Leere Theorien und praktische Beispiele - Ein Buch über politische Kunstausstellungen

28.02.17
Verena Krieger, Elisabeth Fritz "When exhibitions become politics"

Verena Krieger, Elisabeth Fritz
"When exhibitions become politics" 
Geschichte und Strategien
der politischen Kunstausstellung

seit den 1960er Jahren
ISBN 978-3-412-50377-2
Böhlau Verlag
292 Seiten
47 Euro

Tagungsteilnehmer sind nicht immer zu beneiden. Zwar bekommen sie kluge Dinge kluger Menschen zu hören und können am Ende sogar selbst mitdiskutieren. Doch nicht immer ist das unterhaltsam und nicht immer erschließt sich beim Hören, worum es geht. So muss es auch beim Symposium im Mai 2014 in der Friedrich-Schiller-Universität Jena gewesen sein. Umständliche Erklärungen, pointenlose Vortragskapitel, fremdwortgespickte Satzungetüme voller Zitatandeutungen – so lesen sich viele der dort gehaltenen Vorträge, die jetzt als Buch erschienen sind.

Das ist schade, denn es geht um das spannende Thema der politischen Kunstausstellung. Doch wenn einige der in diesem Buch Vortragenden Ausstellungen machen, wie sie reden und schreiben, dann kann man gut verstehen, warum es für manchen potentiellen Besucher unsichtbare Schwellen und Hürden gibt, ein Museum oder ein Ausstellungshaus mit zeitgenössischer Kunst zu betreten. So heißt es in der Einführung des Bandes "When exhibitions become politics." Geschichte und Strategien der politischen Kunstausstellung seit den 1960er Jahren von Verena Krieger, Professorin für Kunstgeschichte an der Uni Jena und Elisabeth Fritz, wissenschaftliche Assistentin am selben Lehrstuhl: "Eine Politizität der Kunstausstellung gibt es aber auch in einem engeren, spezifischeren Sinne. Sie generiert sich aus der Involvierung in aktuelle gesellschaftspolitische Themen und Konflikte - sei dies nun explizit oder implizit, intentional oder unfreiwillig der Fall."

Dabei braucht es bei diesem Thema weniger abgrenzende Fachsprache als eine Versammlung von Kunst, die für die Ausstellungsbesucher relevant, aufregend und mit politischer Aussage ist. Sonst gerät das Ganze zu einer pädagogischen Veranstaltung, wie die beiden Wissenschaftlerinnen selbst erfahren durften. Sie organisierten in Jena die Ausstellung "BrandSchutz" und mussten konstatieren, dass die Ausstellung vor allem politisch wahrgenommen wurde, nicht ästhetisch. Außerdem wollten viele Unterstützer nicht direkt mit dem Projekt in Verbindung gebracht werden, obwohl sie es nicht offen ablehnten. Und auch der Titel "BrandSchutz" erwies sich als wenig geschickt gewählt: Während die einen sich agitiert fühlten, gab es andere, die – durchaus naheliegend – eine Feuerwehrausstellung zu besuchen hofften. Da bleibt den Kuratorinnen als Fazit nur der hilflose Satz: "Die Qualitäten von "BrandSchutz" erwiesen sich folglich auch als seine schwache Seite, und umgekehrt machten seine Schwächen zu einem Gutteil auch seine Stärken aus." 

Weniger nebulös und theoretisierend, dafür anschaulich und nah am Thema ist dagegen der Vortrag von Elena Korowin, der für viele der anderen allzu theoretischen Textbeiträge entschädigt. Korowin schreibt über die Ausstellung "Verbotene Kunst", die Andrej Jerofejew 2006 im Sacharow-Zentrum in Moskau organisierte. Dabei ging es nicht um Kunst, die während der Sowjetherrschaft verboten wurde, sondern um aktuelle Werke. Jerofejew, Kurator für zeitgenössische Kunst an der Tretjakow-Galerie, zeigte Werke, die Kuratorenkollegen für Ausstellungen vorgeschlagen hatten, die aber von deren Vorgesetzten im Prozess der Ausstellungsvorbereitungen abgelehnt worden waren. Denn in Russland wird Kunst als politisch empfunden, dagegen protestiert, prozessiert und auch zerstört. Deshalb hat eine Ausstellung aktueller Kunst immer politische Relevanz, die die Kuratoren mit beachten müssen. Dass es jedoch oft nicht zu Gewalt und Diskussionen kommt, liegt an der vorab verbotenen Kunst. Die Beschreibung dieser Mechanismen, der Gründe für die Sensibilität des russischen Volkes auf Kunst und der Einfluss des westlichen Kunstmarktes zeigt, wie aktuell das Thema sein kann.

Die Erkenntnis nach Lesen des Tagungsbandes, mag so bitter sein, dass sie niemand formuliert hat. Denn sie lautet: Eine politische Kunstausstellung funktioniert nur, wenn es Künstler gibt, die nicht Auftragserfüller einer Kuratorenidee sind, sondern deren künstlerisches Thema in ihrem Land, ihrer Kultur, ihrer speziellen politischen Situation relevant ist.

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