Turin gehört in jeden Messekalender – ein Messebericht sowie eine Übersicht über die interessantesten Ausstellungen der Stadt von Sabrina Möller

10.11.16

Ob Basel, Hongkong oder Miami — Überraschungen und Neuentdeckungen haben für Kenner auf den meisten Messen Seltenheitscharakter. Und das nicht zuletzt, weil die Galeristen bei großen, teuren und damit risikoreichen Messen auf altbewährte Positionen und aktuelle Spitzenreiter setzen. Anders ist die Artissima in Turin — und das macht sie für viele Sammler und Kritiker zu einem der Highlights im alljährlichen Messekalender. Die Messe schafft es jedes Jahr wieder ein konsequent hohes Level mit vielen jungen, aber auch etablierten Positionen zu präsentierten. So auch in diesem Jahr.

Für Galerien ist die Messe nicht nur aufgrund ihrer niedrigen Preise spannend — für Neueinsteiger gibt es bereits Stände ab 6.500 EUR — und es ist auch der Verdienst der 54 Kuratoren, die sowohl in den einzelnen Sektionen mit den Galerien arbeiten, als auch in den Jurys der insgesamt sieben Preise vertreten sind. Darunter u.a. Daniel Baumann (Direktor, Kunsthalle Zürich) und Anne Faucheret (Kuratorin, Kunsthalle Wien). Das mag auch ein Grund für die teils wagemutigen Standkonzeptionen zu sein, denn die Verkäufe sind in Turin für viele Galerien eher zweitrangig — wohl auch, weil diese auf anderen Messen wesentlich berauschender sind. In Turin geht es ums Netzwerken. Da passt es auch ganz gut, dass Sammler aus 75 Ländern anreisten, davon besonders viele aus Lateinamerika.

Die Artissima ist die Messe der Innovationen, die vielerorts — auch in Basel — immer wieder kopiert werden. Ob ihr frühzeitig etabliertes Programm von Performances oder die „back to the future“-Sektion. Die Messeleiterin Sarah Cosulich hat in den letzten Jahren einen beachtlichen Job hingelegt. Nun will das EU-Recht, dass ihre Stelle als Messeleitung neu ausgeschrieben wird. Ihre Neubewerbung für die Stelle beinhaltet auch einen neuen Projektvorschlag. Bereits im letzten Jahr betonte sie, die Teilnehmerzahl deutlich runtersetzen zu wollen. Dennoch waren es wieder knapp 200 Galerien in diesem Jahr. Warum nur? Auf die Nachfrage erwidert Cosulich, dass die Teilnehmerzahl an den jeweiligen Messeort gebunden ist. So kann man vermuten, dass ihr Projektvorschlag auch einen neuen Standort für die Artissima im kommenden Jahr einschließt.

Doch nun zu den Highlights und auch jenen Wiener Galerien, die in diesem Jahr vertreten, oder nicht vertreten waren. Waren letztes Jahr noch Emanuel Layr, die Galerie Thoman, Martin Janda und Andreas Huber (der seine Galerie vorerst geschlossen hat) dabei, hat sich die Anzahl der Wiener Galerien zunächst einmal verringert. Die Galerie Unttld, die im letzten Jahr erstmalig auf der Artissima in der Sektion „back to the future“ ausstellte, ist auch in diesem Jahr dabei: dieses Mal allerdings in der Sektion „present future“ mit Arbeiten von Paul Leitner, dessen Arbeit von physikalischen Fragestellungen und einer unglaublichen Präzision geprägt sind. Neu dabei in diesem Jahr ist auch die Galerie Nathalie Halgand, die mit Jumpei Shimada eine der stärksten Standkonzepte zeigte. Shimada thematisiert in seiner Installation das Thema Zeit: mit überdimensionalen Sanduhren aus Holz, Uhren an der Wand und einer leeren Tasse mit Kaffeerändern auf einer Wolke aus Puzzleteilen. Außerdem waren die Wiener Galerien Charim, Georg Kargl, Christine König und Hubert Winter vertreten.

