Vivian Maier

08.01.15

Vivian Maier

Das Meisterwerk der unbekannten Photographin 1926–2009


Die sensationelle Entdeckung von John Maloof

Herausgegeben von Howard Greenberg

Mit Texten von Marvin Heiferman und Laura Lippman

288 Seiten, 233 Tafeln in Duotone und Farbe


ISBN 978-3-8296-0686-8


€ 58.00, €(A)59.70, CHF 77.90

I am a camera

Die Monografie „Vivian Maier. Das Meisterwerk der unbekannten Photographin“ präsentiert jetzt das Œuvre der „Nanny mit der Kamera“ als umfangreiche Zusammenschau der Forschungsergebnisse von Dokumentarfilmen und Ausstellungen.

Die ersten Fotos von Vivian Maier tauchten vor sieben Jahren im Internet auf. Nach der Versteigerung eines Lagerbestandes in Chicago, bei dem tausende von nicht entwickelten Aufnahmen für eine Hand voll Dollar den Besitzer wechselten. Das war der Auftakt zu einer abenteuerlichen Spurensuche, die inzwischen ein Meisterwerk der Lichtbildkunst zu Tage förderte, während die Frau hinter der Kamera bis heute ein Rätsel geblieben ist. Das Œuvre hat spätestens seit dem vergangenen Jahr einen festen Platz in der Geschichte der Fotografie der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Vivian Maier (1926-2009), die in New York und Chicago ihr Leben als Kindermädchen verdiente, nie ohne ihre Kamera vor die Tür ging, nie ein Foto veröffentlichte, wurde binnen Kurzem zur Legende.

Die im Alter von 83 Jahren völlig verarmt gestorbene Künstlerin hat sich als solche nie verstanden. Die heute entwickelten Abzüge von Maiers unbeschnittenen Negativen zeigen, was die Fotografin im Sucher ihrer Kamera sah. Was hätte sie selber in der Dunkelkammer vergrößert, verkleinert, weggeschnitten? Wir wissen es nicht. Aber das Fazit ist: wir sehen Bilder von ungeheurer, sehr direkter Faszination. Die meisten wurden mit einer auf Brusthöhe getragenen Rolleiflex gemacht, mit den für diesen Apparat typischen quadratischen Negativen in schwarz-weiß. Vivian Maiers große Begabung war ein scharfer, unbestechlicher, manchmal gnadenloser, aber oft auch humorvoller Blick, mit dem sie die Welt sah. Sie suchte nicht, sie fand ihre Motive auf der Straße. Eine obsessive Hinguckerin, die das, was sie sah, in Bildern festhielt, die heute museumsreif sind.

Sie ging offensichtlich gerne ins Museum. Ihre Aufnahmen sind auf der Höhe der Zeit, so dass zu vermuten ist, dass sie die Entwicklung im damaligen Mekka der Fotokunst New York durchaus verfolgte. Sie ging leidenschaftlich gerne ins Kino. „I am a camera“. Der Satz findet sich auf der undatierten Aufnahme eines Kinoeingangs.

Eine wandelnde Kamera. So stellt man sich Vivian Maier vor, wenn man sich in die Monografie vertieft. Der Herausgeber tat gut daran, die Abbildungen nicht nach Genres zu ordnen. Die chronologische Folge der Aufnahmen ist vage. Doch es gibt einen Leitfaden. Den leeren roten Seiten, die als regelmäßige Zäsur die Bildfolge gliedern, folgt jeweils ein Selbstporträt der Fotografin. Gespiegelt in Schaufenstern, Rückspiegeln, Gläsern. Manchmal ist sie als Schatten im Bild wahrzunehmen. Eine hochgewachsene Frau, die gerne weite Blusen und lange Röcke trug, immer einen großen Hut auf dem Kopf und feste Schuhe an den Füßen hatte. Drei ehemalige Zöglinge, die sich um ihre im Alter zum Sonderling gewordene Kinderfrau gekümmert hatten, schrieben bei deren Tod in einer Zeitungsannonce in Chicago: „Sie war uns wie eine zweite Mutter. Ein Freigeist, der das Leben aller, die sie kannten, wie mit Zauberhand berührte.“