Der Galerist Andreas Huber im Interview mit Sabrina Möller

02.06.15

Anlässlich dem Vienna Gallery Weekend (29. - 31. Mai 2015) spricht Galerist Andreas Huber mit Sabrina Möller über die Kunststadt Wien, seinen Werdegang, Herausforderungen und den Mangel an jungen Galeristen.

Du hast dich im Rahmen des Vienna Gallery Weekends für die Gruppenausstellung Cold Places mit Hugo Canoilas, Nancy Holt, Paul Johnson, Leopold Kessler, Hayley Silverman und Travess Smalley entschieden. Wie kam es zu der Entscheidung, diese Ausstellung während des Vienna Gallery Weekends zu zeigen? Und inwieweit vermag die Ausstellung auf aktuelle Themen zu verweisen?

In der Gruppenausstellung „Cold Places“ geht es um die Frage, ist eine Welt ohne Menschen denkbar. Ein Thema, das aktuell auch in der Philosophie diskutiert wird. Ist Philosophie ohne Menschen denkbar? Das Verschwinden des Humanen in der Welt wird zum Thema. Im weitesten Sinne geht es auch um Dystopie einer Landschaft ohne Romantik. Die KünstlerInnen arbeiten in ihrer künstlerischen Praxis thematisch komplexer aufgestellt, aber einige Arbeiten greifen diese Thematik gut auf. Letztes Jahr habe ich beim Vienna Gallery Weekend eine Einzelausstellung von Travess Smalley gezeigt. Ich war überrascht, dass nicht nur internationales Publikum nach Wien kam sondern auch, dass lokales Publikum, das eher selten den Weg in die Galerie findet, diesen Anlass nutzte. Daher wollte ich dieses Jahr eine Ausstellung machen, die sowohl internationale wie auch österreichische KünstlerInnen zeigt. Ich habe die Ausstellung aber nicht nach dem Gallery Weekend ausgerichtet, sondern wollte ein Thema ansprechen, dass mich persönlich auch interessiert.

In diesem Jahr feierst du mit deiner Galerie 10-jähriges Jubiläum. Mit deinem kleinen, doch durchaus hochkarätigen Programm bist du international bis hin zur Armory Show in New York auf Messen erfolgreich vertreten. Retrospektiv betrachtet: Wie schwer war der Weg dorthin?

Von Beginn an war mir klar, dass ich an internationalen Messen teilnehmen und im Ausland sehr aktiv sein muss. Das hat über die letzten paar Jahre gut funktioniert. Doch in der Anfangszeit war es schon eher ein großer Spagat zwischen dem, was man sich leisten kann – die Kosten für den Messestand, der Transport, die Versicherung, die Assistenz und der Aufenthalt für eine Woche in New York – und dem Resultat, das einem eine Messe bringt.

Doch Messen sind nur nicht nur wegen des Verkaufs wichtig, sondern sie stellen auch eine Informationsplattform dar. Was passiert in Wien? Was machen die Kollegen im Ausland? Es ist der Ort, an dem man nicht nur Sammler, sondern auch Kuratoren und Kritiker trifft. Heute mache ich durchschnittlich fünf bis sechs Messen pro Jahr.

Generierst du tatsächlich auch den meisten Umsatz für deine Galerie auf den Messen?

So einfach kann man das nicht errechnen. Oft meldet sich jemand, den ich auf einer Messe kennengelernt habe, erst nach einem Jahr wieder. Wo zählt das dann hin? Eine Messe zahlt sich für mich aber auch dann aus, wenn ich dort gute Kontakte knüpfe.

Nach welchen Kriterien hast du dir am Beginn dein Programm zusammengestellt?

Es war mir wichtig eng und langfristig mit Künstlern zu arbeiten. Ich habe mich informiert und auf Empfehlungen von Künstlern reagiert, die ich von Beginn an geschätzt habe.

Die Wiener Kunstszene kennzeichnet sich weniger durch konkrete Trends oder Stile als vielmehr durch eine ausgesprochen breite Vielfalt aus. Sowohl künstlerisch wie auch institutionell, durch die Galerien und Offspaces werden unterschiedliche Schwerpunkte bedient. Gibt es etwas, was deiner Meinung nach in Wien noch fehlt?

