Die Sammlung Hubert Looser

06.10.16

Noch bis Ende Oktober stellt das Museum Folkwang die Schweizer Sammlung Looser im Dialog mit Werken aus der eigenen Sammlung vor. Die von Hubert Looser begründete Sammlung moderner und zeitgenössischer Kunst gehört zu den bedeutendsten ihrer Art im europäischen Raum und umfasst zahlreiche hervorragende Werke des Surrealismus und Abstrakten Expressionismus, der Minimal Art und Arte Povera. Seit 2010 ist Florian Steininger, künstlerischer Leiter der Kunsthalle Krems, mit der kunsthistorischen Aufarbeitung der Zürcher Privatsammlung Hubert Looser betraut und seit 2015 Sammlungsleiter. Für PARNASS gab er einen Einblick in die Sammlung. 

Im Rahmen der Ausstellung „Monet – Kandinsky – Rothko und die Folgen: Wege der abstrakten Malerei“, die 2008 im Kunstforum Wien stattgefunden hatte, lernte ich Hubert Looser erstmals persönlich kennen. Er war Leihgeber einer wichtigen Cy-Twombly-Malerei aus den 1980er-Jahren, die im Kontext mit dem späten Monet und Landschaftsbildern mit abstrakt expressionistischem Gestus im Hauptraum vertreten war. Im Zuge dessen luden mich Hubert Looser und seine Frau Ursula Looser-Stingelin in ihr Domizil am Rigiblick ein, um die Sammlung kennenzulernen. Das ehemalige Büro- und Mehrfamilienhaus am Zürichberg entpuppte sich als privates Museum, die Werkauswahl, die Gestaltung und das Arrangement als Resultat eines feinfühligen und passionierten Connaisseurs der Kunst: der Sammler als Kurator, der trotz seiner Leidenschaft als primären Beweggrund, um ein Werk zu erwerben, immer die kunsthistorische Relevanz im Fokus behält. Looser übernimmt Verantwortung gegenüber der Kunst, distanziert sich von allzu marktschreierischen Meinungsmachern. Aus der Passion zur Kunst hat sich ein konzises Sammeln entwickelt, mit dem Anspruch auf museale Relevanz und Nachhaltigkeit. Sammeln ist kein Shoppingvergnügen in den Messehallen von Miami bis Tokio, sondern ein striktes und konsequentes Überprüfen des Angebots. Welche Bedeutung hat das spezifische Werk im Kontext des künstlerischen Gesamtwerks des Künstlers und welches im Zusammenhang der eigenen Sammlung? Das „Neinsagen“ zu angebotener Ware ist von großer Relevanz. Qualität und Kennerschaft stehen vor Quantität und Markengläubigkeit. Somit sind ausgesuchte Meisterwerke die funkelnden Steine des Looser’schen Sammlungsmosaiks geworden, anstelle B-Ware von A-Künstlern im großen Format und in großer Stückzahl zu erwerben und damit Lagerhallen zu füllen. Hubert Looser lebt mit der Kunst, er tritt in einen intellektuell-emotionalen Austausch mit ihr. Seine Passion teilt er mit seiner Frau, seinen Freunden, Künstlern und Kunstliebhabern. Spekulationen mit hochgejubelten Positionen am Kunstmarkt zum Zwecke eines kapitalen Profits lehnt er dezidiert ab. Looser will seine Kunst dem Kreislauf des Marktes entziehen und diese in Zukunft in die öffentliche Hand des Museums legen. 