Galerie Mendes Wood  – São Paulo

 Der wohl interessanteste Stand der  
 Messe wurde von der Galerie Mendes
 Wood aus São Paulo präsentiert. Der
 Stand wurde als geschlossener Cube
 konzipiert, in den man durch einen
 Vorhang hindurch eintrat. Die
 Einzelpräsentation von Paulo Nimer Pjota
 
kombiniert frei stehende und an der  
 Wand hängende Objekten und Malereien,
 die von banalen Alltagsformen bis hin zu
 Figurationen reichen. Verschiedene
 Stoffe und Formen treffen dabei
 aufeinander und lassen den Betrachter in
 eine andere Welt eintauchen.
Gallery Mendes Wood at Artissima 2016 (© Gallery Mendes Wood)
Gavin  Browns Enterprise (NY) zeigte auf seinem Stand eine große Wandinstallation von Laura Owens. Eine Tapete aus unterschiedlichen, computer-generierten schwarz-weißen Mustern wird mit Malerei auf der Tapete und gehängten Malereien kombiniert. Erst aus näherer Distanz lässt sich erkennen, welche Elemente computergeneriert und welche nachträglich hinzufügt wurden. Auch spannend war die Präsentation der Werke von Nazgol Ansarinia von der Green Art Gallery (Dubai) und Raffaella Cortese (Mailand). Die Fold Gallery (London), die auf der viennacontemporary erst kürzlich den Preis für den besten international Stand erhielt, konnte auch hier überzeugen: u.a. mit einer Arbeit von Simon Callery.

Doch nicht nur die Messe hat es in sich — Turin als Standort für Gegenwartskunst sollte keineswegs unterschätzt werden. Neben der Fondazione Merz und der Fondazione Sandretto, bringt u.a. auch das Castello di Rivoli spannende Ausstellungen. Hier eine Übersicht.

Flughafen Turin – Thomas Bayrle
Wer in Turin am Flughafen landet, wird mit der Installation von Thomas Bayrle konfrontiert, die er — kuratiert von Sarah Cosulich — in der Baggage Claim Area nahe dem Gepäckband installiert hat. Bayrle konzipierte seine Installation „Flying Home“ als eine Art Entschleunigungsmaschinerie, die an einem Flughafen zunächst irritieren und das Tempo für einen Moment verlangsamen soll. Zwischen dem Ausgang und dem Gepäckband sind im Raum 14 riesige Leuchtkästen positioniert, in denen er eine Serie von Fotografien präsentiert. Die Werke basieren auf der Arbeit „Flugzeug“ von 1984 — eine Fotocollage, in der sich aus knapp 3.780 keinen Flugzeugen ein riesiges ergibt. Während Bayrle seine Installation als „brutalen Eingriff“ versteht, fügt sich die Installation vielmehr in die Werbeästhetik der Leuchtreklamen, die beidseitig parallel an den Wänden am Flughafen verlaufen, ein. Brutal schaut anders aus.

P.S.: Besuchen lässt sich die Ausstellung auch ohne gültiges Flugticket — an bestimmten Terminen. Eines gilt jedoch selbst am Eröffnungsabend: Die Schuhe müssen bei der Kontrolle auf alle Fälle ausgezogen werden.

Datum: bis 28. Mai 2017
www.artissima.it/site/flying-home

CASTELLO DI RIVOLI – Ed Atkins und Wael Shawky
Wer in Turin ist, sollte sich keineswegs das Castello di Rivoli, das im gleichnamigen Ort auf einer Anhöhe vor Turin liegt, entgehen lassen. Das Museum für zeitgenössische Kunst ist nicht nur aufgrund seiner Architektur — die auf antiken Grundmauern aufbaut — und seinem Blick über Turin einen Ausflug wert. Neben der Sammlung, zeigt das Castello di Rivoli aktuell Einzelausstellungen von Ed Atkins und Wael Shawky, den jeweils auch eine Einzelausstellung in der Fondazione Merz (Shawky) und Fondazione Sandretto (Aktins) gewidmet wurde.

Wael Shawky
Im Castello di Rivoli präsentiert Wael Shawky (*1971, Alexandria, Ägypten) seine Marionetten, die bis vor kurzem noch in seiner Einzelausstellung im Kunsthaus Bregenz zu sehen waren. Seine Installation greift formal die Architektur des Castellos auf — rosafarbene Burgkonstruktionen stehen mitten im Raum und lassen nur kleine Passagen zu den Wänden frei. Innerhalb dieser kleinen Architekturen präsentiert Shawky die Video-Serie „Cabaret Crusades“ ein Marionettentheater, das die Geschichte der Kreuzzüge aus arabischer Perspektive erzählt. Am Ende Raumes wird ein drittes Video der Serie gezeigt: die Besucher nehmen hier auf historisch anmutenden Gebetsbänken Platz. Die Videos könnten kaum aktueller sein — in Zeiten von Terror und Flüchtlingswellen erinnern sie uns nicht nur an die Geschichte, sondern auch an die anhaltenden Konflikte zwischen Religionen und Kulturen.