Wien hat eine unglaubliche Dichte an guten Künstlerinnen und Künstler – und das sind nicht nur Österreicher. Im Laufe der Jahre sind viele KünstlerInnen aus anderen Ländern zugezogen. Doch manchmal hapert es noch an der Sichtbarkeit der Künstler. Nicht alle sind in Galerien vertreten, und so werden sie zu wenig wahrgenommen. Ich würde mir wünschen, es gäbe auch kleinere Institutionen, wo diese Künstler ausstellen könnten.

Es hat eine Zeit gegeben, zu der sehr viele österreichische Künstler auf den Biennalen vertreten waren, die dennoch erst spät Karriere machten: wie Maria Lassnig oder Franz West. Gerade in den Jahren zwischen dem Beginn der künstlerischen Karriere und dieser späteren Zeit sind Künstler im eigenen Land oft zu wenig sichtbar.

In einem Interview kritisierte Elisabeth Thoman kürzlich das Verhältnis zwischen Kunstproduktion/-präsentation und journalistischer Rezeption in Wien. Sie bemängelte konkret die Quantität von Ausstellungsbesprechungen und -kritiken. Würdest du Frau Thoman zustimmen oder wie beurteilest du die gegenwärtige Situation?

Es ist sehr schwer heute noch Aufmerksamkeit zu generieren. Das Angebot an Bildender Kunst ist viel dichter und breiter geworden in den letzten zwanzig Jahren. Man würde sich daher wünschen, dass die Galeriearbeit wieder präziser – und auch häufiger – rezipiert wird. Ohne dass es immer in eine Ausstellungsbesprechung münden muss… Meine Vorgänger-Generation von Galeristen kümmert sich seit zwanzig, dreißig oder sogar vierzig Jahren nachhaltig um den Standort und die Galerieprogramme. Diese Nachhaltigkeit sollte öfters Gehör finden.

Das künstlerische Potenzial in Wien ist international nicht so sichtbar, wie es vielleicht sein könnte. Woran könnte das liegen? Welche Maßnahmen wären denkbar, oder notwendig, um Wien international besser zu positionieren?

Um international Aufmerksamkeit zu generieren ist es wichtig, dass die Galerien wie auch die Institutionen ein sehr gutes Programm zeigen. Auch ist wichtig, nach wie vor international eine Zusammenarbeit zu suchen. Ich mache immer wieder Projekte im Austausch mit anderen Galerien aus Berlin, Paris oder Neapel. Im November wird es eine Ausstellung meines Programms in Los Angeles geben. Das Gleiche gilt für die Institutionen: Es geht nicht nur darum, bei einem lokalen Publikum Aufmerksamkeit zu erregen, sondern österreichische Künstler auch international zu zeigen. Ausstellungen, die wandern, sind da eine Möglichkeit.

Für mich und meine Kollegen ist es wichtig, dass man ab und zu mehr an einem Strang zieht. Dass man untereinander hart diskutiert ist wichtig – so soll es auch sein. Dennoch sollte man das Positive immer in den Mittelpunkt stellen. Denn Wien als Kunststandort hat international nur eine Chance, wenn man sich inhaltlich auf einige wenige aber inhaltlich starke Projekte konzentriert.

Die Kunstwelt braucht neue Galerien, sagte Beat Raeber Anfang des Jahres in einem Interview. Das trifft einen empfindlichen Punkt in Wien, rücken doch nur mehr wenige junge Galeristen nach. Worin siehst du die Ursachen?

Einerseits wird der Beruf der Galeristin oder des Galeristen überschätzt, andererseits wird es zeitgleich unterschätzt. Denn es gibt ein breites Aufgabenspektrum. Es ist aber auch eine Frage danach, wie die Tätigkeit nach außen kommuniziert wird: Vielleicht fühlen sich einige, die durchaus Interesse hätten, abgeschreckt. Schließlich wurde in Wien ja auch das Jammern erfunden!

In Wien gibt es jedenfalls einige tolle Projekträume. Ich würde mir wünschen, dass der Eine oder Andere sich dazu entschließt, eine Galerie zu eröffnen. Weil es die Struktur der Stadt bereichern würde!

