Neue Räume für die Kunst

03.04.17
Nick Treadwell Gallery, Ausstellungsansicht, © Nick Treadwell

Abseits der Repräsentationskultur des Staates mit hochsubventionierten Theater- und Opernhäusern sowie den großen Museen des Bundes und der Stadt Wien entstehen in Wien seit einiger Zeit beachtenswerte alternative Ausstellungsplattformen für Gegenwartskunst. Ihr Erfolg beruht auf privater Initiative und individuellem Engagement. Meist erhalten sie keine oder nur sehr geringe Unterstützung von Seiten der öffentlichen Hand. Kulturminister Thomas Drozda hat im Sommer 2016 den New Deal der Regierung auch für die bildende Kunst angekündigt und damit die Hoffnung auf eine Umgestaltung der bestehenden Strukturen sowie eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen von zeitgenössischen Kulturschaffenden geweckt. Er kündigte einen "ganz klaren Fokus auf zeitgenössisches Kunst- und Kulturschaffen" an. Das würde auch einschneidende Maßnahmen im Bereich der Ausstellungsplattformen, eine maßgebliche Umstrukturierung des Kulturbudgets und insbesondere eine substanzielle Förderung innovativer Kunsträume implizieren. Das künstlerische Potenzial in Österreich und die individuelle Leidenschaft sind dafür Grundvoraussetzungen, die zur Genüge vorhanden sind. Doch um die Kunst und die musealen Institutionen weiterzuentwickeln, bedarf es darüber hinaus einer politischen Neugestaltung. In der Folge sollen einige exemplarische alternative Kunstorte vorgestellt werden.

NICK TREADWELL GALLERY

Im September 2016 eröffnete Nick Treadwell seine neue Galerie in einem ehemaligen Industriegebäude im vierten Wiener Gemeindebezirk mit einer Gruppenausstellung über Hieronymus Bosch. In den renovierten und gänzlich rot gestrichenen Räumlichkeiten präsentiert der 1938 geborene Engländer, der mit seinem exzentrischen Aussehen stets für Furore sorgt, 28 internationale Künstler und Künstlerinnen. Ihre Arbeiten wurden fast alle neu für die Schau produziert. Treadwells Sammlung und die Künstler, die er vertritt, hat er zuletzt im sogenannten "Pink Kingdom“, einem ehemaligen Gefängnis und Gerichtshof in Aigen im Mühlkreis, gezeigt. Sein exquisiter Kunstgeschmack, mit dem er schon Irritationen bewirkte, als er noch in England lebte, setzt sich erfrischend vom Mainstream der üblichen Galerien ab. Treadwell nennt die Kunstrichtung, die er propagiert, "Superhumanism", ein Stilmix aus Neuer Sachlichkeit, Pop Art und Surrealismus. Sie beschäftigt sich mit dem Menschen: "I am more interested in people than in art", erklärt er. Nun plant er mit seinen knapp 80 Jahren bereits sein nächstes Projekt, eine Art ­Roadtrip mit Kunst im Truck, die er in Anlehnung an "Nicholas Treadwell’s Mobile Art Gallery" von 1963 durch Stadt und Land touren lassen will, um die Kunst direkt zu den Menschen zu bringen.

