Niemals bunt, aber immer voller Nuancen

29.08.16

Die Farbe Grau (2016)
Hrsg. v. Bushart, Magdalena / Wedekind, Gregor
ISBN: 978-3-11-037279-3
Produkttyp: Bücher
Format: Gebunden
De Gruyter Verlag
328 Seiten
79,90 Euro 

 

Erstmals widmet sich ein wissenschaftlicher Sammelband der Bedeutung der Farbe Grau in der Kunst 

Dem Grau in der Kunst widmete bisher noch niemand eine ausführliche und epochenübergreifende Untersuchung. Das muss man nicht unbedingt überraschend finden. Nach der Lektüre des Buches „Die Farbe Grau“, das Magdalena Bushart und Gregor Wedekind herausgegeben haben, gibt es jedoch einigen Grund, über die kunsthistorische Nicht-Beachtung zu staunen. Denn grau war niemals einfach eine Farbe, wie rot und blau und grün. Grau war immer etwas Besonderes: „Buntes unbunt wiederzugeben bedeutet, den artifiziellen Charakter des Kunstwerks, sein Gemachtsein zu betonen“, schreiben die Herausgeber am Anfang und geben damit die Betrachtungsweise vor: Grau gegen bunt, künstlerische Darstellung gegen außerkünstlerische Bedeutung, Realismus gegen Theologie, Symbolismus und Kunsttheorie.

Der Bogen, den sie im Verlauf des Buches ihre Autoren schlagen lassen, führt von Grisaille in der Glasmalerei des Mittelalters über die Brüder van Eyck zu den Sgraffito-Dekorationen des Florentiner Quattrocento und zu Grau im „Goldenen Zeitalter der Niederlande“. Darüber hinaus werden Grau-Malereien unter anderem bei John Constable, Philipp Otto Runge, im Symbolismus und bei Cy Twombly und Gerhard Richter betrachtet. Ausgangspunkt ist meist ein bestimmtes Werk oder ein Künstler, was die Lektüre dieser doch sehr wissenschaftlichen Textansammlung einfacher und die Argumentationen leichter nachvollziehbar machen.

Etwa die von Saskia Pütz, die anhand von Philipp Otto Runges „Petrus auf dem Meer“ die Farbtheorie des Malers vorstellt. Ihre Argumentation startet beim linken Fuß des Petrus, der nicht konkret positioniert wurde, so dass er sich im Wasser aufzulösen scheint. Am Ende des Ausflugs zu den Farbtheorien von Runge und Goethe steht die Feststellung: „So wird Buntfarbe als göttliche Offenbarung und Schöpfung aus oder gegenüber dem uneigentlichen Mischwert des Graus für den Betrachter auf der Leinwand nachvollziehbar. Der sich im Prozess des Auflösung befindliche Fuß ist somit kein Zeichen künstlerischer Defizienz oder einer noch fehlenden Ausführung, sondern kann als zentrales Moment eines Programmbildes in künstlerisch-theologischer Hinsicht gedeutet werden.“

Auch Oliver Jehle spricht in seinem Text „Mythe en Gris. Amor, Psyche und die Kunst der Tapete“ von Grau als einer Farbe, die vor allem genutzt wird, um mehrfache Bedeutung zu vermitteln. Jehles Untersuchungsgegenstand ist ein ab 1815 produzierter exquisiter Tapetenzyklus der Firma Joseph Dufour et Cie, der die Erzählungen von Amor und Psyche als Grisaillen auf Tapeten drucken ließ. Neben Überlegungen zur Übersetzung von Schriftbildern in Malerei führt Jehle den Leser zu der Erkenntnis: „Die Grisaille lenkt so den Blick auf die Verteilung von Hell und Dunkel und damit auf das entstehende Körperrelief, das durch einen Erfahrungssinn erschlossen wird, dessen substitutiver Charakter darin liegt, dass der optischen Wahrnehmung ein taktiler Zugang ermöglicht wird.“

Diese wenigen Beispiele zeigen nicht nur, wie bedeutend die Farbe Grau für die Kunst und die Künstler war und ist, sondern auch, wie bewusst, beziehungsreich und entschieden sie eingesetzt wurde. Am Ende des überaus interessanten Bandes vermisst man allein einen Ausblick auf weitere Grau-Maler jüngerer Generationen.

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