museen in Europa und den USA. Seine 70 Vintages von Albert Renger-Patzsch werden gerade für eine Ausstellung und Publikation vorbereitet. Trotz der weltweiten Aktivitäten als Leihgeber für Häuser wie das Centre­ Pompidou, das Los Angeles County Museum oder das Israel Museum in Tel Aviv gehört die wahre Leidenschaft von Hendrik Berinson dem Aufspüren von fotografischen Raritäten – und dies vollzieht sich still und im Hintergrund.

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