www.superhumanism.eu

HELMUTS ART CLUB

Helmuts Art Club wurde von den szeneaffinen Sammlern und Kuratoren Johanna Lakner und Sydney Ogidan erstmalig 2013 ins Leben gerufen. Im Mittelpunkt der parallel zum Kunstmessegeschehen im Herbst stattfindenden Veranstaltungen stehen semiöffentliche Ausstellungen und temporäre Events an charismatischen Orten und verlorenen historischen Plätzen wie dem ehemaligen K.K. Telegrafenamt am Börseplatz (2013), einem Art-déco-Gebäude in der Franzensgasse (2014), der Alten Post in der Dominikanerbastei (2015) und einem Penthouse in der Operngasse (2016). Helmuts Art Club ist der erste alternative Kunstort in Wien, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, neue Wege in der Kunstvermittlung zu beschreiten, Leute aus unterschiedlichen Schichten zusammenzubringen und Netzwerke zu knüpfen: "Ich will der Erste sein, der ein neues Format kreiert", sagt Ogidan. Überzeugen lässt er sich nur von den Künstlern selbst: "Ich möchte das Atelier sehen, die Arbeitsweise, und ich will auch die gesellschaftspolitische Einstellung kennen." Sein Gespür für gute Orte und avantgardistische Ideen hat Ogidan schon beim Black River Festival bewiesen, bei dem er rund 70 Projekte im öffentlichen Raum und ein Graffiti Research Lab realisierte. Helmuts Art Club will die hohe Qualität der österreichischen Kunst international propagieren und erschließt dem in seinem Kunstgeschmack theatral ausgerichteten Wiener Bürgertum ein Soziotop von jungen und etablierten Künstlern, von Erwin Wurm bis Albert Mayr.

www.helmutsclub.com

ONE WORK GALLERY

Eine der wenigen "artist-run galleries", wie der englische Fachausdruck dafür lautet, befindet sich im Herzen der Stadt, am Getreidemarkt. In Sichtverbindung zu den etablierten Galerien der Eschenbachgasse eröffnete der in Palermo geborene Performance-Künstler Salvatore Viviano 2014 die One Work Gallery. Das Konzept ist einfach und prägnant: Der 18 Quadratmeter große Raum und die darin stattfindende Ausstellung können durch die straßenseitig gelegene Fassade aus Glas mit einem einzigen Blick erfasst werden. Da nachts das Licht immer angeschaltet ist, gilt 24/7: One artist, one work, one time. Im Unterschied zum gängigen Galeriebetrieb repräsentiert Viviano, der immer schon auch am Handel mit Kunst interessiert war, einzelne Werke und nicht komplette Port­folios von Künstlern. Inspiriert von Maurizio Cattelans Wrong Gallery in London und Berlin gilt das Prinzip: Weniger ist mehr. Mit seiner Auswahl an jungen Künstlern und Künstlerinnen wie Phi­lipp Fleischmann, Ute Müller, Sarah Pichlkostner und Stefan Reiterer will Viviano im reichen, aber konservativen Wien eine neue Sammlerschaft ansprechen. Wie lange er diesem Konzept treu bleiben wird, ist allerdings fraglich, denn der Künstler/Galerist wechselt seine Obsessionen genauso schnell wie die Städte, in denen er lebt und arbeitet.

www.salvatoreviviano.com

BÜRO WELTAUSSTELLUNG

Die bis weit in die Nacht dauernden und meist gut besuchten Eröffnungen im Büro Weltausstellung in der Praterstraße 42 belegen, dass bei der Präsentation von Gegenwartskunst der Szenefaktor eine große Rolle spielt: Hier ist die Subkultur zu Hause. Dieser geradezu archetypische Off-Space, den Stefan Bidner seit 2013 betreibt, ist Teil des Kunstvereins Wiener Art Foundation (WAF). Doch es ist vor allem der stilvoll abgerockte Space in der Praterstraße – Motto: Elegant Slumming –, der als permanente Spielwiese des Ausstellungsmachers dient und junge Künstler wie Martin Grandits, Begi Guggenheim und Rade Petrasevic als auch arrivierte Positionen wie Oswald Oberhuber, Erwin Wurm und Heimo Zobernig zeigt. Der Name bezieht sich auf die Geschichte des Ortes, da sich in den Räumen der Praterstraße 42 (damals Jägerzeile) die Büros zur Konzeption der Weltausstellung in Wien 1873 befanden. Das Büro für Weltausstellungen, so Bidner, der vor vier Jahren gemeinsam mit zwei Partnern auch die PARALLEL VIENNA, eine junge, expansive ausgerichtete Satellitenmesse zur viennacontemporary, etablierte, versteht sich als offene Ausstellungsplattform mit breit angelegtem Veranstaltungsprogramm, das unter anderem das sprachkünstlerische Format "Geschrei von Gegenüber" beinhaltet.

www.artfoundation.at

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