Rolf-Bernhard Essig, Gudrun Schury: Schlimme Finger

11.06.15

Essig, Rolf-Bernhard / Schury, Gudrun
Schlimme Finger
Eine Kriminalgeschichte der Künste von Villon bis Beltracchi
2015. 304 S.: mit 22 Abbildungen. Klappenbroschur
ISBN 978-3-406-67372-6
Auch als E-Book lieferbar.
Das Werk ist Teil der Reihe:
(C.H.Beck Paperback; 6181)
Erschienen: 10.03.2015
14,95 Euro.

 

Was haben der Bildhauer Veit Stoß, der Maler Caravaggio, der Komponist Carlo Gesualdo, der Schriftsteller Karl May und der Dichter Jean Genet gemeinsam? Alle fünf waren Künstler und gerieten in ihrem Leben mehr als einmal mit dem Gesetz in Konflikt. Ihrer Tour d'Horizont durch die Kriminalgeschichte der Künste, dargestellt an Beispielen aus 700 Jahren, gaben

Rolf-Bernhard Essig und Gudrun Schury den etwas populären Titel „Schlimme Finger“. Dabei zeichnen sich die16 Künstlerporträts dieses Sachbuchs gerade durch genaue historische Recherchen aus, durch eine Fülle von Informationen und spannende Einbettung der Biografien in die Kulturgeschichte des jeweiligen Jahrhunderts. Spekulationen, zu denen das Thema verführen könnte, fehlen. Geradezu nüchtern, gerne auch leicht ironisch werden die Untaten der kreativen Größen hier beschrieben, ohne dass ihre Leistungen in Frage gestellt würden.   

Ein Künstlerleben mit krimineller Abseite – Mord, Betrug oder Diebstahl –  macht immer neugierig. Sind Kunst und Verbrechen eventuell enge Geschwister? In einem einleitenden Essay wird solchen Mutmaßungen gleich der Wind aus den Segeln genommen. Die schroffen naturalistischen Darstellungen des italienischen Barockmalers Caravaggio verdanken sich nicht seiner bis zum Mord reichenden Gewalttätigkeit. Die vielen blutigen Auseinandersetzungen in seinem Leben führten nicht zu den drastischen Gemälden, die wir heute bewundern.

Schon eher spielten Gefängnisaufenthalte infolge von Gesetzesbrüchen eine direkte Rolle für das Werk von Schriftstellern. Der Hang zur Kriminalität bei dem französischen Dichter Jean Genet ist bekannt. „Ich glaube an die Welt der Gefängnisse und an ihre verworrenen Gebräuche“, schrieb er und spiegelte diese Welt in seinen Schriften. Genet wurde im zwanzigsten Jahrhundert zum Kultdichter. Zahlreiche Kollegen verehrten ihn: Rainer Werner Fassbinder, William S. Burroughs, Jack Kerouac, Allen Ginsburg. „Wir übernahmen seine Weltsicht als die unsrige“, äußerte die amerikanische Rocksängerin Patti Smith.

Für den Schriftsteller Hans Fallada waren die Aufenthalte in Psychiatrie und Gefängnis (Totschlag, Beschaffungskriminalität) zweifellos einfach erst mal nur tragisch. Wie sehr sie sein Werk beeinflussten, verrät aber schon der Titel eines seiner Romane „Wer einmal aus dem Blechnapf frisst“.

Die Auswahl der Künstlerpersönlichkeiten in diesem Buch erscheint etwas willkürlich, geht querbeet durch hoch und tief in der Kunst und kann ohnehin nur pars pro toto sein. Den Auftakt macht das Vagabundenleben des französischen Dichters Francois Villon. Das Finale gilt dem Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi, der, 2011 zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt, im Januar 2015 aus der Haft entlassen wurde. Die Strafe wurde zur Bewährung ausgesetzt. Benvenuto Cellini, dessen unermesslich kostbare goldgeschmiedete Saliera noch vor kurzem für Furore sorgte, als sie aus dem Kunsthistorischen Museum Wien gestohlen wurde, kam trotz eines Mordes ganz ungeschoren davon. Männer wie Benvenuto, die in ihrem Beruf ganz einzigartig seien, sollten nicht dem Gesetz unterworfen werden, befand Papst Paul III. Das war im 16. Jahrhundert. Wie auch immer. Jedes Kapitel in dieser Chronologie zu Kunst und Verbrechen ist auf seine Weise hochinteressant.

Rolf-Bernhard Essig, Gudrun Schury: Schlimme Finger. C. H. Beck Verlag, 240 S., 25 Abb., 14,95 Euro.  

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