Beatriz Colomina

23.09.14

Foto: Ana Nance 

Architektur aus der Multiperspektive

Die 56-jährige Architekturtheoretikerin wurde in Madrid geboren und lehrt seit 1988 an der „School of Architecture“/Universität Princetown. Dort gründete sie den Lehrgang „Media and Modernity“. Beatriz Colomina arbeitet vor allem an der Schnittstelle von Architektur und Medien, sie untersucht Architektur in Zusammenhang mit sozialen, künstlerischen, historischen, philosophischen oder politischen Fragestellungen. Diese offene, interdisziplinäre Sichtweise und die Erforschung von sozialen Räumen aus allgemein unüblichen Perspektiven wie Sexualität, Krankheit, Krieg oder Werbung machen Colomina zu einer der international gefragtesten Vortragenden. Für die aktuelle Ausgabe von „curated by“ wurde sie eingeladen, ein Thema aus dem Komplex Kunst und Architektur zu definieren.

The Century of the Bed

„Einer heute wahrscheinlich überholten Schätzung folgend, berichtete das Wall Street Journal im Jahr 2012, dass 80% aller jungen New Yorker Berufstätigen regelmäßig vom Bett aus arbeiten“, so die Architekturtheoretikerin Beatriz Colomina in ihrem Aufsatz „The Century Of The Bed“. Welche Auswirkungen hat diese neue Arbeitsweise, in der weder Bürohaus, noch Arbeitszimmer, noch Schreibtisch notwendig sind, auf unser Leben und unsere Umgebung? Während es in vor-digitalen Zeiten noch möglich war, Arbeit und Freizeit, Leistung und Ruhezeiten weitgehend räumlich zu trennen, ist man heute ständig erreichbar und online. Inspiriert von dem Artikel im „Wall Street Journal“ verpackte die Kuratorin ihre Fragestellung in einen Aufsatz mit dem Titel „The Century Of The Bed“ und entwickelte daraus das Thema für curated by_vienna 2014.

„Das gesamte Universum konzentriert sich auf einen kleinen Schirm und das Bett treibt in einem unendlichen Meer von Information. Sich hinlegen heißt nicht mehr, zur Ruhe kommen, sondern sich bewegen“, schreibt Colomina. Die Nachteile dieses neuen unendlichen Arbeitsraums liegen auf der Hand: das Bett, das früher das Gegenteil von Anstrengung waren, wird heute für viele Berufsgruppen zum Zentrum davon. „Zwischen dem im Büro installierten Bett und dem im Bett installierten Büro hat sich eine eigene horizontale Architektur breitgemacht“, so die Kuratorin. Verstärkt würde diese durch die „flachen“ Netzwerke der Social-Media, die ihrerseits den Zusammenbruch traditioneller Unterscheidungen wie Privat und Öffentlich forcieren. Nach Colomina kreiert jedes neue Medium auch neue Architektur, so ist die moderne Architektur des frühen 20. Jahrhunderts untrennbar mit Fotografie, Film, Radio und Magazinen verbunden. Auch unsere Social-Media Umgebung designt die Stadt völlig um, wir bewohnen zunehmend hybride Räume, physisch und elektronisch.

„Wie ist es also um die Architektur und Interieurs dieser neuen Räume bestellt? Wie sieht die Architektur dieses Gefängnisses aus, in dem es zwischen Nacht und Tag, Arbeit und Spiel keinen Unterschied mehr gibt und wir permanent unter Aufsicht sind, obgleich wir in der Kontrollkabine schlafen?“, fragt Colomina. Wie die Kuratoren und Künstler diese Fragestellung umsetzen, formuliert sie am Ende ihres Textes sehr offen: von Hugh Hefners rundem Playboy-Bett, über Jane Fondas pelzgefütterte Raumblase, Freuds Diwan bis zu Adolf Loos’ Schlafzimmer für seine Frau Lina ist jede Fantasie möglich und erwünscht. „Der Punkt dieses Projekts ist doch: man stellt eine Frage und wird von der Antwort überrascht werden. Vielleicht kommt heraus, dass wir heute eigentlich gar nicht mehr genau wissen, was das Bett ist, weil es durch einen so starken Veränderungsprozess geht. Da sollen sich jetzt einige sehr kreative Leute den Kopf darüber zerbrechen.“