Mit seinem ausgeprägten Sensorium hat der Sammler früh wichtige Positionen aufgespürt und immer wieder entscheidende Arbeiten erworben. Die Core Collection wurde zwischen 1995 und 2005 aufgebaut, als die Preise noch vernünftig erschienen und historisch abgesegnete Namen im budgetären Rahmen von Hubert Looser lagen.
So ist die Sammlung zu einem Zentrum der Kunst von Willem de Kooning geworden. Darunter finden sich neben Zeichnungen und Skulpturen Schlüsselwerke an Gemälden aus den 1970er- und 1980er-Jahren: pastose abstrakte Landschaften sowie lichte grafische Kompositionen aus dem vitalen Spätwerk. Bilder des Abstrakten Expressionisten und Malers der archaisch wilden Frauenbilder sind in Europa nur selten zu finden. Unsere gemeinsame de-Kooning-Passion führte uns im Winter 2011 nach New York, wo das MoMA eine große Retrospektive präsentierte. Mittlerweile sind die Kaliber, die in der ersten Reihe der Sammlung ihre Plätze eingenommen haben – von Picasso und Giacometti über de Kooning bis Twombly, – in astronomische Sphären am Markt gestiegen. Das bestätigt einerseits den Sammler, rechtzeitig im Auktionshaus die Hand gehoben zu haben, zum anderen sieht sich Looser nunmehr als Zaungast bei den großen Auktionen und beobachtet in Distanz und Gelassenheit die Rekordjagden auf Warhol, Richter und Co. Bei Warhol hat sich der Sammler mit einer individuellen Zeichnung des Mao-Porträts begnügt, die Strömung der Pop Art und ihre Nachfolgeerscheinungen von Koons, Hirst und Murakami haben nie in sein Profil gepasst. Dafür ist er zu klassisch, liebt das Persönliche, die Handschrift, den Spirit, das Malerische, wenn etwa de Kooning saftig den Pinsel auf die Leinwand streicht, Matisse mit Eleganz in einem Zug die Linie zu einem grazilen Kopfprofil vollendet oder Twombly mit linkischer Intensität den Stift kratzig auf das Papier setzt. Entscheidend ist auch das prozessuale Moment, das Handanlegen des Künstlers, das sich materiell im Werk realisiert, ob als Gemälde, Zeichnung oder Bronzeskulptur. 

Auf den jeweiligen Etagen des Privathauses taucht man in unterschiedliche Kunstkosmen ein, komplexe, vielschichtige Konstellationen, Dialoge und Spannungsfelder entstehen. Dabei agiert Looser niemals rein aus kunsthistorischen Kontexten, sondern aus dem Bauch, lässt Kunstwerke aus unterschiedlichen Generationen und Medien miteinander kommunizieren. Im Bibliotheksbereich sind asiatische antike Skulpturen mit einer „Anthropometrie“ von Yves Klein, einer Fingermalerei von Soutter und de Koonings figurativem Ölbild der frühen 1970er-Jahre zum übergreifenden Thema der „Personnage“ versammelt. Im Kellergeschoss bildet eine monumentale Skulptur aus Autoteilen von Chamberlain das Kraftfeld, um das de Koonings lichtes Schleifenbild-Triptychon und Verdiers brachiale Pinselstrichkompositionen zu kreisen beginnen. Loosers Kennerschaft definiert sich auch im großen Maße über die Linie, die Zeichnung, als pure, ursprüngliche Äußerung des Künstlers. Dieser Aspekt wird im Jahr 2018 in der Kunsthalle Krems mit einer umfassenden Ausstellung aus der Sammlung Looser beleuchtet. Picassos Blechskulptur „Sylvette“ von 1954 mit zarter grafischer Bemalung ist eines der favorisierten Kunstwerke in Hubert Loosers Sammlung. Mit ihr und Giacomettis „Annette“, die er Anfang der 1990er-Jahre erwerben konnte, begann die Erfolgsgeschichte des Sammlers. Zu einem weiteren skulpturalen Highlight zählt David Smiths „Arc in Quotes“ (1951), das die Terrasse mit Blick auf den Zürichsee bekrönt. Die zeichnerisch organische Eisenplastik schmiegt sich in den landschaftlichen Hintergrund, wird zur Zeichnung im Raum.

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