viennacontemporary – Zeitgenössische Kunst aus Ex-Jugoslawien und Albanien im Fokus

22.09.16

Die albanischen Kuratorin und Schriftstellerin Adela Demetja kuratiert den diesjährigen Länderfokus auf der viennacontemporary. Ein Bericht von Angelika Seebacher.

An den gravierenden Veränderungen der letzten Jahrzehnte in den jugoslawischen Nachfolgestaaten und Albanien sowie der anhaltenden Finanzkrise in dieser Region hat die Kunst- und Kulturszene besonders gelitten. Für viele Jahre – auch vor den 1990ern – war der Kunstmarkt hier schlichtweg inexistent. Staatliche Kunstinstitutionen haben es auch heute noch nicht ganz geschafft, sich in für Künstler und Öffentlichkeit attraktive und konkurrenzfähige Einrichtungen weiterzuentwickeln. Dafür gibt es jedoch eine Reihe von jungen, unabhängigen Kunsträumen, die befreit vom Ballast der militärisch geprägten 1990er-Jahre der zeitgenössischen Kunstszene dieser Region als Schauplätze dienen. Sie bringen eine neue, ambitionierte Dynamik mit sich sowie Zuversicht, die Stärke und das Potenzial der jungen Künstlergeneration neu beleben zu können. Dabei spielen sie eine bedeutende Rolle bei der Etablierung eines zeitgenössisch bildenden Kunstsystems in dieser Region und dessen Vermittlung über die Grenzen hinaus.

Slowenien und Kroatien etwa sind bereits seit Längerem erfolgreich am internationalen Kunstmarkt präsent. In anderen Ländern (vor allem Albanien, Kosovo, Bosnien und Herzegowina) gibt es diesbezüglich noch Aufholbedarf, wobei Priština erst kürzlich eine Vorreiterrolle übernahm: Mit LambdaLambdaLambda eröffnete hier im Jänner 2015 die erste kommerzielle Galerie für zeitgenössische Kunst im Kosovo – betrieben von zwei Wienerinnen, Isabella Ritter und Katharina Schendl. „Es gibt die Tendenz, dass viele Leute, die in der Region aufgewachsen sind, aber im Westen studiert haben, Lust haben, wieder zurückzukommen“, erzählt Ritter. „Die Kunstszene ist nicht mehr repräsentativ für den Umschwung, der stattgefunden hat. Es fehlt der Anknüpfungspunkt an die Globalisierung.“ Eben hier möchten die beiden Galeristinnen mit ihrem Programm ansetzen: kosovarische Künstler – wie zum Beispiel Flaka Haliti, die 2015 bei der Kunstbiennale in Venedig den kosovarischen Pavillon gestaltete – mit internationalen zusammenbringen, um so den Austausch zu fördern. Ihre Teilnahme als Neuzugang an der Liste Basel 2016 war bereits ein wichtiger Schritt in diese Richtung. Auch in Albanien gibt es in dieser Hinsicht positive Veränderungen. So avancierte das unter anderem von der albanischen Kuratorin und Schriftstellerin Adela Demetja betriebene Tirana Art Lab seit 2010 zum Hauptorganisator vieler kultureller Veranstaltungen und fördert junge Künstler aus der Region mittels Künstleraufenthaltsprogrammen, Ausstellungen, Workshops, Performances, Lesungen und Talks.

Demetja kuratiert heuer auch die diesjährige Sonderschau „Focus: Ex-Yugoslavia and Albania“ bei der viennacontemporary. Gezeigt wird eine Auswahl zeitgenössischer Kunst aus den betreffenden Ländern, repräsentiert unter anderem durch Institutionen wie Apoteka Space for Contemporary Art aus Kroatien, Galerija Alkatraz aus Slowenien, Serious Interests Agency aus Mazedonien, Šok Zadruga aus Serbien sowie das bereits erwähnte Tirana Art Lab – Center for Contemporary Art aus Albanien. „Was aktuelle Entwicklungen der zeitgenössischen Kunst in dieser Region angeht, hat jedes Land seine eigene Dynamik“, so Demetja. Die hier produzierte, sehr engagierte Kunst ist eng mit den Konditionen, unter denen sie entsteht, verbunden, wie etwa sozialen und politischen Faktoren. Schwierigkeiten stellen hierbei vor allem fehlende oder falsche Kulturpolitik und Finanzierung sowie fehlende oder veraltete Strukturen dar. Ebenso verlassen auch viele junge Künstler, Kuratoren und Experten oft ihr Land verlassen, um woanders zu leben und zu arbeiten.“ 

Die nach den 1990er-Jahren wiederentdeckte Region diente oft als Projektionsfläche für verschiedene Vorstellungen, verbunden mit teilweise falschen oder mit bestimmten Vorurteilen. Gerade in den letzten Jahren hat diesbezüglich ein sehr kritischer Umgang mit äußeren Einflüssen stattgefunden. „Die Region und auch ihre Kunst wurden nicht selten als etwas ,Exotisches‘ angesehen und leider oftmals nur durch diesen Blick wahrgenommen. Künstler und Kunstinitiativen vor Ort stehen dieser Lesart mittlerweile kritisch gegenüber und lassen sich auch immer weniger vom ,Blick von außen‘ definieren“, so Demetja.  „Ich glaube, dass Künstler aus dieser Region viel erlebt haben und daher auch viel erzählen können. Was sie brauchen, ist ein stärkeres Selbstbewusstsein und der Mut, so zu sein, wie sie sind.“

http://www.tiranaartlab.org

http://www.lambdalambdalambda.org

http://apoteka-project-space.tumblr.com

http://galerijalkatraz.org

http://www.seriousinterests.co.uk

https://sokzadruga.com

 

 

 

 

 

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