Datum: bis 05. Februar 2017
www.castellodirivoli.org

Shawky in der Fondazione Merz
Neben seiner Ausstellung im Castello di Rivoli präsentiert Shawky die Einzelausstellung „Al Araba Al Madfuna“ in der Fondazione Merz.

Datum: bis 05. Februar 2017
www.fondazionemerz.org

Ed Atkins
 Die computergenerierten Animationen und Videos von Ed Atkins (*1982
 Oxford, UK) sind nicht nur aufgrund ihrer Dimension raumfüllend. Perfekt
 ausgerichtete Sounds nehmen den Betrachter völlig ein — und Atkins
 kombiniert das Hauptvideo intelligent mit kleineren Arbeiten im Raum, die
 spannende neue Perspektiven der Videobetrachtung ermöglichen. Teils über
 mehrere Screens zugleich, eng hintereinander im Raum angeordnet. Die
 Arbeiten sind voller Referenzen auf technologische Entwicklungen, unsere
 gegenwärtige Kommunikationskultur, Smartphones und Dinge, die vielleicht
 erst noch kommen werden.  
Ed Atkins: Safe Conduct, 2016, Three channel HD film with 5.1 surround sound, 9 minutes 4 seconds
(Courtesy: by the artists and Cabinet, London) 

Datum: bis 29. Januar 2017
www.castellodirivoli.org

FONDAZIONE SANDRETTO RE REBAUDENGO
Ed Atkins, Josh Kline und Harun Farocki

In der Fondazione Sandretto werden gleich drei kleinere Ausstellungen präsentiert: Neben Ed Atkins (bis 29. Januar 2017) wird die Ausstellung „Unemployment“ von Josh Kline und Werke von Harun Farocki gezeigt.

Josh Kline
Es ist die erste Einzelausstellung von Josh Kline (*1979, US) in Italien und sie schließt an eine Reihe vorheriger an, in denen er ökonomische und kulturelle Themen kritisch reflektiert. „Unemployment“ ist das letzte Kapitel und wagt einen Blick auf ein mögliches 2030: Was passiert mit der Mittelklasse, wenn wir aufgrund technologischer Entwicklungen bis dahin all unsere Jobs verloren haben? Schaut man sich die Ausstellung an, wirkt es nicht sonderlich verlockend: 3D-Drucke von Menschen, verpackt in Plastik-Säcken, liegen irgendwo in den Ecken des Ausstellungsraumes herum. Aussortiert. Nutzlos. Und ganz schön plakativ. In seinem Video hingegen geht er der Frage nach, wie Welt ausschauen könnte, wenn niemand arbeiten müsste, es ein allgemeines Grundeinkommen gäbe, und man arbeiten darf — wenn man nur will. Mehr Zeit für die Familie, mehr Zeit für Hobbys und Selbstverwirklichung. Was in dem Video idealisiert wird, ist nicht mehr als ein schlechter, nicht-realer und vielleicht (oder hoffentlich) von Ironie geprägter Werbefilm. Oder wer arbeitet dann freiwillig auf dem Feld? Wer macht freiwillig lange Schichten im Krankenhaus? Oder putzt die Toiletten anderer Leute? Anyone?

Datum: 12. Februar 2017
www.fsrr.org

Camera Gallery – Ai Weiwei
„Around Ai Weiwei“ in Turins Camera Gallery zeigt Fotografien von Ai Weiwei aus den Jahren 1983–2016. Die Werke sind chronologisch angeordnet: von seiner Zeit in New York in Schwarz-Weiß, über Reisen nach China mit vom Urbanismus geprägten Fotografien aus Beijing. Die früheren Werke kontrastieren mit dem, was wir aktuell von Ai Weiwei täglich via Instagram sehen: die schonungslose Wahrheit über die Flüchtlingssituation.

Datum: bis 12. Februar 2017
www.camera.to

 

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