Was würdest du jungen, angehenden Galeristen raten? Und inwieweit könnte man sie – neben finanziellen Förderungen – auch auf kollegialer Ebene fördern und/ oder unterstützen?

Was ist eine Förderung? Es gibt Förderungen, um an Messen teilnehmen zu können. Oder Förderungen, damit aus Galerien Ankäufe getätigt werden können. Wenn man eine Galerie gründet, sollte keine Förderung im Mittelpunkt stehen, sondern einfach die Leidenschaft und das künstlerische Programm, das man verfolgt. Als Galerist – auch der älteren Generation – sollte man immer Offenheit signalisieren, um den Kollegen zu helfen und für Auskünfte zur Verfügung zu stehen. Statt Probleme in den Mittelpunkt zu stellen, geht es doch mehr um die kulturelle Vielfalt, die die Stadt bietet und vor allem um diese unglaubliche Intensität in der Auseinandersetzung mit KünstlerInnen wie auch mit Sammlern. Es ist eine sehr grundsätzliche Entscheidung eine Galerie zu führen, und man braucht einen langen Atem.

Der Kunstkritiker Jerry Saltz schrieb über den drohenden Tod von Galerieausstellungen. In Zeiten, in denen sich das Geschäft zunehmend auf Online Plattformen verlagert und die Auktionen immer mehr an Bedeutung gewinnen, stellt sich tatsächlich die Frage, wie wichtig Ausstellungen in Galerien heute noch sind

Ich glaube schon, dass wir eine gefährdete Spezies sind. Jerry Saltz schrieb auch, dass die Galeristen die größten Visionäre seien im Kunstbetrieb. Vielleicht ist es ja das Schicksal der Visionäre, dass sie aussterben. Doch Galerieausstellungen machen die zeitgenössische Kunstproduktion in einer Dichte sichtbar, die keine Institution leisten kann. Wenn man in Wien die Ausstellungsflächen der Galerien addieren würde, kämen einige tausend Quadratmeter zusammen, die alle aus eigenen Kraft finanziert werden. Eine große Fläche, die Künstlern immer wieder die Möglichkeit bietet, in einem aktuellen Kontext gesehen zu werden. Dieses Wissen darüber würde ich mir als Selbstverständlichkeit wünschen.

Nicht nur der Auktionsmarkt gewinnt stetig an Bedeutung, auch die diversen Internetplattformen wie Artsy sind zu einem unverzichtbaren Werkzeug einer jeden Galerie geworden. Die Veränderungen des Kunstmarktes wirken sich auch zunehmend auf die Arbeit der Galerien aus. Wie bleibt man da konkurrenzfähig?

Bei der Analyse ist wichtig, dass man realistisch bleibt. Man entwickelt sich eben in eine Richtung, in der solche Plattformen wichtig sind und man mit den Kuratoren oder Sammlern eher per email in Kontakt steht. Doch der Vergleich könnte auch so aussehen: Jemand der Bücher schätzt kauft vielleicht auf amazon ein. Dennoch wird er oder sie auch regelmäßig die Lieblingsbuchhandlung besuchen oder ein Antiquariat bei einer Reise nach Paris.

Man muss das eigene Geschäftsmodell anpassen. Das Schwierigste ist jedoch nach wie vor am eigenen Standort eine Community zu schaffen: Menschen, die regelmäßig in die Galerie kommen, die Ausstellungen besuchen und das Gespräch suchen. Ich glaube an die Aura des Galerieraums. Auch für die Künstler stellt es jedes Mal eine Herausforderung dar. Die reale Begegnung in der Galerie ist etwas, was nicht verschwinden wird.

Wird das Modell Galerie in zehn Jahren noch so sein wie heute oder erwartest du eine grundlegende Veränderung?

Es wird sich verändern, aber ich glaube, dass wir das Modell nur in einem gewissen Sinne adaptieren. Die Begegnung ist wichtig. Nicht nur als sozialer Ort, sondern auch als künstlerische Intervention. Auch wenn das Geschäft zunehmend auf das Internet verlagert wird: Der Künstler wird nicht fürs Internet Ausstellungen konzipieren. Er wird zwar mit dem Internet arbeiten, aber die Ausstellungen werden weiterhin in Galerieräumen stattfinden.

 

 

 

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