Anna-Lena Wenzel

15.12.17
Anna-Lena Wenzel während eines Vortrags an der Zürcher Hochschule der Künste, Foto: Janina Krepart

Titelbild: Anna-Lena Wenzel während eines Vortrags an der Zürcher Hochschule der Künste, Foto: Janina Krepart

Die Autorin und Publizistin Dr. Anna-Lena Wenzel ist zurzeit für ein dreiwöchiges Critic-in-Residence Programm in Wien. Das Stipendium ist eine Kooperation von studio das weisse haus und PARNASS. Wir haben sie in der Redaktion zu einem Gespräch getroffen.

 

Wie würdest du dich unseren Lesern vorstellen, beziehungsweise deinen Background beschreiben?

Mittlerweile bezeichne ich mich als Autorin, weil ich verschiedene Arten von Texten schreibe und auch publiziere. Das beinhaltet u.a. die redaktionelle Arbeit, die ich für den Online Blog „99% Urban“ mache und verschiedenen Texte, die ich als Kunstkritikerin für Print- und Onlineformate wie „vonhundert“ und weitere Magazine schreibe. Weil man damit aber nicht seinen Lebensunterhalt bestreiten kann, gibt es verschiedene andere Jobs mit denen ich mein Geld verdiene, die aber größtenteils auch mit dem Kunstfeld und dem Schreiben zu tun haben. Darüber bin ich sehr froh, da ich so in neue Situationen gerate, die mich veranlassen auf unterschiedliche Art über Kunst nachzudenken, zu sprechen und neue Zugänge zur Kunst zu bekommen. Das ist eine sehr fruchtbare Situation. Als Kulturwissenschaftlerin hatte ich bereits einen interdisziplinären Zugang. Während des Studiums habe ich mich aber auf den Bereich Kunsttheorie fokussiert. Nach meiner Promotion zu Grenzüberschreitungen in der Gegenwartskunst musste ich den theoretischen Ballast zu einem gewissen Grad wieder abwerfen, um zu einem Schreiben zu kommen, das offener, also weniger akademisch ist, aber dafür mehr Position bezieht.

 

Kamst du während und durch das Studium auch zum Donnerstag-Blog?

Das war kurz nach dem Studium etwa um das Jahr 2010 rum. Ich wohnte in Hamburg und lernte dort Steffen Zillig kennen, der den Blog kurz zuvor zusammen mit Dominic Osterried gegründet hatte. Relativ schnell bin ich in dann in den redaktionellen Bereich des Projekts eingestiegen und habe regelmäßig Beiträge unter einem Pseudonym veröffentlicht.

 

Das Schreiben unter Pseudonymen zeichnete den Donnerstag-Blog aus. Wie würdest du rückblickend die Vorteile und Nachteile dieser anonymen Kunstkritik bewerten?

Der Vorteil lag für mich darin, dass ich mich etwas verstecken konnte, weil ich etwas schüchtern war und es herausfordernd fand meine Meinung öffentlich zu machen und mir Raum zu nehmen. Ich habe aber kontinuierlich geschrieben und es gab ein Bedürfnis danach, das, was ich da produziert habe, irgendwo hinzubringen. Inzwischen weiß ich die Anonymität mehr zu schätzen, wenn ich über Personen, Institutionen und Netzwerke schreibe, die ich kenne und von denen ich Teil bin. Es erlaubt mir Verbindungen und Hintergrundinformationen zu nennen, die sonst nicht öffentlich geäußert werden könnten. Das heißt nicht, dass ich mich nicht auch unter meinem Namen traue kritisch zu sein, was ich erst vor kurzem in einem Artikel gemacht habe, als ich den Kritiker Raimar Stange und den Leiter des Hauses am Lützowplatz Marc Wellmann offen kritisiert habe.

 

Gab es Reaktionen auf euren Blog?

