Elégance und Nobelesse der Wirkung von Hans Kruckenhauser

09.05.17
Hans Kruckenhauser, Paris, 1982, Aquarell, 56 x 38 cm

Noch 2016 – ein halbes Jahr vor seinem Tod – wurde seine Bedeutung in der Salzburger Ausstellung Wahlverwandtschaften (mit Siegfried Anzinger und Hubert Schmalix) gewürdigt. Hans Kruckenhauser war ein Seltener: als Lehrer, als Künstler, als Person und als Persönlichkeit.

Die Psychologie beschreibt Person als „ein solches Existierendes, das trotz der Vielheit der Teile eine reale, eigenartige (= Individualität) und eigenwertige (=Selbstwert) Einheit bildet und als solche eine einheitliche zielstrebige Selbsttätigkeit vollbringt.“ Immanuel Kant hingegen unterscheidet zwischen Person und Persönlichkeit: „Die moralische Persönlichkeit ist nichts anderes als die Freiheit eines vernünftigen Wesens unter moralischen Gesetzen.“ Darauf basiert auch sein „Kategorischer Imperativ“.

Oben Stehendes umschreibt teilweise theoretisch, was Iris Andraschek, Georg Frauenschuh, Michael Horsky, Luisa Kasalitzky und Gelind Zeilner bei einem Treffen anlässlich eines Verlustes, dem ihrer Wahrnehmung nach die gebührende Aufmerksamkeit fehlte – diese sei nun nachgereicht – an Hans Kruckenhauser wertschätzten, mochten und von ihm lernten.

"Kruckenhauser war Assistent, als ich bei Melcher studierte. Er war der Einzige unter den Lehrern, mit dem ich Kontakt hatte. Melcher und Pichler (die zweite Assistentin) habe ich in all den Jahren kaum gesehen. Hans war tatsächlich jeden Tag und den ganzen Tag an der Akademie. An ihm habe ich gesehen, dass man 24 Stunden an der Presse, ohne zu essen, aber mit zwei Doppler Weißwein, arbeiten kann. Dafür war ich nicht geschaffen! Deshalb blieb ich mehr zu Hause und malte, als in die Akademie zu gehen. Ich war mit einer kleinen Gruppe von Malern befreundet, die auch in der Melcher-Klasse waren. Hans hatte großes Interesse für uns. Er kaufte auch einige unserer Bilder. Er konnte unsere Arbeiten mit einem Vokabular kritisieren, das kein Kuratorendeutsch war, aber immer mit großer Klarheit das Wesentliche traf. Ich bin dankbar, dass er Teil meiner Entwicklung war."

Hubert Schmalix

Dem Vertreter der Sie-Form und Gegner des Ikea-Du, wie er es nannte, waren Elégance und Nobelesse der Wirkung in der Kunst und speziell in seiner Arbeit Anliegen und Selbstverständnis. Waren zwar seine Aquarelle ein chronologischer Sprung nach hinten in die Geschichte, die bei Pissarro und Cezanne ansetzte und bis hin zu Braque reichte, so gelang es ihm dennoch, dieses altmodische Medium zeitverschleppt und durch seine schiere Qualität an Licht und Komposition als zeitgemäßes und zeitgenössisches zu positionieren. Eine Arbeit, die sich im Gegensatz zu seinem Leben, das geprägt war von der Zwiespältigkeit zwischen Wert- und Geringschätzung an der Akademie, einem autoritären Elternhaus (der Vater, Stefan Kruckenhauser, war angesehener Fotograf und der berühmte Erfinder des Wedelns) und zudem einem exzessiven Trinken verschuldet, behutsam, zart, nahezu schwebend und frei zeigte – Malerei auch als Ermächtigung gegen die eigene Repression und Flucht in eine schöne Welt gemalt mit großer Leichtigkeit. Wenn Kruckenhauser einen Wolkenhimmel kurz vor dem Gewitter malte, zeigte sich hier schon ein spezieller Akt, der nie dramatisch, aber dafür höchst intuitiv war. Er selbst hingegen war assoziativ, gelangte von einem ins andere und forderte hohe Konzentration: „Ihm zu folgen, konnte sich nahezu ins Psychedelische drehen – seinen Sätzen musste große Aufmerksamkeit geschenkt werden, um die große Klugheit, die sie beinhalteten, zu verstehen, damit sie wie ein Extrakt herausgezogen werden konnte“, so der allgemeine Tenor. Zudem aber konnte er mit dem ihm eigenen „seltenen“ Humor andere, bevorzugt junge KünstlerInnen, für kurze Momente ihrer eigenen Situation und dem eigenen Bewusstsein entreißen – sozial war er hoch begabt, entlarvend dabei seine Ironisierung von Ernsthaftigkeit.

