WALLY NEUZIL – Ihr Leben mit Egon Schiele

24.04.15

Wally Neuzil – Ihr Leben mit Egon Schiele

von Diethard Leopold, Stephan Pumberger und Birgit Summerauer (Hg.)
Brandstätter Verlag, 2015
Hardcover, 184 Seiten
ISBN 978-3850339117
Eur 29,90,-

 

 

Die großen klaren blauen Augen einer Frau schauen dem Betrachter entgegen, mit durchdringendem aber auch auf eine gewisse Weise melancholischem, fast traurigem Blick. Sie trägt schwarz, ein weißer Spitzenkragen ziert ihren Hals, ihr kastanienbraunes Haar umrahmt das etwas nach links geneigte Gesicht – das kleinformatige im Jahr 1912 entstandene Meisterwerk Egon Schieles Bildnis Wally Neuzil ist vielleicht das bekannteste Porträt seiner Muse, deren hypnotisierende Augen und auffallendes Haar so vertraut wirken. Aber auch noch einige andere Werke, wie etwa Frau in schwarzen Strümpfen – Wally Neuzil (1913), Frau in Unterwäsche und Strümpfen – Wally Neuzil (1913) oder Wally in roter Bluse mit erhobenen Knien (1913) faszinieren Kunstliebhaber seit Jahrzehnten. Schieles Porträts von Wally Neuzil zählen zu seinen berühmtesten Werken. Doch wer war diese Frau eigentlich, die in Schieles frühen, wichtigen Schaffensjahren dem Künstler für vier Jahre, von 1911 bis 1915, als treue Gefährtin und Lieblingsmodell auch durch Krisen und gesellschaftliche Ächtung zur Seite stand? Dieser Frage gehen die von Diethard Leopold, Stefan Pumberger und Birgit Summerauer kuratierte Ausstellung „Wally Neuzil. Ihr Leben mit Egon Schiele“ im Wiener Leopold Museum (27. Februar 2015 bis 1. Juni 2015) und das begleitende, im Brandstätter Verlag erschienene Buch nach. Die Ausstellung präsentiert insgesamt rund 200 Objekte, darunter 18 Gemälde, 43 Arbeiten auf Papier, ca. 80 Fotografien und Diapositive, 32 Autografen und zahlreiche weitere Dokumente. Das mit reichlich Bildmaterial und sehr ansprechend gestaltete Begleitbuch nähert sich mit Texten der Kuratoren sowie weiteren Beiträgen von Heidrun Zettelbauer und Ralph Gleis erstmals der Biografie dieser für Schiele so wichtigen Weggefährtin und erzählt von einem exemplarischen Frauenleben in Wien um 1900 zwischen prekären Verhältnissen und dem Wunsch nach einer selbstbestimmten Existenz.

Wally Neuzil stammte aus bescheidenen Verhältnissen und wurde 1894 in Tattendorf, Niederösterreich, geboren. Wie Schiele im Frühjahr 1911die damals sechzehnjährige Wally kennenlernte ist nicht überliefert. Es gibt nur wenige verlässliche Dokumente zu Wally Neuzils Leben und ihrer Beziehung zu Egon Schiele – was darauf zurückzuführen ist, dass Künstlermodelle in der damaligen Zeit fast gleichgestellt waren mit Prostituierten und zur untersten sozialen Schicht zählten. Auch lebte das Paar zusammen ohne verheiratet zu sein, was damals noch tabuisiert war und als unmoralisch galt. Durch intensive Recherche konnten die Kuratoren der Ausstellung bzw. Autoren des Buches sämtliche bekannte Quellen, Fotografien, Briefe, Postkarten wie Meldezettel, zusammentragen, um das Leben der Frau an der Seite Schieles zu rekonstruieren und ihr Verhältnis zu dem Künstler näher zu beleuchten. Ergänzt wurden diese durch Kunstwerke, in denen besonders Schieles Verhältnis zu Frauen dargelegt wird.

Es ist offensichtlich, dass Wally Neuzil auf sein außergewöhnliches Werk einen großen Einfluss ausgeübt und eine entscheidende Rolle in Schieles Leben gespielt hat. Sie hatte nicht nur Verständnis für seinen obsessiven Charakter, war hingebungsvolle Muse und tabuloses Modell, sondern kümmerte sich auch liebevoll um Schiele selbst, versuchte seine wirtschaftlichen Angelegenheiten in Ordnung zu halten und pflegte den Kontakt zu Sammlern und Galeristen seiner Werke. Einer der Autoren, Psychotherapeut Diethard Leopold, der im Buch die psychologische Seite der Beziehung der beiden analysiert, beschreibt Schiele als einen „ewigen Jüngling, androgynen Ästheten, sensibel bis zum Selbstüberdruss“ – Wally Neuzil demgegenüber als Frau „voll Verständnis, die in allzu großer Hingabe nicht sich sieht, sondern das, was abläuft, sieht, was sie sich mit ihm angetan hat.“

Auch als man Schiele 1912 fälschlich beschuldigte, Kinder und Jugendliche, die ihm Modell standen, missbraucht zu haben, und er für einige Tage ins Gefängnis musste, hielt Wally eisern zu ihm während viele seiner Freunde sich in dieser schwierigen Zeit von ihm abwandten. Schiele rechnete Wally ihr ehrenhaftes Verhalten hoch an, ihre emotionale Bindung zueinander schien sich noch mehr zu verfestigen, was vor allem seine Zeichnungen verdeutlichen. Auch entstand kurz nach seiner Inhaftierung das oben erwähnte Bildnis Wally und steht deutlich für die Anerkennung, die Schiele ihr entgegenbrachte. Dennoch hielt die Beziehung nur wenige Jahre, am 16. Februar 1915 schrieb Schiele an seinen Förderer Arthur Roessler: „Habe vor zu heiraten, - günstigst, nicht Wally vielleicht.“ Schiele heiratete im Juni 1915 Edith Harms, die Tochter eines benachbarten Schlossermeisters, und es kam zu einer schmerzhaften Trennung. Wally ließ sich letztlich jedoch nicht unterkriegen, es gelang ihr, eine vollständig eigenständige Existenz aufzubauen. Sie arbeitete als Krankenpflegerin in verschiedenen Kriegsspitälern, damals ein neues Berufsbild für Frauen. Am 25. Dezember 1917 verstirbt sie 23-jährig in Dalmatien an Scharlach an der Front des Ersten Weltkrieges. Schiele hatte Wally nach der Trennung nicht wieder gesehen. Als er von ihrem Tod erfuhr, änderte er den Titel seines monumentalen Hauptwerkes von 1915 Mann und Mädchen, in dem er das Ende seiner Beziehung zu Wally Neuzil verewigte, in Tod und Mädchen. Schiele und seine schwangere Frau Edith starben weniger als ein Jahr später an der Spanischen Grippe.

Obwohl ihre Lebenssituation ein Spiegelbild der sozialen Verhältnisse vieler Frauen ihrer Zeit war, die im krassen Gegensatz zu den oft glorifizierten Jahren der Gründerzeit mit ihrem Bauboom, den großbürgerlichen Familien und Sammlern standen, hatte Wally eine Faszination, die uns nur Egon Schiele übermitteln konnte. Sie ist in seinen Gemälden unsterblich geworden und in den Augen der Porträts, die er von ihr machte, sehen wir heute noch ihre stille Kraft. Diethard Leopold formuliert diese in seinem Vorwort des Buches als ihr eigentümlich zurückhaltender, still forschender Blick; ihre hellen, offenen Augen, die nichts und niemand den Weg versperren; und das Licht, das durch sie fällt.