Ja und nein. Es gab einige Reaktionen in Form von Leserbriefen, die zum Teil in kontroverse Diskussionen mündeten. Aber nicht für mich persönlich, denn damals kannte uns ja wirklich niemand. Mein Pseudonym ist auch nicht bekannt, aber ich sage inzwischen, dass ich für den Donnerstag-Blog gearbeitet habe und Teil der Gruppe hinter dem Blog war. Zwar haben Stefan Zillig und Dominic Osterried inzwischen offengelegt, dass sie den Blog gemacht haben, allerdings wurden die Pseudonyme nicht aufgelöst. Es freut einen daher umso mehr, wenn Leute einem plötzlich sagen, dass Sie den Blog verfolgt haben und er ihnen bekannt ist. Wir hatten zwar ab und zu Leserbriefe bekommen und interessanterweise ab einem Punkt auch Pressemitteilungen von Galerien. Auf diesem Weg hat man schon gespürt, dass es eine Verbreitung gab.

 

Die Reaktionen kamen ja zum Teil auch direkt von den Künstlern wie zum Beispiel von Florian Pumhösl.

Ja, aber es schien so, dass sehr viele auch dankbar dafür waren, dass sich jemand ganz offen, direkt, kritisch und ehrlich mit den Sachen beschäftigt, und es tatsächlich auch so wahrgenommen wurde, dass wir es ernst meinen. Es ging weniger darum jemanden, ich sag jetzt mal ans Bein zu pinkeln, als darum bestimmte Strukturen offen zu legen und Abhängigkeiten sichtbar zu machen. Das finde ich weiterhin wichtig zu hinterfragen: Warum wird jemand bei den 100 wichtigsten Menschen in Monopol genannt? Warum werden bestimmte Künstler gehypt und andere nicht?

 

Warum hat der Blog seine Arbeit eingestellt?

Weil die Kapazitäten nicht ausreichten, um den Anspruch, den wir an die eigene Arbeit hatten, aufrecht zu erhalten.

 

Wie würdest du den aktuellen Stand der Kunstkritik beschreiben?

Schwierig. Aus meiner eigenen Praxis kann ich nur berichten, dass Kunstkritik, wie ich sie betreibe (das heißt, man guckt viel Kunst, bewegt sich im Kunstfeld und lässt sich entweder im positiven oder negativen Sinne dazu verleiten über etwas zu schreiben und hat dabei formale Freiheiten), nur unbezahlt stattfindet. Die Kritik, die man im Feuilleton liest, ist oft Kunstmarktberichterstattung und immer seltener eine Kritik. Zwar gibt es Magazine wie Texte zur Kunst, Springerin oder Kunstforum International, die einen festen Stand haben und Raum für verschiedene (kritische und künstlerische) Schreibweisen über Kunst bieten, aber auf eine Art bedienen sie (akademische) Nischen. Magazine wie beispielsweise PARNASS, art, Weltkunst oder Monopol, die auflagenstärker sind, wenden sich stärker an ein Sammlerpublikum und sind abhängiger von Anzeigen und Veröffentlichungsrhythmen, die es erschweren, klassische kritische Ausstellungsrezensionen zu veröffentlichen.

Die Möglichkeit relativ kostengünstig online eigene Formate zu entwickeln, hat dazu geführt, dass gleichzeitig immer wieder neue Formate entstehen, wie HARTIKEL, KubaParis oder brand-new-life, ich sehe also nicht allzu schwarz für die Kunstkritik. Entscheidend ist der Enthusiasmus für die Sache.

 

Was macht für dich dann die gelungene Kunstkritik aus?

Meiner Meinung nach ist das relativ. Es gibt unglaublich viele Möglichkeiten Kunst zu bewerten nach unterschiedlichen Kriterien. Ich glaube es ist entscheidend, dass man die Kriterien im eigenen Text offenlegt und dadurch nachvollziehbar macht, weshalb man etwas gut oder schlecht findet. Um diese Kriterien haben wir in der Redaktion des Donnerstag-Blogs immer viel gerungen. Das war viel Arbeit, aber die ist enorm wichtig, weil es die eigene Position und Haltung schärft. Wenn es uns gelungen ist, Diskussionen und Kontroversen anzuregen, dann haben wir was erreicht.

Titelbild: Anna-Lena Wenzel während eines Vortrags an der Zürcher Hochschule der Künste, Foto: Janina Krepart

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