So wollte er eine Begabungslandkarte erstellen: eine Begabungszeckenkarte angelehnt an so genannte Zeckenkarten der 80er-Jahre, weil er befand, dass es in Österreich Gebiete gibt, wo Begabungen geballter auftreten als anderswo. Erstellt wurde sie nie, wie so viele seiner Projekte (u. a. ein Katalog, den eine Gefolgschaft renommierter KünstlerInnen mit ihm zu seinem Werk herausgeben wollte), Kruckenhauser war extrem bürokratieunaffin. Vielleicht aber auch, weil das Nichtrealisieren an sich für ihn schon ein Wert war: „Die ungemalten Bilder sind am schönsten“, Zitat Hans Kruckenhauser.

Doch auch seine Widersprüchlichkeit spiegelte sich in der oppositionellen Haltung einer ambivalenten Persönlichkeit, die zutiefst verletzlich und verunsichernd zugleich war. Nur deshalb konnte er sich mit anderen vollkommen involvieren und dabei ebenso und ganz abrupt ausschließend sein. Gut möglich aber, dass er einfach nur der Advocatus Diaboli sein wollte, der sich als solcher vermittelt in der ihm ganz eigenen Art über Kunst, Leben, Liebe oder Politik nachzudenken, die wohl das Gefühl einer Prägung, nie aber von Voreingenommenheit hinterlässt – auch das ist etwas sehr Seltenes.

Hans Kruckenhauser, dessen freier und unverkrampfter Geist Selbstbestimmtheit im Sinngehalt verspüren ließ, auch und vor allem im Werk bar jeder Ideologie, verstarb am 29. März 2017 im Alter von 77 Jahren.

"Hans kam im Diplomjahr 1988 zur Melcher-Klasse, für mich war Hans eine positve Erweiterung mit wild nächtlichen abenteuern, koketterie mit französischer Freiheit, fein nuanciert im 15. Bezirk, im 10., in Meidling, dann weiter im Burgenland ... zeitweise wild und ungebremst, anspruchvoll, unbändig, eine hochsensible wahrnehmung, über dem übrigen, sehr poetisch, ein guter Freund, den ich vermisse, aber wer weiß, wann etwas beginnt oder endet, das war, ist und sollte im irdischen nicht zu viel Platz kriegen, wir irdischen Fuchteln, seines war eines der Guten, wünsche ich könnt’s ihm noch mal sagen, na ja, ich versuch’s."

Thomas Baumann

Biografie Hans Kruckenhauser

Hans Kruckenhauser wurde am 9. April 1940 in Bregenz geboren, er studierte von 1959 bis 1964 an der Akademie der bildenden Künste in Wien und an der " Schule des Sehens" an der Salzburger Sommerakademie. Von 1965 bis 1967 studierte er in Paris und war Assistent bei Kurt Moldovan. Von 1968 bis 1979 war Kruckenhauser Assistent an der Akademie der bildenden Künste in Wien, Meisterschule für Grafik bei Prof. Maximilian Melcher. Ab 1980 war er als freischaffender Künstler tätig. Es folgten zahlreiche Ausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen. Er erhielt u. a. den Ehrenpreis des Salzburger Kunstvereins für Graphik (1964) und die Medaille d’or de l’Ecole des Beaux-Arts pour peinture des nus, Paris (1966). Studienaufenthalte führten ihn nach Paris, Venedig und London. 1990 bis 2005 war er wieder Assistent in der Meisterschule für Grafik an der Akademie der bildenden Künste Wien, zuletzt in der Meisterschule für Grafik und druckgrafische Techniken bei Prof. Gunter Damisch.

Kunstszene: 
Autor: